Respekt: Kathleen McNurney begegnet ihrem Umfeld stets auf Augenhöhe, das macht ihren Erfolg aus. (Bild: hae)
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Respekt: Kathleen McNurney begegnet ihrem Umfeld stets auf Augenhöhe, das macht ihren Erfolg aus. (Bild: hae)

Kathleen McNurney: «Schreien, das ist nicht mein Stil»

10min Lesezeit

Die Amerikanerin Kathleen McNurney ist am Luzerner Theater nicht mehr wegzudenken: Seit 2009 brachte sie viel Wirbel auf die Tanzbühne. Ihre Kreativität bleibt der Region zwei weitere Jahre erhalten, macht zwölf Jahre. Ein Rückblick in zwölf Fragen.

Mathias Haehl

«Fördernd und fordernd», so charakterisierte Luzerns Stadtpräsident Beat Züsli die Tanzchefin Kathleen McNurney anlässlich des Jubiläumsprogrammes «Crescendo!». Richard Wherlock, der grosse Meister aus Basel, mit dem sie drei Jahre auch in Luzern gearbeitet hat, gestand, dass Kathleen McNurney ihn vieles gelehrt habe: «Frisur, Boss-Socken, Anzüge – und dann vor allem Respekt, Liebe und Verständnis».

Beim Interview sitzt die 65-jährige Amerikanerin mit geradem Rücken in den Gängen des Luzerner Theaters, trinkt Wasser und ist äusserst konzentriert. Für einmal nicht ganz in Schwarz gekleidet, strahlt sie in einer weissen Bluse.

zentralplus: Kathleen McNurney, Sie leiten seit zehn Jahren die Tanzsparte des Luzerner Theaters. Vor ein paar Tagen feierten Sie mit einem «Crescendo!»-Programm. Was haben Sie erreicht?

Kathleen McNurney: Das lässt sich leicht aufzählen: Tanz 1 bis Tanz 30. Das waren 30 verschiedene Produktionen, mit sehr vielen Uraufführungen. Wenig eingekaufte Stücke, das meiste made in Lucerne – und für Luzern. Eine grosse Menge Kreativität.

«Ich war erleichtert, es war wie eine Explosion im Publikum.»

Kathleen McNurney über ihre erste Aufführung in Luzern

zentralplus: Sie lassen direkt und emotional tanzen, Ihr Spiel geht in die Herzen des Publikums. Welches waren Ihre drei schönsten Momente am Haus?

McNurney: Tanz 1 war sehr speziell für uns: Eine neue Kompanie zusammengestellt, wir waren angespannt. Und ich durfte erstmals zeigen, was ich in meiner Richtung machen wollte: abstrakter Tanz. Man weiss ja nie, wie es ankommen wird. Luzern hat vorher fünf Jahre auf erzählerisches Tanztheater gesetzt. Und dann dieser grosse Applaus für eine abstrakte Aufführung.

zentralplus: Die Anspannung war gross?

McNurney: Ich war erleichtert, es war wie eine Explosion im Publikum. Dieser Wow-Effekt war sehr schön zu erleben. Als zweiten Favoriten möchte ich dem Triple Bill «Tanz 18: Celebration» nennen, wir wurden damit an Festivals eingeladen, nach Antwerpen, ans Holland Dance Festival oder bis nach Belgrad: Damit haben wir die Bühne gerockt. Und dann natürlich «Tanz 10: Romeo und Julia» von 2012, ein abendfüllendes Stück mit Orchester. Diese Lovestory kennt jeder und liebt jeder, wir hatten ein breites Publikum angesprochen. Das führte dazu, dass mich Leute auf der Strasse ansprachen und sich für die Aufführung bedankten. Das war immer mein Ziel: dass Tanz bewegt. Ziel erreicht: Wir hatten da 99 Prozent Auslastung.

