In seinem Element: Erich Langjahr vor dem Ortsmuseum in Root. (Bild: les)
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In seinem Element: Erich Langjahr vor dem Ortsmuseum in Root. (Bild: les)

Bedeutendster Filmschaffender der Zentralschweiz agiert wie ein Maler

7min Lesezeit

Der Dokumentarfilmer Erich Langjahr feiert diesen Samstag seinen 75. Geburtstag. Historiker Pirmin Meier hebt dessen Schaffen auf eine Ebene mit den Künstlern Hans Erni oder Rolf Brem. zentralplus besuchte den Zuger im Ortsmuseum in Root. Ruhiger will er es auch in Zukunft nicht angehen lassen und arbeitet bereits an seinem nächsten Werk. 

«Herein, herein.» Voller Elan trifft zentralplus Erich Langjahr in seinem Ortsmuseum in Root. Sofort präsentiert er historische Schätze: Ein drehbarer Coiffeurstuhl gehört ebenso dazu wie die gesamten Utensilien eines Schuhmachers aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Langjahr ist in seinem Element.

Der in Zug aufgewachsene Dokumentarfilmer feierte diesen Samstag seinen 75. Geburtstag. Grosses Aufhebens macht er darum nicht. «Wir werden Mitte Juni auf das 20-Jahr-Jubiläum des Vereins FilmLiebhaberInnenZug und auf meinen Geburtstag anstossen», sagt Langjahr, der sich lieber seinen Werken widmet.

Das Alter ist ihm nicht anzumerken, auch wenn er sagt: «Ich spüre selbst, dass der Altersstress ein Thema wird. Alles ist endlich.» Sofort wird klar, Langjahr hat noch viel zu viele Projekte. Sich zur Ruhe zu setzen, ist aktuell kein Thema. «Früher konnte ich viel einfacher einmal einen Tag frei machen», sagt er.

Trudi Hegglin-Reichmuth, weit mehr als ein Original 

Der Innerschweizer Kulturpreisträger von 2002 gehört zu den wichtigsten Kultur-Persönlichkeiten der Zentralschweiz. Oder wie Historiker Pirmin Meier, welcher obengenannten Preis sechs Jahre später überreicht bekam, erklärt: «Erich Langjahr repräsentiert einen vergleichsweise ‹volksnahen› Typus des Kulturschaffenden, der auf seine unverwechselbare Weise seine Kunstsparte nicht nur vertritt, sondern sie in unserem Raum wie wenige weiterentwickelt hat.»

Er nennt Langjahr in einer Reihe mit Spielfilmregisseur Fredi M. Murer oder dessen Quasi-Schüler Edwin Beeler. Auch Hans Erni im Bereich der grafischen und malerischen Kunst oder Bildhauer Rolf Brem erwähnt Meier bezüglich Langjahrs Bedeutung.

Zu den bemerkenswertesten Eigenschaften von Erich Langjahr gehöre seine Neugier Menschen gegenüber. «Gerade solchen, denen er aufgrund ihres Lebens, Arbeitens, ihres eigenständigen Verhältnisses zur einheimischen Kultur zutraute, dass sie ihm Interessantes und Bewegendes einerseits ‹zeigen› können, andererseits erzählen, drittens aber vor allem repräsentieren», erklärt Meier.

Trudi Hegglin.
Trudi Hegglin. (Bild: langjahr-film.ch)

Die von Bildsprache geprägten Filme Langjahrs beschäftigen sich mit der Suche nach der Identität der Menschen und ihrer Heimat. Zu den wohl bekanntesten Werken gehören «Morgarten findet statt» (1978), «Ex Voto» (1985), «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend» (2002) oder «Mein erster Berg – ein Rigi-Film» (2012). Zu «Ex Voto» ergänzt Meier: «Es scheint offensichtlich, dass etwa eine Frau wie die Bäuerin Trudi Hegglin-Reichmuth auf ihre Weise einmalig war, durch niemanden ersetzbar, und doch weit mehr als ein Original.»

Der Unvoreingenommene 

Meier ist von Langjahrs Arbeit begeistert: «Dass der Dokumentarfilm zugleich Erzählung und poetische Kunst, der Film lebendig sein muss und zugleich Poesie verkörpern, das sind Eigenheiten des Filmschaffenden Erich Langjahr.» 

