Ruhe nach 22:00 Uhr oder nicht? Darüber wird der GGR der Stadt Zug frühestens im Mai diskutieren. (Bild: Facebook Stadt Zug)
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Ruhe nach 22:00 Uhr oder nicht? Darüber wird der GGR der Stadt Zug frühestens im Mai diskutieren. (Bild: Facebook Stadt Zug)

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Der Zuger Stadtrat hält an seiner Strategie für die Belebung der Altstadt fest. Das zeigt die Stadtregierung in ihrer Antwort auf einen Vorstoss von Martin Eisenring, CVP-Gemeinderat und Altstadtbewohner. Eine «Festmeile» im Quartier sei zwar kein Thema, sagt die Stadt, aber Ruhe allein mache auch keine gute Wohnqualität aus. Der Interpellant sieht hingegen gerade diese bedroht und wirft der Stadt Kurzsichtigkeit vor. 

«Wie viel Lärm darf es sein?», lautet die Frage im Zuger Altstadt-Quartier. Immer noch. Und wohl noch lange. Denn die Interessen von Stadt und Bewohner gehen weit auseinander, wenn es um die Zukunft der beiden Altstadt-Gassen «Ober Altstadt» und «Unter Altstadt» geht. Kurz auf den Punkt gebracht heisst das: Die Stadt will Leben, die Anwohner wollen Ruhe (zentral+ berichtete).

Ruhe will auch Martin Eisenring, CVP-Gemeinderat und Altstadtbewohner. Er reichte eine Interpellation ein und kritisierte darin die Pläne des Stadtrats, der eine Belebung der Altstadt beabsichtigt. Die Antwort auf diesen Vorstoss macht nun deutlich, dass die Stadt an ihrem Vorhaben festhält. Dieses Frage- und Antwortspiel dürfte aber erst der Anfang einer schwierigen politischen Verhandlung sein.

«Erhebliche» Verminderung der Wohnqualität befürchtet

Der Auslöser für die wiederkehrenden Auseinandersetzungen bildet das revidierte Altstadtreglement. Es soll noch diesen Frühling in den Grossen Gemeinderat (GGR) kommen – frühestens im Mai, teilt die Stadtkanzlei auf Anfrage mit. Ziel des überarbeiteten Papiers ist es, das Quartier attraktiver zu gestalten und zu beleben. Vor allem will die Stadt «publikumsattraktive Nutzungen in den Erdgeschossen» fördern. Und: Neu wären «mässig störende» Betriebe zugelassen. Doch genau diese Punkte stossen bei Bewohnern auf Widerstand.

In seiner Interpellation wollte Martin Eisenring unter anderem vom Stadtrat wissen, wie dieser «beleben» definiere und ob eine Verminderung der Wohnqualität mit dem neuen Reglement explizit in Kauf genommen werde. Genau dies befürchten die Bewohner der Altstadt, schreibt Eisenring in der Interpellation. Und zwar besonders wegen der «Belebung durch Gastwirtschafts-Betriebe während den Ruhe- und Nachtzeiten». Zudem würden die Interessen der Wohnbevölkerung nicht berücksichtigt.

Die Betriebe leben nicht von den Quartier-Bewohnern

Ausserdem sei zu prüfen, ob der Verlust der Wohnqualität zu einem Wegzug der Bewohner führen könnte, fordert Eisenring. Dies wiederum hätte möglicherweise negative Auswirkungen auf die bestehenden Gewerbebetriebe. Der Interpellant geht davon aus, dass die Bewohner der beiden Gassen wichtige Kunden für Betriebe wie die Metzgerei Aklin und das Gasthaus Rathauskeller seien.

Von den 1'136 Altstadtbewohnern leben 362 im betroffenen Gebiet.

Stadtrat Zug

Der Stadtrat sieht das etwas anders: «Die bestehenden Gewerbebetriebe in der Altstadt von Zug leben nur zu einem sehr geringen Teil von den Bewohnern der Altstadt.» Die Stadt fügt Zahlen an: Von den total 1'136 Altstadtbewohnern leben 362 im betroffenen Gebiet.

