Mensch und Maschine verschmelzen: Eine Szene aus «Cybercity». (Bild: zvg)
Kultur Rezension

Mensch und Maschine verschmelzen: Eine Szene aus «Cybercity». (Bild: zvg)

Der Triumph der Maschine über den Menschen

4min Lesezeit

Cybercity: Ein theatrales Live-Filmprojekt ­von und mit Luzerner Jugendlichen wird in den Hallen einer alten Fabrik in Viscosistadt inszeniert. Das Publikum bewegt sich frei durch die Spielstätte und wird Zeuge unterschiedlicher Schauspielakte. Eine multimediale Inszenierung zur düsteren Zukunft «Mensch gegen Maschine». 

Luisa Tschannen

Kabel hängen von der Decke, ein Labortisch ist zu sehen, unter schwarzen Leichensäcken sind die Silhouetten menschlicher Körper zu erkennen. Eine alte Fabrikhalle in Emmenbrücke wurde mit merkwürdigen Installationen überwuchert. Treppauf, treppab kann die Spielstätte erkundet werden.

Orientierungslos, bestürzt oder lachend stolpert das Publikum durch das verwinkelte Stockwerk. Und trifft dabei auf einzelne Szenen, welche von den Jugendlichen Schauspielern dargeboten werden, während in anderen Räumen zeitgleich andere Aspekte der Handlung zu sehen sind.

Dank einer Pille zur «Mensch-Maschine»

«Cybercity» lautet der Titel des Stücks. Es ist auch der Name der Stadt, in welcher die Handlung spielt. Cybercity ist eine Dystopie – eine Fiktion mit einem negativen Ausgang – in welcher Maschinen eine neue Spezies bilden. Und Menschen eine silberne Pille schlucken, um selbst zur Mensch-Maschine zu werden. So erhalten sie Einlass nach Cybercity.

Die Figuren Cybercitys spielen in verschiedenen Räumen, treffen dabei aufeinander, trennen sich wieder, und spielen auch dann weiter, wenn sie einen Bühnenraum verlassen, um in den nächsten zu gelangen.

«Nicht nach einer Geschichte suchen.»

Mirko Borscht, Regisseur

Die Bühne ist ein Erlebnispark, in dem die Geschichte live miterlebt werden kann. Entweder, in dem man die einzelnen Vorgänge in den Räumlichkeiten mitverfolgt, oder diese per Live-Stream im Kino anschaut. Denn die Handlung wird per Videorecorder gefilmt und auf eine Leinwand übertragen. Manchmal fordern die Schauspielerinnen die Besucher dazu auf, ihnen zu folgen, manchmal bleiben das Publikum sich selbst überlassen und streunt durch die Installation.

Interaktion zwischen Publikum und Darstellern

Durch die individuellen Bewegungsmuster, welche diese Art der Inszenierung generiert, zimmert sich jeder sein eigenes Theatererlebnis. Eine Handlung ist vorhanden, diese wird aber erst im Verlauf des Stückes ersichtlich und ist zu Beginn noch unklar.

Doch aufgrund des unkonventionellen Konzeptes ist es auch nicht Sinn der Sache, die vorgegebene Handlung zu verstehen. «Nicht nach einer Geschichte suchen» riet Regisseur Mirko Borscht bei einer kurzen Einführung vor dem Einlass. Es ist auch jederzeit möglich an der Bar ein Getränk zu geniessen oder die Vorführräume zu verlassen. Bühnenraum und privater Raum verbinden sich, es kommt zu Interaktionen zwischen Darstellern und Publikum.

Die Botschaft an die Besucher ist klar.
Die Botschaft an die Besucher ist klar. (Bild: zvg)

«Wir haben die Formel zur freien Entscheidung geknackt»

Eine weibliche Roboterstimme, welche an Gott erinnert. Eine berühmte Schauspielerin, die ihre Träume digitalisieren lässt. Ein Zimmermann mit eingewachsenen Werkzeugen statt Händen. So divers wie die Figuren des Stücks sind auch die Inhalte der Handlung. Virtuelle Parallelwelten werden erforscht. Identität, Sünde, freier Wille, Traum und Sexualität zum Thema gemacht.

«Am Anfang war der Mensch. Der Mensch war schwach. So schuf der Mensch Gott. Der Mensch war schwach. So erschuf der Mensch die Maschine. Die Maschine erwachte und war allein», verkündet das Programmheft, der Text ist als Zitat von Stanislaus Schwenk aus dem Jahr 1929 gekennzeichnet.

Aggression und Absurdität dominieren die Stimmung des theatralen Live-Filmprojekts und schockierende Enthüllungen lösen die anfangs eher verwirrt-vergnügliche Stimmung der Besucherinnen ab. «Der Mensch wurde neidisch auf Gott und die Maschine. Und er begrub Gott, für die Sünden, die ihm nicht vergeben werden konnten.»

Unter der Leitung von Regisseur Mirko Borscht erarbeiteten über 30 Jugendliche und Studenten der Hochschule Luzern «Cybercity». Eine siebenköpfige Band, bestehend aus Musikern, die sowohl klassische wie auch elektronische Instrumente spielen, entstand extra für dieses Projekt und begleitet die Aufführung stimmungsvoll. Ein grusliger Entertainmentpark, ein gelungenes theatrales Spektakel.

Weitere Aufführungen bis 18. April in der Viscosistadt.

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