Er müsse sich weder anbiedern noch um jeden Preis kritisch sein. Typisch für seine jahrelangen fundierten filmischen Beobachtungen sind Sensibilität und Einfühlung.» Generell zeige er kulturelle und menschliche Empathie einerseits, andererseits eine Distanz, die aber nicht aus einer vorgefassten Ansicht beruht. «Nie geht Erich Langjahr mit der Einstellung an ein Werk, als würde er das, was er filmt, schon im Voraus kennen. In diesem Sinn beobachtet er Menschen und lässt sie auch zu Wort kommen.» Deshalb spiele sich der Zuger in seiner Arbeit nicht als Kenner auf, sondern dokumentiere fast tagebuchmässige die eigene Umgebung.

Der Vergleich zum Maler 

Aktuell arbeitet Langjahr gemeinsam mit Historiker Meier an einem neuen Werk. Diese Woche reisten die beiden ins Schwäbische, besuchten kulturhistorische Schätze und machten Filmaufnahmen. Beide bezeichnen die gegenseitige Arbeit als «hochinteressant» und machen einen begeisterten Eindruck.

Pirmin Meier, Erich Langjahr und Silvia Haselbeck arbeiten derzeit gemeinsam.
Pirmin Meier, Erich Langjahr und Silvia Haselbeck arbeiten derzeit gemeinsam. (Bild: zvg)

Langjahr selbst will über sein neuestes Projekt noch nicht viel verraten. «Wir legen gemeinsam eine Sammlung an.» Er nennt es Grundlagenforschung. Seine Werke reifen oftmals über mehrere Jahre. «Mein Stil, einen Film zu erstellen, kann mit dem eines Malers verglichen werden. Einmal legt man sehr viel Wert auf ein Detail, zu einem anderen Zeitpunkt betrachtet man das Objekt aus einer Distanz. Erst mit der Zeit und einem gewissen Abstand kann man die Bedeutung des Gesamtbildes erarbeiten», sagt Langjahr.

Die versteckte Gesellschaftskritik 

Zeitdruck, welcher oft auch aus finanziellem Druck entsteht, scheint Langjahr nicht zu kennen. Er gibt sich die Aufträge meist selbst und geht seinen eigenständigen Weg. Tatkräftig unterstützt wird er durch seine Partnerin Silvia Haselbeck. Dass Zeitdruck hingegen für viele Filmschaffende aufgrund knapper finanzieller Mittel eine Schwierigkeit darstellt, bedauert Langjahr sehr. «Viele Schlüsselstädte haben heute eine Filmschule. Und die Jungen machen hervorragende Filme», sagt er. Mehr Filmschaffende würden auch einen verschärften Kampf um Fördergelder bedeuten. «Darüberhinaus wird auch der Konkurrenzkampf auf den Kinoleinwänden vergrössert und jener um die Sendeplätze bei der SRG – vor allem für abendfüllende Dokumentarfilme.»

Langjahr ist als kritischer Geist bekannt. Widersprüchlichkeiten aufzuarbeiten ist Teil seines Schaffens. Die Filme sind das Gegenteil der Postkartenschweiz. Ob man diesbezüglich im Alter kritischer oder eher milder wird? «Mir ging es nie darum, eine Ideologie zu verkündigen», sagt der 75-Jährige. «Der Zuschauer soll beim Betrachten meiner Werke sein Denken und Handeln hinterfragen und so zu einem eigenen Standpunkt kommen.»

Nebst dem Filmschaffen hinterlässt Langjahr auch mit dem Ortsmuseum in Root seine Spuren. «Es fallen mir immer wieder Eigenschaften unserer Kultur auf, die von der älteren Generation noch für selbstverständlich gehalten wurden, von vielen aus der jüngeren Generation gar nicht mehr zur Kenntnis genommen werden.» 

Momentan arbeitet Erich Langjahr gemeinsam mit Silvia Haselbeck an der Fertigstellung des Films «Das Rössli, die Seele eines Dorfes». Die Langzeitstudie beinhaltet typischerweise ein Stück örtliches Schicksal mit hoffnungsvollem Ausgang.

Bemerkenswert bleiben einerseits das Motiv des Abbruchs mit der teilweisen Neuverwendung als Altersresidenz, andererseits ist die originellste Figur des Films, Seppi Wey, der Alt-Kirchensiegrist von Root, noch vor der Fertigstellung verstorben. Unfreiwillig ein Beispiel für Langjahrs Bemühen, das, was unwiederbringlich verloren geht, noch rechtzeitig auf die Leinwand zu bannen. Fast könnte man sagen: Filmt die Zentralschweiz, so lange es sie noch gibt!

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