Will mit Hilfe der Kunst neue Fragen an den Löwen stellen: Peter Fischer, ehemaliger Direktor des Kunstmuseums Luzern. (Bild: gwa)
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Will mit Hilfe der Kunst neue Fragen an den Löwen stellen: Peter Fischer, ehemaliger Direktor des Kunstmuseums Luzern. (Bild: gwa)

Ehemaliger Kunstmuseumsdirektor will neuen Zugang zum Löwen schaffen

7min Lesezeit

Den Teich betauchen, dem Löwen den Rücken zuwenden und sich in Söldner versetzen: Ab Juni finden künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Luzerner Löwendenkmal statt. Projektleiter ist Peter Fischer, langjähriger Direktor des Kunstmuseums. Das Ziel: Mit Hilfe der Kunst Fragen stellen, die so sonst vielleicht nicht auftauchen würden.

Mathias Haehl

zentralplus: Peter Fischer, wie betrachteten Sie das Luzerner Löwendenkmal, als Sie ein Kind waren?

Peter Fischer: An den Löwen habe ich aus meiner Kindheit keine grossen Erinnerungen. Obwohl in der näheren Nachbarschaft aufgewachsen, liess ich ihn damals links liegen auf dem Weg in den viel faszinierenderen Spiegelsaal des Gletschergartens.

zentralplus: Mark Twain hat gesagt, es sei das «traurigste und bewegendste Stück Stein der Welt». Laut der Website von Luzern Tourismus ist es ein «Mahnmal mit Strahlkraft». Aber wofür steht es denn heute?

Fischer: Dieser Tourismusslogan zielt völlig daneben. Das Löwendenkmal besitzt zwar offensichtlich Strahlkraft: ablesbar an den mehr als einer Million Touristen, die es jedes Jahr besuchen. Es ist aber kein Mahnmal. Damals wie heute steht es für die Niederlage von Schweizer Söldnern, die auf dem Höhepunkt der Französischen Revolution am 10. August 1792 den königlichen Tuilerienpalast gegen das aufgebrachte Volk zu verteidigen versuchten und dabei umgekommen sind.

«Die Geister und Dämonen werden es verschmerzen, ein paar der Münzen mit den Hobbytaucherinnen zu teilen.»

zentralplus: Das Denkmal ist auch Glücksbringer, Menschen werfen immer wieder Münzen hinein. Bis ein paar Findige das Bargeld rausfischten – und bis zu 600 Franken täglich nach Hause schleppten. Was sagt uns das?

Fischer: Das ist eine kürzlich von den Medien aufgewärmte alte Geschichte. Die Kinder aus dem Quartier fischen seit bald 200 Jahren Münzen aus dem Teich. Dass man sie dort reinwirft, ist eigentlich ein schöner uralter Brauch, denn man opfert damit den Geistern und Dämonen, die seit jeher die Wasser bewohnen. Sie werden es verschmerzen, ein paar der Münzen mit den Hobbytaucherinnen zu teilen.

«Die Kunst ist prädestiniert dafür, Fragen zu stellen.»

zentralplus: Was wollen Sie jetzt, 200 Jahre danach, mit dem Langzeit-Projekt «Löwendenkmal21» erreichen?

Fischer: In diesem von der Kunsthalle Luzern initiierten Projekt thematisieren wir das Löwendenkmal mit künstlerischen Mitteln und Aktionen. Es gibt also Ausstellungen und künstlerische Veranstaltungen vor Ort. Die Kunst ist prädestiniert dafür, Fragen zu stellen. Und das ist wichtig, denn wir wollen zum Nachdenken anregen darüber, woran wir uns beziehungsweise woran sich unsere Gesellschaft erinnern will und was uns dieser Ort sagen kann.

zentralplus: Wen wollen Sie vor allem bewegen?

Fischer: Der Löwe selbst bewegt ja schon alle seine Besucher – ich habe dafür den Leitspruch «Löwenschmerz rührt das Herz» kreiert. So wollen auch wir in unserem Projekt alle ansprechen und alle dazu bewegen. Indem wir sowohl die Touristen wie auch die lokale Bevölkerung ansprechen, geht es darum, Brücken zu bauen in diesem spannungsvollen internationalen Miteinander in Luzern. Jeder und jede ist vor dem Löwen gleich und es gibt keine richtige oder falsche Art, ihm entgegenzutreten. So heisst denn auch die Ausstellung, die wir im Herbst in der Kunsthalle veranstalten werden, «We are the Lion».