Bunte Truppe: Kathleen McNurney und ihr Ensemble bezaubern seit zehn Jahren Luzern.
Bunte Truppe: Kathleen McNurney und ihr Ensemble bezaubern seit zehn Jahren Luzern. (Bild: zvg / Ingo Höhn)

zentralplus: Das ist leider nicht immer so, und dem starken Ruf steht eine beizeiten vergleichsweise Spielzeit 2017/18 schwache Auslastung entgegen. In Zürich läuft es unter Christian Spuck mit 98 Prozent Auslastung derzeit sensationell. Da hinkt Basel mit 79 Prozent hintendrein, Ihre Auslastung war gerade mal 56 Prozent, wie die «Schweiz am Wochenende» vorrechnete. Sind Sie unter Druck?

McNurney: Das ist überraschend, das war allerdings in der letzten Spielzeit. Ich nahm grosse Choreographen – aber in Luzern zog das kaum. Da merkte ich: Luzern kommt nicht ins Theater wegen Namen. Es gibt offenbar kein Rezept für den Erfolg. In dieser sind wir aber viel besser auf Kurs: Jetzt läuft «Orfeo ed Euredice», und das kommt sehr gut an.

zentralplus: Als Intendant Benedikt von Peter kam und von seiner neuen Idee sprach, die Grenzen zwischen den Sparten aufzuweichen, gab es Aufruhr. Wie rauften Sie sich mit ihm zusammen?

McNurney: Das war ein Generationswechsel, zweifellos. Mit seinem Vorgänger Dominique Mentha war ich in der gleichen Generation, und wir haben in ähnlichen Situationen gearbeitet. Aber mit Benedikt von Peter musste ich mich zuerst finden: Er ist bekannt dafür, dass er Stoffe auseinandernimmt und neu zusammenfügt, er hat einen neuen Stil nach Luzern gebracht – er ist ein Wilder, ein Pionier. Wir haben beide ein Gefühl für Qualität. Wir fanden uns auch künstlerisch und machten spartenübergreifende Projekte wie 2017 «Marienvesper» – die Leute haben das geliebt.

Direkt und emotional: Kathleen McNurney zielt auf die Herzen der Zuschauer.
Direkt und emotional: Kathleen McNurney zielt auf die Herzen der Zuschauer. (Bild: zvg / Gregory Batardon)

zentralplus: Richtig grosse Tanz- und Ballett-Kompanien gibt es nur noch in Zürich, Genf und Basel. Jene in Luzern, Bern und St. Gallen wurden zusammengeschrumpft. Wie wird sich die Tanzszene in Zukunft entwickeln: wie in der Schweiz, wie in Luzern?

McNurney: In der deutschsprachigen Schweiz machen wir in allen Städten ganz verschiedene Sachen, das begrüsse ich sehr. Die drei kleinen Städte Luzern, Bern und St. Gallen leuchten jeweils in anderen Farben. Alle haben ein Alleinstellungsmerkmal – das ist wichtig.

«Nummer eins meiner Rezepte ist: Respekt auf jeder Ebene.»

zentralplus: Und Benedikt von Peter lobte Sie: «Kathleen McNurney und ihre Kompanie machen eine tolle und extrem sensible Arbeit, die weit über Luzern hinausstrahlt.» Was ist Ihr Rezept im Umgang mit Ihrem zehnköpfigen Team, in dem es Tänzer gibt, die bald Ihre Enkel sein könnten?

McNurney: Das stimmt schon, wenn einer 22 ist! Ich bin mit diesem Generationswechsel sozusagen aufgewachsen: Ich war lange Tänzerin, dann war ich 15 Jahre Ballettmeisterin, da war ich sehr nah an den Jungen, und man wächst mit deren Mentalität mit. Nummer eins meiner Rezepte ist: Respekt auf jeder Ebene, wir arbeiten auf Augenhöhe. Ich bin zwar die Chefin, klar, aber die stehen auf der Bühne. Und das respektiere ich, die Kompanie arbeitet jeden Tag sehr hart. Und ich weiss, was das bedeutet, habe ich das doch in jungen Jahren selber gemacht. Aber ich habe auch Respekt gegenüber den Choreographen, dem Staff im Hintergrund: Bühnenarbeiter, Garderobieren und so weiter. Ich weiss, was es heisst, solche Produktionen auf die Bühne zu bringen. Und wenn etwas schiefläuft, muss ich das sofort korrigieren.