Der Umsatz der Detailhandelsgeschäfte werde an Wochentagen massgeblich durch die Bevölkerung anderer Quartiere getragen, so die Stadt. «Die Gastronomiebetriebe vermögen einzig durch Kundschaft aus der gesamten Stadt, beziehungsweise der Region, zu bestehen. Die Bevölkerung der Altstadt ist dafür bedeutend zu klein», antwortet der Stadtrat.

Die Festmeile kommt auf das Siemensareal

Bei der Frage, wie denn «beleben» definiert werde, weist der Stadtrat darauf hin, dass in der Altstadt keinesfalls – wie von Kritikern befürchtet – eine «Festmeile» entstehen soll. Eine solche sei weder vorgesehen noch erwünscht. Eine diesbezügliche «Zone für Nachtleben» werde im Siemensareal angestrebt, also in einer ganz anderen Gegend der Stadt. 

Die Stadt will eine Vielfalt an Angeboten in der Altstadt, eine hohe Nutzerdichte, Netzwerk-Möglichkeiten, und dass sich alle Bewohner der Altstadt sowie Besucher der Region mit dem Ort identifizieren können. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, stützt sie sich auf mehrere Mitwirkungsprojekte, in welchen die Bevölkerung ihre Ansichten zur Quartierentwicklung äussern konnte (Zukunftskonferenz 2005, «Wir sind Zug», «freiraum-zug»).   

Kritisch beurteilt die Stadt das Argument der Wohnqualität: «Die Wohn- und Lebensqualität beruht auf verschiedenen Faktoren, sie geht nicht einzig vom Faktor Ruhe aus.» Bestimmend seien die Lage, das Quartier, die Erschliessung, die Nähe der Freiräume, die Aussicht, etc. Ausserdem weist der Stadtrat mehrmals in seiner Antwort darauf hin, dass ein Stadtzentrum keine reine Wohnzone sei. Auch die Altstadt sollte zum gesellschaftlichen und sozialen Zentrum der Region Zug gehören.

Klares Konzept fehlt

Martin Eisenring ist mit der Antwort der Stadt teilweise zufrieden. Seine Anfrage sei ausführlich und aufwendig beantwortet worden, sagt der CVP-Gemeinderat. Es sei ausserdem erfreulich, dass in der Antwort auf das Thema «Wohnen» eingegangen werde.

Problematisch findet er aber, dass zu diesem Thema im revidierten Altstadtreglement «jede Spur fehlt». Er sagt: «Das sollte auch im Reglement vorhanden sein und nicht nur in dem hier vorliegenden Bericht.»

Von der Antwort hätte er sich mehr Handfestes gewünscht: «Was mir noch fehlt, ist ein konkreter Plan. Wo will man hin, was will man wo?», hinterfragt Eisenring. Für ihn kommen die Entscheide über die unterschiedlichen Nutzungen jeweils etwas zufällig daher. «Es fehlt an der Voraussehbarkeit.»

Was mir noch fehlt, ist ein konkreter Plan.

Martin Eisenring, Mitglied GGR Stadt Zug

Eisenring ist der Ansicht, die Stadt sollte ein Bild davon erstellen, wie die Altstadt in Zukunft aussehen soll. «Gerade auch in Hinblick auf den möglichen Wegzug der Stadtverwaltung aus dem Quartier und den eventuellen Bau des Stadttunnels muss man sich weitreichende Überlegungen für die Quartierentwicklung machen», sagt Eisenring.

Es ist absehbar, dass sich die gesamte Diskussion um die Entwicklung des Quartiers am Konflikt zwischen «Wohnen» und «nächtliche Nutzungen» aufreiben wird. So zum Beispiel auch daran, dass der Stadtrat in seiner Antwort sagt, ein Gastrobetrieb mit Aussenlärm müsse nicht per se um 22:00 Uhr schliessen.

Eisenring ist überzeugt: «Aus der Nachbarschaft ist mit grossem Widerstand zu rechnen.» Das kündigten Vertreter der Nachbarschaftsvereine gegenüber zentral+ bereits Ende letzten Jahres an. 

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