«Das hält uns attraktiv füreinander»: Christof Wolfisberg macht gerade Pause vom Künstler-Duo Ohne Rolf. (Bild: jwy)
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«Das hält uns attraktiv füreinander»: Christof Wolfisberg macht gerade Pause vom Künstler-Duo Ohne Rolf. (Bild: jwy)

Der eine von Ohne Rolf macht's jetzt alleine

8min Lesezeit

Beziehungspause nach 20 Jahren beim Komikerduo Ohne Rolf: Christof Wolfisberg wagt sich mit seinem ersten Solostück auf die Bühne. Im Stück «Abschweifer» muss man als Zuschauer aufpassen, was man denkt. Aber auch Ohne Rolf kündigen ein neues, fünftes Stück an.

Man sitzt im Theater, schaut zu, folgt dem Stück – und flugs landet man gedanklich ganz woanders. Beim Bier an der Bar vielleicht oder beim bevorstehenden Kindergeburtstag.

Um dieses Abschweifen geht es im Stück des Luzerners Christof Wolfisberg, das am 2. April Premiere hat (siehe Box). Seit 20 Jahren ist er die eine Hälfte des preisgekrönten Duos Ohne Rolf, das ausschliesslich mit Plakaten kommuniziert. Gemeinsam mit Jonas Anderhub hat er diese neue Bühnenform entwickelt und feiert damit internationale Erfolge.

Nun also solo – und erstmals mit Stimme: Was hat Christof Wolfisberg zu diesem Schritt bewegt? Ein Spoiler vorweg: Auch von Ohne Rolf wird es ein neues Stück geben, das fünfte bereits.

zentralplus: Was ist mit Ohne Rolf passiert? Ihr habt euch doch hoffentlich nicht zerstritten?

Christof Wolfisberg: Wir machen seit Beginn alle vier Jahre eine halbjährige Pause. Wir haben gemerkt, dass es eine gewisse Beziehungshygiene braucht, wenn wir so viel zusammen sind. Jonas (Anderhub)  ist wie meine zweite Beziehung, ich sehe ihn fast genauso oft wie meine Frau und Familie. Es ist gut, wenn jeder ab und zu für sich was macht. Das hält uns attraktiv füreinander.

zentralplus: Du nutzt die Pause nun für dein erstes Solo-Programm?

Wolfisberg: Die Idee entwickelte ich bereits 2015, als ich mit meiner Familie ein halbes Jahr in der Bretagne verbrachte. Ich rede schon so lange von dieser Solo-Geschichte, nun fand ich: jetzt oder nie.

«De facto bin ich einfach ein Typ alleine auf einer Bühne, der einen Text liest.»

zentralplus: Und wie geht’s mit Ohne Rolf weiter?

Wolfisberg: Wir haben ja bereits vier Stücke rausgehauen, und wir haben nach jedem offen gelassen, wie es weitergeht. Und ob es überhaupt weitergeht. Jonas nimmt gerade eine Auszeit in Berlin und ist am Schreiben eines Drehbuchs für einen möglichen Film. Aber wir haben jetzt entschieden, dass wir ein fünftes Stück machen. Doch das wird 2021.

Das Stück

«Abschweifer» heisst das erste Soloprogramm von Christof Wolfisberg (Ohne Rolf). Es feiert im Kleintheater Luzern Premiere: 2., 5. und 6. April. Der Schauspieler liest darin ein Skript vor, in dem er beschreibt, was ihm beim Lesen für Schabernack durch den Kopf geht. Gleichzeitig steht darin, was das Publikum überlegt, während es Wolfisberg zuhört. Die Vorstellungen kollidieren mit der Realität: Was darf ich noch denken? Was lieber nicht? Regie führt wie bei Ohne Rolf Dominique Müller.

zentralplus: Zu deinem Solo-Programm: Was reizt dich denn daran, alleine aufzutreten?

Wolfisberg: Die Kompromisslosigkeit. Ich muss nicht jede Idee zu Ende verhandeln. Bei Ohne Rolf verhandeln wir extrem viel, bis wir uns einig sind. Und wir sind uns nicht schnell einig. Wir funktionieren eher so: Wir legen einander einen Text vor und finden ihn grundsätzlich mal ungenügend (lacht).

zentralplus: Mit Ohne Rolf habt ihr mit dem streng formalen Konzept der Plakate ein neues Genre erfunden. Ist das wieder der Fall?