30 Jahre Schweiz, 10 Jahre Luzern

Kathleen McNurney (65) ist seit 2009/2010 die Künstlerische Leiterin von «Tanz Luzerner Theater». Sie wurde in Portland, Oregon (USA) geboren und schloss mit 19 Jahren ihre professionelle Tanzausbildung in New York ab. Vor über 30 Jahren kam sie als Solotänzerin zu Heinz Spoerli ans Basler Ballett. Nach ihrer Bühnenkarriere war Kathleen McNurney 15 Jahre als Ballettmeisterin und choreographische Assistentin in Deutschland und der Schweiz tätig. 

zentralplus: Ihr Erfolgsrezept: einerseits junge Talente entdecken und fördern, andererseits renommierte Namen nach Luzern holen. Sie gelten als «Miss perfect»!

McNurney: Ja, ich weiss, aber das ist ein Insider-Joke: Ich selber bin alles andere als perfekt – aber ich nehme meinen Job sehr ernst. Ich kenne mich halt in allem aus: Tanz, Bühnenbild, Kostüme, Beleuchtung, Choreographie, das ganze Rundherum. Das zu managen, kann man nirgends erlernen. Nur im Laufe einer Karriere wie der meinen. 

zentralplus: Was war das schönste Kompliment, das Sie in den zehn Jahren erhielten?

McNurney: Es war nur schon überwältigend, was alles an der Jubelfeier gesagt wurde. Das grösste Kompliment ist aber, dass ich hier bin. Und dass ich bleiben darf. Das tut gut.

zentralplus: Und wo müssten Sie Kritik üben?

McNurney: Wir sind alle sehr höflich miteinander. Wir schreien nicht. Ich übe sehr viel Selbstkritik. Manchmal habe ich gar das Gefühl, dass ich zu respektvoll bin: Ich hätte manchmal schneller und heftiger bei Choreographie und Tänzern eingreifen müssen, mehr meine Sicht der Dinge einbringen. Aber: Ich will nie schreien. Ich habe mit Leuten zusammengearbeitet, die schreien. Das ist nicht mein Stil.

Schwarz: Auch wenn Kathleen McNurney dunkle Kleider liebt, ihr Gemüt ist sonnig.
Schwarz: Auch wenn Kathleen McNurney dunkle Kleider liebt, ihr Gemüt ist sonnig. (Bild: zvg / Ingo Höhn)

zentralplus: Könnten Sie mit Kathleen McNurney zusammenarbeiten?

McNurney: Meistens, doch. Wegen dem Respekt. Und weil wir in der Kompanie eine sehr gute Atmosphäre haben. 

zentralplus: Sie betonen immer, wie Ihnen Luzern gefällt. In welchen Restaurants und Bars trifft man Sie in der Stadt?

McNurney: Weil ich hier gleich an der Reuss wohne, ist die Brasserie Bodu so schön nah. Ich liebe die französische Bistrot-Küche und die schöne Einrichtung. Und mit meinem Partner, Peter Klemm, dem technischen Direktor im Haus, gehe ich wenn möglich nach der Arbeit ins Mardi Gras. Anfangs gab es für mich nur den Job, ich konnte kaum schlafen und abschalten. Unser Deal aus dieser Zeit: Wir gehen auf ein Feierabendbier ins Mardi Gras, dort, an neutralem Ort, reden wir noch über die Arbeit. Aber zu Hause darf das dann kein Thema mehr sein.

Das «Crescendo!»-Programm zum zehnjährigen Engagement von Kathleen McNurney am Luzerner Theater gefällt in seinem kurzweiligen Mix von Videos und Tanzeinlagen. Es wird noch zweimal gegeben, und zwar am 12. Mai und am 9. Juni, jeweils um 19 Uhr.

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