Anna Aaron betrat die Bühne mit einem weissen Schleier. (Bild: Laura Livers)
Kultur Rezension

Anna Aaron betrat die Bühne mit einem weissen Schleier. (Bild: Laura Livers)

Eine Rückkehr im neuen Gewand

6min Lesezeit

Zu Beginn als die nächste Sophie Hunger gehypt, war es in den letzten Jahren still um Anna Aaron. Am Samstag spielte die Basler Musikerin im Luzerner Neubad ihre neuen Songs – und unterstrich, dass sich das Risiko gelohnt hat. Zusammen mit Judith Wegmann und Cégiu sorgte sie für einen Abend voller musikalischer Gegensätze.

Laura Livers

Mit dem Frühling hört die Winterstarre auf, das Leben findet wieder statt und der Konzertgänger verzweifelt beim Blick auf den prall gefüllten Veranstaltungskalender. zentralplus liess sich aber nicht abschrecken und lauschte im Neubad am Samstag während fünf Stunden drei Musikerinnen, die musikalisch manche Türe öffneten.

Den Auftakt des Abends macht Judith Wegmann. Die Pianistin hat sich als freie Improvisatorin schon länger einen Namen gemacht. Mit «Le souffle du temps – (rétro-)perspectives» erschien 2017 ihr Soloalbum, das national und international für viel Beachtung erhielt (zentralplus berichtete).

Bereits damals war klar, dass ihre Recherche über Zeit und Klänge weitergehen muss, sodass sie bereits vor der Veröffentlichung die Weiterführung zu planen begann. Diese Fortsetzung «Le souffle du temps II – réflexion» präsentierte sie nun am Samstagabend im Neubad-Pool.

Vom Dialog zum Gespräch

War das erste Album noch eine Soloarbeit in Reinform – zehn Stücke, von Wegmann selbst komponiert, eingespielt und aufgeführt – spannte sie für das neue Album mit sieben Schweizer Komponisten zusammen. Daraus entstanden sind acht Kompositionen, die quasi als Antwort im Dialog dienen. Alleine der Blick auf den Flügel lässt erahnen, dass sich durch diese sieben neuen Handschriften auch die Klanglichkeit weiterentwickelt hat.

Judith Wegmann im Neubadpool.
Judith Wegmann im Neubadpool. (Bild: Laura Livers)

Umgeben von Elektronik, Mikrofonen und undefinierbaren Maschinen setzt sich Wegmann ans Klavier und beginnt, was man nur als Marathon bezeichnen kann. Während 120 Minuten lauscht das Publikum diesen neuen Klängen. Das Konzert ist ein Auf und Ab durch das Frequenzspektrum, mal wird das Klavier klassisch auf der Tastatur gespielt wie bei Daniel Andres' «5 souvenirs d'un instant» und erinnert an Skrjabin. Mal werden die Saiten via Piezo-Lautsprecher und Plexiglasscheibe in ohrenbetäubende Schwingungen gebracht für Hans Kochs «L'ombre du jour», mal werden drei chinesische Gongs ergänzend zum präparierten Klavier hinzugenommen für Edu Haubensaks «Manga».

Die Pianistin Judith Wegmann vereint all diese Klänge unter einem langen Bogen. Wie bereits bei «(rétro-)perspectives» vermag sie die Zuhörer zu sich zu holen und forciert die Öffnung der Ohren. Soweit, dass die im Klavier erzeugten Klänge, die leiser sind als das Summen der Scheinwerfer, glasklar durch den Pool schallen. Wegmanns neues Konzertprogramm ist ein Muss für Audiophile, Klavierliebhaber und alle, die einen langen Atem haben.

Drei Stockwerke tiefer

Mit dem Ende des zweistündigen Konzerts geht's direkt weiter in den Keller. Dort spielt die in Luzern lebende Cellistin Cégiu Auszüge aus ihrem neuen Album «Restless Roots» (zentralplus berichtete). Dieser zweite Teil ihres Langzeitprojekts «Talking with ...» sei den Menschen gewidmet, die ihre rastlose Seite kennen.  

Rastlos klingt die Musik dann aber gar nicht. Eher wie das Werk einer Komponistin, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht und sich leichtfüssig zwischen Beats und Balladen bewegt. Mit E-Cello und Pedalboard öffnet Cégiu mit jedem Song ein neues Türchen in eine andere Klangwelt.

So klingt «Louise» von Cégiu: 

 

In «Louise» triggert sie einen deftigen Beat, der sich zwischen 3/4- und 5/4-Takt bewegt, über den eine treibende Basslinie geloopt wird, und das Publikum nur schon vom Zuhören in Stress versetzt. Nur um im nächsten Track «Please» mit einem schnulzigen Cello-Orchester, sich um 180 Grad zu drehen und von Fairytales und Liebe zu singen. Cégiu entzieht sich gekonnt den musikalischen Schubladen, hüpft von Pop zu Folk zu Elektro und wirft dabei kein einziges Mal die Frage auf: Warum? 

Eine lange Reise

Der grösste Name des Abends betritt dann kurz nach zehn die Kellerbühne. Mit einem weissen Schleier über dem Kopf wird Anna Aaron von ihrem Schlagzeuger durch den Raum auf die Bühne geführt. Die Arme gen Himmel erhoben, unbewegt, beginnt das Konzert.

Es war einige Jahre still um die Basler Musikerin. Anfang der 10er-Jahre als die nächste Sophie Hunger gehypt, trennte sich Anna Aaron 2014 von ihrem Label Two Gentleman. Vier Jahre hat es gedauert, bis aus ihren Songs, die das Label damals ablehnte, ein fertiges Album geworden ist. «Pallas Dreams» erschien im Januar dieses Jahres und unterstreicht, dass sich das Risiko gelohnt hat.

Klangen ihre alten Alben mehr nach Rock-Pop mit ein bisschen Folk reingestreut, verzichten die neuen Songs auf Schlagzeug und Gitarre, und leben stattdessen von Drumpads und Synthesizer. Melancholische Poplieder sind clubbigen Tracks gewichen, die immer schon dramatischen Lyrics nun in ein neues Licht getaucht. Sie zeigen eine Künstlerin, die sich ihrer Rolle bewusst ist. Bewusst kokettiert sie mit religiöser Bildsprache, wirft sich den Schleier über und deklamiert: «I am the beast I worship.»

Ganz vergessen ist das alte Material aber nicht. Einige Songs des 2014 erschienenen Albums «Neuro» tummeln sich, neu verpackt, im Set und reihen sich nahtlos in die neue Klanglichkeit ein. Anna Aaron scheint sich gefunden zu haben, in neuem Gewand, aber immer noch authentisch.

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