Peter Fischer

Peter Fischer (61) studierte Kunstgeschichte, Deutsche Literatur und Musikwissenschaft. Er war von 2001 bis 2011 Direktor des Kunstmuseums Luzern sowie Lehrbeauftragter an der Hochschule Luzern Design und Kunst. Von 2011 bis 2016 leitete er als Direktor das Zentrum Paul Klee in Bern. Seither arbeitet der in Hitzkirch wohnhafte Fischer als Kurator und Kunstsachverständiger und betreut derzeit nebst anderem das Langzeit-Projekt «Löwendenkmal21».

zentralplus: Auf was freuen Sie sich besonders?

Fischer: Ich freue mich besonders auf die vielen Aktionen und Interventionen, welche die Künstlerinnen und Künstler direkt vor Ort inszenieren. Sie sind manchmal witzig, manchmal unterhaltsam, manchmal provokant und immer anregend. So beginnen wir am 1. Juni nicht zufällig mit einem Tauchgang von Heidi Hostettler zur Unterwassererkundung des Teichs. Beschliessen werden wir unsere diesjährigen Performancereihen am 15. September während der europäischen Tage des Denkmals mit einer Tanzbeschwörung und einer spektakulären Einnebelung des Löwen am 15. September durch Lilian Frei.

zentralplus: Wie veränderte sich Ihre einst kindliche Sicht durch die Beschäftigung mit den Feierlichkeiten?

Fischer: Neu ist jetzt die bewusste Auseinandersetzung. Nicht nur mit diesem konkreten Denkmal, sondern auch damit, was ein Denkmal ganz allgemein für eine Gemeinschaft darstellt.

zentralplus: Sie sind ja schon ein paar Jahre nicht mehr in Luzern tätig. Wie erfahren Sie Luzern, wenn Sie hierher zurückkehren?

Fischer: Den Kontakt habe ich natürlich nicht verloren, und ich schätze an Luzern beziehungsweise an den Luzernerinnen und Luzernern nach wie vor ihre Neugier, die ich nun am Löwendenkmal ganz besonders herausfordern möchte.

«Toleranz sollte auch die Tourismuswirtschaft zeigen, die im Schaffen neuer Nachfragen manchmal wenig Mass kennt – Stichwort Disneyfizierung der Rigi.»

zentralplus: Wie erleben Sie die Touristenmassen in der Stadt und der Region?

Fischer: Luzern ohne Touristen wäre unvorstellbar. Sie bringen die Welt nach Luzern und nähren zugleich den Stolz der Luzerner. Etwas mehr Toleranz wäre hie und da angebracht. Wieso denken wir bei Begegnungen mit ihnen nicht an unsere eigenen Ausflüge nach Paris, London oder auf den Markusplatz? Toleranz heisst aber auch Respekt, der gegenseitig verlangt werden kann. Auch von der Tourismuswirtschaft, die im Schaffen neuer Nachfragen manchmal wenig Mass kennt – Stichwort Disneyfizierung der Rigi.

«Zum Glück gehört das Löwendenkmal der Stadt, der Kanton würde es sonst noch nach China verscherbeln …»

zentralplus: Man hat den Eindruck, dass die Politik nur noch Tourismus fördert, dafür Kultur und Bildung zusehends vernachlässigt. Stimmt das?

Fischer: Es geht nicht darum, Tourismus, Kultur und Bildung gegeneinander auszuspielen. Die Crux mit der aktuellen Politik, besonders der kantonalen luzernischen Politik, liegt darin, dass ihre Repräsentanten aus den Augen verlieren, wozu der Staat da ist, nämlich um das Gemeinwohl zu fördern. So kommen im Zuge unnützer und kurzsichtiger Sparübungen – ich erwähne nur die ernstlich anvisierte Schliessung der kantonalen Museen – Kultur, Bildung und soziale Anliegen gleichermassen unter die Räder. Zum Glück gehört das Löwendenkmal der Stadt, der Kanton würde es sonst noch nach China verscherbeln … Aber eigentlich passt der sterbende Löwe gut zur kantonalen Politik. Ob als Sinnbild für Heldenmut oder als Zeichen des Untergangs einer Ära, diese Interpretation sei jedem und jeder selbst überlassen. 

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