Hannes Staffler liefert als Jesus eine beeindruckende Leistung ab. (Bild: Ingo Höhn)
Kultur Rezension

Hannes Staffler liefert als Jesus eine beeindruckende Leistung ab. (Bild: Ingo Höhn)

Jesus, der zerbrechliche Mann und moderne Tänzer

4min Lesezeit

In Emmen wird der Musical-Welterfolg «Jesus Christ Superstar» neu inszeniert. Die eigentliche Rockoper verbindet eine alte Geschichte mit modernem Tanz, eine ausdruckstarke Performance mit interessanten Figuren. Nicht nur Jesus zeigt neue Seiten, sondern auch Judas, der weit mehr ist als der Inbegriff des Verräters.

Marinella Polli

Als Ende der 60er-Jahre der junge Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber mit Tim Rice in England ein neues Stück auf die Bühne bringen wollten, erhielten sie zuerst nichts als Absagen. So beschlossen die beiden, einfach ein Album aufzunehmen.

Und siehe da: Dieses erreichte schnell Platz eins der US-Charts, sodass sich dem Musical der Weg auf die Bühne und zum Welterfolg öffnete. 720 Vorstellungen nach der Uraufführung am Broadway, acht Jahre in Folge am Londoner West End, mit anderen Worten: das am längsten gespielte Musical seiner Zeit. «Jesus Christ Superstar», in elf Sprachen übersetzt, in 22 Ländern aufgeführt und zweimal verfilmt, zählt heute zu den absoluten Klassikern des Musical-Repertoires.

Moderner Tanz und ungewöhnliche Tiefe

Silvio Wey inszeniert nun diese Rockoper neu und feierte damit am Samstag Premiere in Emmen. Der junge Entlebucher schafft mit grossem Einbezug modernen Tanzes (gewaltige, beeindruckende Choreografie: Maja Luthiger) in die Handlung, dass diese noch dynamischer wirkt. Die Einstellungen der vier Solosänger werden dadurch unterstrichen und verstärkt.

Die unvergessliche Musik (Leitung: der Luzerner Arno Renggli, der auch am Keyboard sitzt) wird von Joel Kuster an der Gitarre, Imbi Gassmann am Bass und Beat Wurmet am Schlagzeug mit Energie und Präzision gespielt. Für das essentielle, aber suggestive Bühnenbild und die passenden Kostüme sorgen Philipp Stutz respektive Sabrina Claudia Moser.

Mehr als Held und Verräter: Die Figuren zeigen im Le Théâtre mehr Tiefe als erwartet.
Mehr als Held und Verräter: Die Figuren zeigen im Le Théâtre mehr Tiefe als erwartet. (Bild: Ingo Höhn)

Jesus (tiefsinnig interpretiert vom Südtiroler Hannes Staffler) ist ein Protagonist, von dem die meisten Leute glauben, schon alles zu wissen. Doch statt nur als Held wird er in Emmen auch als Mann mit all seiner Zerbrechlichkeit dargestellt. Auch Judas (der hinreissende Hamburger Kevin Thiel) ist in diesem Musical mehr als der Inbegriff des Verräters schlechthin. Ein Zweifler, der in Frage stellt, ob Jesus Gott ist. Der sich aber auch grosse Sorgen um die Zukunft der Jünger macht. Über ihn wird in den Evangelien sehr wenig gesagt, aber in «Jesus Christ Superstar» ist er eine der interessantesten Figuren. Zumal er auch die Rolle des rabiaten Kommentators spielt.

Dazu kommt Maria Magdalena (Irène Straub), die zwischen Unsicherheit und zarter Liebe für Jesus balanciert, ohne die Ereignisse oder ihre eigene tiefe Veränderung zu verstehen. Eine weitere grossartige Figur ist Pilatus (der Wiener Aris Sas). Mehr als nur ein Feigling, ist er nicht imstande, eine Entscheidung zu treffen, und geht daher in die Geschichte als derjenige ein, «der sich die Hände wäscht». 

Von Hits und Provokationen

Die Hits unterstreichen die Charaktere und Situationen und zählen ganz auf die emotionale Kraft des gesungenen Wortes. Und wer kann gefühlsvolle Balladen wie Maria-Magdalenas «Alles wird gut sein», Judas «Verdammt für alle Zeit» oder den Titelsong «Jesus Christ Superstar» vergessen?

Man kann dabei von einer Symbiose musikalischer und erzählerischer Perfektion sprechen. Darüber hinaus provoziert «Jesus Christ Superstar» Gläubige und Nichtgläubige immer noch gleichermassen zum Nachdenken.

Ausschnitt aus dem bekanntesten Song des Musicals an der Premiere:

 

Das in grosser Zahl erschienene und sehr aufmerksame Publikum der Premiere – überwiegend aus mittleren und älteren Semestern bestehend – reagierte am Samstagabend jedenfalls mit nicht aufhören wollenden Standing Ovations. Und bedankte sich für ein rasantes und zugleich intimistisches Erlebnis, das die Zuschauer vom ersten Moment in seinen Bann zieht.

Hinweis: Aufführungen (Dauer ca. 2½ Stunden) bis 15. April im Le Théâtre in Emmen.

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