Wolfisberg: Ich würde mir nicht anmassen das mit der Neuartigkeit von Ohne Rolf zu vergleichen. De facto bin ich einfach ein Typ alleine auf einer Bühne, der einen Text liest. Das hat mich auch so nervös gemacht: Von denen gibt es tausende, also musst du dich unterscheiden. Es hilft sicher, dass die Leute neugierig sind, was jetzt der eine von Ohne Rolf alleine macht – zudem mit Stimme. Auf der anderen Seite sind da Erwartungen, die du nicht enttäuschen willst. Ich muss es jetzt einfach probieren.

zentralplus: Was war bei «Abschweifer» die Grundidee?

Wolfisberg: Ich hatte zuerst den Anspruch an mich selber, etwas völlig anderes zu entwickeln. Aber es ist nicht wegzudiskutieren, dass ich von Ohne Rolf geprägt bin. Es besteht bei mir ein gewisser Textzwang. Ich habe also ein Skript, das mir diktiert, was ich machen muss. Es erzählt aber auch, was in den Köpfen der Leute vorgeht, während ich den Text lese.

«Theater muss immer etwas gefährlich bleiben.»

zentralplus: Und was geht in diesen Köpfen vor?

Wolfisberg: Ich habe ein Publikum, das mich anschaut. Aber es ist eine Illusion, zu meinen, dass alle zwei Stunden lang total bei mir sind. Das Abschweifen ist permanent. Das ist wie ein Netflix des Publikums: Du hast ganz viele Kanäle, die parallel zum Hauptfilm laufen.

Dieser Tabubereich im Denken ist sehr reizvoll, oft sind es ja sehr triviale Sachen: Man muss aufs WC, man stört sich an einem Geruch. Wenn ich auf der Bühne also die Gedanken des Publikums als Behauptung vorlese, bezieht sich der Gedanke einer nächsten Person wiederum auf diesen Gedanken. Ich spiele sehr stark mit dieser Form und lote Grenzen aus.

«Es läuft immer ein Parallelfilm»: Christof Wolfisberg geht den abschweifenden Gedanken auf die Spur.
«Es läuft immer ein Parallelfilm»: Christof Wolfisberg geht den abschweifenden Gedanken auf die Spur. (Bild: jwy)

zentralplus: Das Ganze tönt sehr nach Meta.

Wolfisberg: Ja, zuerst wollte ich es Meta-Pokus-Theater nennen. Das wäre ein guter Begriff, aber damit können vermutlich sehr viele Leute nichts anfangen. Nun steht auf dem Flyer: «Ein amüsanter Gedankentrip». Das ist zwar sehr gefällig, aber man weiss, dass es amüsant wird.

zentralplus: Bist du auch ein Abschweifer?

Wolfsiberg: Ich bin eine sehr ablenkbare Person, mein Hirn entführt mich dauernd irgendwohin, während ich rede. Es laufen so viele Sachen, die einen Gedanken wert sind – oder auch nicht.

zentralplus: Beim letzten Ohne-Rolf-Stück «Seitenwechsel» wurde das Publikum nicht geschont und musste auf die Bühne: Wie sieht es diesmal aus?

Wolfisberg: Das bringe ich nicht weg. Mich interessiert die Tatsache, dass wir zwei Stunden in einem Raum sind, das Publikum und ich. Und dann passiert etwas. Ich will das Publikum involvieren, Theater muss immer etwas gefährlich bleiben. Das hast du mit Netflix nicht. In der Stube zuhause ist es sicher.

zentralplus: Wie fühlt es sich nun an, mal ohne Plakate zu arbeiten?

Wolfisberg: Es ist eine Wohltat, dass ich einfach einen Satz streichen und dann weiterproben kann. Ich muss kein Plakat herausnehmen, neu plotten, lochen, beschriften … das ist immer eine Riesenbüez, weil das Medium so träge ist.

zentralplus: Letzte Frage: Bist du tatsächlich 1992 mit 16 Jahren als Zauberkünstler auf der Strasse gescheitert, wie du in der Ankündigung schreibst?

Wolfisberg: Ja, in Avignon. Ich brauchte so lange, bis ich den Mut hatte, mein Stativ mit dem Koffer aufzustellen. Es sah wirklich schön aus, aber ich hatte keine Ahnung und strategisch einen so dummen Ort ausgewählt. Niemand ist stehen geblieben, ausser einem Hund, der mir ans Zaubertischlein gepisst hat. Der Meister hat es nicht mal gemerkt und ist einfach weitergelaufen. Ich war entrüstet …

zentralplus: … aber es hat dich anscheinend nicht traumatisiert.

Wolfisberg: Nein, an so Abstürzen wächst du eher. Tiefer kannst du nicht mehr sinken.

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