Kunsthistoriker Walter Abegglen beim Untersuchen des tempelartigen Schreins aus Elfenbein. (Bild: Tijana Nikolic)
Kultur Kunst

Kunsthistoriker Walter Abegglen beim Untersuchen des tempelartigen Schreins aus Elfenbein. (Bild: Tijana Nikolic)

Silbergabeln einer Adelsfamilie ergattert – oder doch nur Trödelkram?

5min Lesezeit

Man erbt oder entdeckt auf dem Dachboden einen schönen, alten Gegenstand – nur, woher stammen die teils wertvollen Objekte und wie alt sind sie eigentlich? Antworten darauf gab es am Samstag im Museum Burg Zug. Von billigem Elfenbein aus China und einer bemalten Holzstatue Gottvaters – dem wertvollsten Gegenstand des diesjährigen Bestimmungstages.

Tijana Nikolic

Als Kunsthistoriker Walter Abegglen angebliche Silbergabeln einer Adelsfamilie aus der Ukraine vorgelegt wurden, verneinte er sogleich. «Der kleine Aufdruck auf der Gabelrückseite deutet auf kein echtes Silber hin. Ausserdem sind sie etwas zu leicht und fühlen sich nicht nach Silber an», sagte er. Sie würden aus dem zwanzigsten Jahrhundert stammen und seien wahrscheinlich sogar ein Export aus Amerika, der Beschriftung nach zu urteilen.

Doch die Silbergabeln waren nur einer der vielen Gegenstände, die im Rahmen des zweiten Bestimmungstages am Samstag im Museum Burg Zug beim Kolinplatz genauer unter die Lupe genommen wurden.

Erbstücke und Schätze von Flohmärkten

Bereits vor Beginn standen ein Dutzend Leute gespannt vor dem Eingang, wo es dieses Mal eine Ersteinschätzung der historischen Objekte gab. Danach wurde man weiter zu einem der neun Experten im grossen Saal des Museums geschickt. Vor Ort waren zum Beispiel Experten des Amts für Denkmalschutz und Archäologie, dem Staatsarchiv Zug oder der Bibliothek Zug. Nach Einlass fanden sich gleich Dutzende Personen ein, im Altersdurchschnitt über 50. In ihren Händen hielten sie ihre Erbstücke und an Flohmärkten gekaufte oder an Auktionen ersteigerte Schätze.

Von alten Bildern und Postkarten über Schmuck und Geschirr bis hin zu Uhren und etwas kitschigen Dekorationsmöbeln war alles dabei. Der etwas dunkle Raum im grossen Saal des Museums Burg Zug wurde von Blumenmustern und schnörkeligen Verzierungen übersät.

«Die meisten Leute nehmen es mit Fassung»

Einer der Experten war Kunsthistoriker Walter Abegglen aus Weggis. Er kann Objekte bereits durch kurzes Betrachten grob einschätzen. Nach rund vierzig Jahren als Experte in Auktionshäusern bekomme man einen präzisen Blick dafür, so Abegglen. Wer jedoch ganz sicher gehen möchte, könne auch einen chemischen Test mit einer Schichtprobe machen lassen, was allerdings Spuren auf den Sachen hinterlassen würde. «Die meisten Leute nehmen die Einschätzung, auch wenn sie anders verläuft als erhofft, mit Fassung oder versuchen zumindest die Fassung zu wahren», so der in Genf geborene Abegglen.

Vielen bedeute die Geschichte hinter den Erbstücken, beispielsweise von geliebten Verstorbenen, schon sehr viel. Abegglen hat in seinem Studium der Kunstgeschichte in Zürich die Dissertation über das Schaffhauser Schreinerhandwerk gemacht. Seither gab es von ihm zahlreiche Publikationen zu den Themen Möbel, Silber und Porträtmalerei.

Der Wert scheint zweitrangig

Die Besonderheiten des Bestimmungstages waren unter anderem ein Siegelring, der vermutlich aus der Zeit um 1500 stammt, aber auch eine mit buntem Blumenmuster verzierte Porzellanschale aus dem Jahre 1880, ein Erbstück aus Kaiserslautern, sowie ein tempelartiger Schrein aus China. «Der Schrein ist eindeutig aus Elfenbein, vom Alter her Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts», so Abegglen. Und er fuhr fort: «Leider nicht sehr hochwertig. Er scheint eher aus Überresten von Elfenbein, das für etwas anderes gebraucht wurde, geschnitzt zu sein.» Der Besucher hatte den Schrein von seinen Grosseltern bekommen. Den genauen Wert, welcher nicht so hoch ist wie gedacht, wollte er gar nicht mehr wissen.

Ein älteres Ehepaar brachte eine geschnitzte und bemalte Holzstatue Gottvaters vorbei, die bei den Experten für Aufsehen sorgt. Die Statue habe eventuell Zuger Ursprung, was noch genauer bestimmt werden muss. Es war das wertvollste Objekt des Bestimmungstages 2019, heisst es von den Verantwortlichen des Museums Burg Zug.

Abegglen lag in der Vergangenheit nur einmal daneben mit seiner Einschätzung, was ihn jedoch heute noch wurmt: «Vor Jahren habe ich ein Möbelstück für ein Auktionshaus auf 1’500 Franken geschätzt. Es stellte sich jedoch heraus, dass es mehr als das Zehnfache wert war.» Glücklicherweise erkannte das damals auch ein anwesender Bieter und das Stück wurde für den angemessenen Preis versteigert. 

Altes Format, neu interpretiert

Das Museum Burg Zug bietet als einziges Museum der Zentralschweiz einen Bestimmungstag an. Das Format selber ist allerdings nichts Neues: «Es gab in den letzten Jahren ähnliche Anlässe, die teilweise von den grossen Auktionshäusern der Schweiz durchgeführt wurden», sagt Miriam Wismer, Verantwortliche Marketing und Kommunikation des Museums Burg Zug. «TV-Sendungen wie ‹Kunst & Krempel› oder ‹Bares gegen Rares› sind zudem momentan hoch im Kurs.»

Der Bestimmungstag 2017 habe sich an den bereits bestehenden Angeboten inspiriert. «Wir entwickelten daraus unser eigenes Format, bei dem nicht der Preis, den ein Objekt heute noch erzielt, im Vordergrund steht, sondern woher das Objekt kommt, wie alt es ist und aus welchen Materialien es gemacht ist», so Wismer. Damit soll bezweckt werden, dass die Bevölkerung der Region die Möglichkeit habe, mehr über ihre Familienerbstücke zu erfahren. Gleichzeitig möchte sich das Museum Burg Zug als Institution der Experten und Ansprechpersonen im Kanton Zug für alte Objekte präsentieren. «Nach der Austragung 2019 wird sich zeigen, ob in Zug die Nachfrage nach einer höheren Frequenz als alle zwei Jahre vorhanden ist», so Wismer.

Weitere Einblicke in den Bestimmungstag des Museums Burg Zug erhalten Sie in der Bildergalerie:

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur