Janina Fink (links) und Michelle Kissoczy (rechts) – die eine hat Glück, die andere kennt die Nachbarn, die sich aufgrund des «Musiklärms» beklagen. (Bild: ida)
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Janina Fink (links) und Michelle Kissoczy (rechts) – die eine hat Glück, die andere kennt die Nachbarn, die sich aufgrund des «Musiklärms» beklagen. (Bild: ida)

«Der Protest läuft so: Mozart klingt besser als jeder Motorenlärm»

7min Lesezeit

An der Sankt-Karli-Strasse hat diesen Montag das neue Musikhaus eröffnet. Die «Music Box» des grünen Kantonsrats Urban Frye bietet Platz für rund 25 Musikstudenten der Hochschule Luzern. Weshalb es zugleich Herzensprojekt und Protestaktion ist.

Direkt an der Reuss dürfen junge Künstlerinnen künftig proben, wann und wie sie wollen. Was in WG-Zimmern und Wohnungen oftmals unerwünscht ist und wofür an der Musikhochschule häufig der Platz fehlt, wird in der «Music Box» an der Sankt-Karli-Strasse möglich.

Diesen Montag eröffnete das neue Wohn- und Arbeitshaus für Musikstudierende in Luzern. Die «Music Box» zieht sich über fünf Stöcke und besteht aus 23 Appartements, in denen künftig rund 25 junge Künstler wohnen und musizieren können. Durchschnittlicher Kostenpunkt für ein etwas über 20 Quadratmeter grosses Zimmer mit Bad und Küche: 850 Franken.

Pionierprojekt, inspiriert von den Beatles

Bauherr und Initiant ist der Luzerner Urban Frye. Der grüne Kantonsrat hat das Haus auf seinem Grundstück gebaut. Auf eigene Kosten. Das Musikhaus, das wie ein Lego-Haus in seine einzelnen Teile zurück- und wieder aufgebaut werden kann, verschlang rund 3,5 Millionen Franken. Sich nun als Mäzen bezeichnen zu wollen, wäre für Frye aber «Schwachsinn». Was ihm die jungen Künstler zurückgeben, sei unersetzbar.

Frye hat selbst Musik studiert, war beruflich Klarinettist, später Musikjournalist und Festivalveranstalter. Er habe sich ebenfalls mit nervenden Nachbarn abgemüht – und kenne die Probleme von Musikstudierenden daher nur zu gut.

Die «Music Box» sei sein Pendant zum Liverpooler Institut für darstellende Künste, das Beatles-Mitglied Paul McCartney mitgründete. Am Ursprung steht die Frage: Was braucht ein junger Künstler, um unter professionellen Bedingungen musizieren zu können?

«Schon sehr luxuriös»

Die ersten 14 Plätze im Luzerner Musikhaus sind bereits weg. Eine der Mieterinnen ist die 22-jährige Eva Sulai. Sie spielt seit 15 Jahren Akkordeon. Dafür probt sie durchschnittlich vier Stunden am Tag. «Es ist wirklich schwierig, Räume zu finden», sagt Sulai. Die Hochschule Luzern stelle zwar Zimmer zur Verfügung, allerdings müsse man sich dafür rund zwei Wochen im Voraus anmelden. Und proben dürfe man jeweils nur zwei Stunden. Gewisse würden daher auch mit falschem Namen mehrmals pro Tag einen Raum buchen.

«Wer sich gut organisiert, für den ist es möglich. Allerdings ist es schwierig, im Alltag so flexibel zu sein», so Sulai. Perfekte Konditionen für Musikstudenten gleichen einem Wunschtraum. «In dieser Music Box leben und zugleich proben zu können, ist schon sehr luxuriös», freut sich Sulaj, die bis anhin vom aargauischen Dietwil nach Luzern gependelt ist.

Manon Rais und Eva Sulai auf der Terrasse des Musikhauses.
Manon Rais (links) und Eva Sulai (rechts) auf der Terrasse des Musikhauses. (Bild: ida)

Und der Nachbar klopft an die Diele …

Auch die 24-jährige Michelle Kissoczy pendelt – von Zürich nach Luzern. «Nach vier Jahren Pendeln wird es dann doch einmal anstrengend», so Kissoczy. Bei ihr zu Hause hätten sich die Nachbarn des Öfteren beklagt, wenn sie Klavier gespielt habe. Die Konsequenz: Nach 20 Uhr abends darf sie nicht mehr üben. Deshalb interessiert sich auch Kissoczy für ein Zimmer – wenn der Mietpreis denn stimme.

«Es kommt immer drauf an, wie schalldicht die Wände und wie kulant die Nachbarn sind.»

Janina Fink, Musikstudentin an der Hochschule Luzern

Dorothee Purghart, die sich zurzeit in einem Vorbereitungskurs für die Anmeldung an der Hochschule Luzern befindet, würde ebenfalls gerne im neuen Musikhaus wohnen. Und das vollends ausnützen: «Je nach Schlafrhythmus würde ich nach Mitternacht noch Klavier spielen», meint die 20-Jährige lachend. Die Wohnungssache gestalte sich als schwierig. Nicht zuletzt, weil sich nicht in jedes Zimmer ein Klavier hineinbugsieren lasse.

Anders bei Janina Fink, die Violine spielt. «Ich hatte bis jetzt wirklich Glück», so die 23-Jährige. «Es kommt immer drauf an, wie schalldicht die Wände und wie kulant die Nachbarn sind.»

Ein soziales Experiment, ohne Hausordnung

In der «Music Box» gibt es viele «soziale Zonen», wie Bauherr Urban Frye sagt. Grillplätze, Orte für Gespräche, aber auch Plätze für das gemeinsame Musizieren. «Wie das Zusammenleben aussieht, wissen wir noch nicht», so Frye. «Es ist ein soziales Experiment, an das ich jedoch absolut glaube.»

«Ich habe keine Angst, dass die Studierenden eine Partyhütte daraus machen wollen.»

Urban Frye, Bauherr der «Music Box»

Eine Hausordnung gibt es indes nicht. «Ich habe keine Angst, dass die Studierenden eine Partyhütte daraus machen wollen», so Frye. Seit eineinhalb Jahren habe er mit bis zu acht Studierenden der Hochschule Luzern gemeinsam an dem Musikhaus gefeilt. Er selbst habe die Frage in die Runde geworfen, was mit dem Feiern sei. «Die Studierenden sahen mich an und fragten, was damit sei? Sie wollen keine Parties, sie sind junge Musiker, die proben wollen», so Frye.

Ihm ist es wichtig, den künftigen Bewohnern Raum zu geben, um sich selbst einzubringen. Dennoch gebe es zu Beginn zwei Hausversammlungen, aus der heraus sich womöglich die eine oder andere Regel ergeben würde.

Bis 2032 ist Zukunft des Musikhauses gesichert

Wie lange am Sankt-Karli in Ruhe geprobt werden darf, ist derzeit noch offen. Denn das Musikhaus weist nur einen temporären Charakter auf, weil es vielleicht einmal dem Strassenbauprojekt Spange Nord weichen muss (zentralplus berichtete). Bis 2032 sei die Nutzung gesichert, voraussichtlich sogar bis 2034. Doch Urban Frye ist zuversichtlich, dass die «Music Box» länger bestehen bleibt.

«Klar handelt es sich bei diesem Musikhaus auch um eine Protestaktion gegen die Spange Nord.»

Urban Frye

«Inzwischen glaubt – so meine ich – niemand mehr an die Spange Nord», so der Luzerner. Denn der Bund wolle beim Bypass Luzern vorwärts machen, auch ohne Spange Nord (zentralplus berichtete). Für den grünen Kantonsrat, dessen Partei gegen das Projekt kämpft, ein klares Signal. «Die Spange Nord jetzt noch durchboxen zu wollen gleiche einer Kriegserklärung.»

Insofern ist das Pionierprojekt von Frye mehr als eine Loge für angehende Pianisten und Saxofonistinnen. «Klar handelt es sich bei diesem Musikhaus auch um eine Protestaktion gegen die Spange Nord», sagt Frye. Er habe sich beim Kanton nach dem frühest möglichen Baustart der Spange Nord erkundigt und eine temporäre Baubewilligung gefordert. «Aus einem Boden kann man schlauere Dinge machen als Asphalt», sagt er abschliessend. «Der Protest läuft so: Mozart klingt besser als jeder Motorenlärm.»

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