Will Sprache aktiv halten – «Loge»-Betreiber André Schürmann. (Bild: zvg)
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Will Sprache aktiv halten – «Loge»-Betreiber André Schürmann. (Bild: zvg)

25min Lesezeit

Seit Jahrzehnten zelebriert André Schürmann Wortakrobatik auf der Bühne und ist Luzerns Kultur-Botschafter für den Städtepartner Chicago. Im 50-Fragen-Marathon mit zentralplus spricht er über die Herausforderungen der Kleinkunst, steile Karrieren und den Vergleich zwischen Windy City und Leuchtenstadt.

Elia Saeed

Vor über 20 Jahren schuf André Schürmann zusammen mit einer Tänzerin und einem Tänzer das Théâtre La Fourmi im Tribschen. Es begann als Tanz- und reifte zum Mehrspartenhaus, in dem Schürmann das Format «Barfood Poetry» etablierte, eine Literaturbühne für das gesprochene Wort. Das Format entwickelte sich mit der Zeit zum Spoken Word Festival «Woerdz».

Nachdem das La Fourmi geschlossen werden musste, bespielte Schürmann mit seinem Freund Jürg Lischer die ehemalige Galerie Schenker am Mühleplatz, um wenig später zusammen an der Moosstrasse einen Plattenladen für schwedisches Vinyl zu beerben. Daraus wurde 2004 die «Loge», wo Literatur für die fünf Quadratmeter grosse Bühne veranstaltet wird, nicht fürs Bücherregal. 50 Fragen an einen Kulturschaffenden, der in über 15 Jahren aus einer trendigen Nische eine konstante Attraktion schuf.
 
1. Was war der bisher grösste Erfolg der Loge?

Dass es uns noch gibt und wir kontinuierlich arbeiten. Zwar leise, aber wir haben uns ein grosses Netzwerk aufgebaut. Fast alle, die im Spoken Word einen Namen haben – sowohl in der Schweiz, als auch im deutschsprachigen Raum – hatten und haben wir immer wieder hier. Die Qualität ist eine Konstante. Wir halten das Niveau und können uns verbessern. Und wir bleiben nicht nur hier im Kämmerlein, sondern gehen auch raus: etwa ins Kleintheater oder das Kunstmuseum.

2. Gab es schon Überlegungen, von den fünf Quadratmetern in der Loge auf eine grössere Bühne umzuziehen?

Darüber haben wir immer wieder gesprochen, uns aber immer wieder dagegen entschieden. Wenn du hier drin bist – teilweise sind nur fünf Leute hier, teilweise aber 50 bis 60 – ist immer eine gute Stimmung. Die Atmosphäre stimmt. Das Publikum sitzt direkt vor der Bühne und nach der Veranstaltung ist man noch zusammen an der Bar. Die Künstler sind wirklich zum Anfassen und zum Ansprechen. Das wollen wir einfach nicht weggeben.

3. Können Sie mittlerweile vom Betrieb der Loge leben?

Nein, nein – Jessesgott! (lacht) Null, absolut null. Aber mittlerweile kann die Loge überleben. Am Anfang waren wir immer sowas von knapp mit dem Geld. Mittlerweile können wir dank der grosszügigen Unterstützung von der Stadt Luzern und verschiedenen Stiftungen und Förderungen dieses hochwertige Programm machen und einigermassen angemessene Honorare zahlen. Aber es ist nicht so, dass es für uns deswegen eine Lebensgrundlage gäbe.

4. Nebenbei arbeiten Sie deshalb als Englischlehrer. Würden Sie, wenn es möglich wäre, komplett auf die Pädagogik verzichten, um ausschliesslich als Veranstalter tätig zu sein?

Mein Herz liegt schon primär in der Literatur. Ich schreibe auch selbst und trete auf, mache verschiedene Sachen, veranstalte auf Auftrag. Wenn ich wirklich von all dem leben könnte, würde ich es machen, ja. Aber ich arbeite nicht in einem Vollpensum als Lehrer und mache es wirklich gerne.

5. Sie erwähnen, dass Sie selbst gerne auf der Bühne stehen. War es für Sie früh klar, dass Sie auf die Bühne wollen – waren Sie schon als Kind eine kleine Rampensau?

Ich habe ein bisschen «theätherled» – auch in der Kantizeit. Danach hat sich das verloren. Später ging ich mehr in Richtung Musik, war in ein paar Misfit-Bands als Sänger. Aber Performance ohne Musik habe ich mir nie vorgestellt.

6. Was fasziniert Sie an Sprache?

Die riesigen Möglichkeiten. Du kannst immer wieder Sachen sagen, die zuvor noch nie gesagt wurden. Das ist dasselbe, wie wenn du in die Migros einkaufen gehst und 20 Artikel kaufst. Wahrscheinlich hatte diese 20 Sachen noch nie jemand genau in dieser Kombination im Korb. Den Reichtum des eigenen Slangs, des eigenen Dialektes, finde ich sehr spannend. Dazu Anachronismen, alte Worte, die mein Vater oder mein Grossvater noch benutzten. Ich möchte unbedingt, dass diese Worte überleben. Ich benutze sie und gebe sie meinem Sohn weiter. Ich will Sprache aktiv halten: gesprochen – nicht geschrieben.

7. Haben Sie ein Lieblingswort oder einen Lieblingsatz?

«Ambivalenz ohne Resolution». Das war auch der Titel meiner Liz-Arbeit. Mit dieser Konstante gehe ich durchs Leben. Für mich ist vieles extrem ambivalent – im positiven Sinn. Man kann etwas immer verschieden interpretieren. 

Bei der Programmierung für die Loge muss André Schürmann Trends spüren und selber setzen können.
Bei der Programmierung für die Loge muss André Schürmann Trends spüren und selber setzen können. (Bild: esa)

8. Und welches Wort oder welchen Satz mögen Sie überhaupt nicht?

(lacht spitzbübisch) «SVP» zum Beispiel – mag ich gar nicht gern. Mir kommt schon primär Politisches in den Sinn. Generell finde ich Pauschalisierungen extrem unangenehm.

9. Gibt es eine Sprache, die Sie gerne sprechen könnten?

Wenn ich in andere Länder gehe, will ich immer zur örtlichen Sprache einen Zugang erhalten. Mit Italienisch zum Beispiel oder Spanisch kann ich mich ein Stück weit durchschlagen, aber ich würde es gerne besser können. Damit ich mich zum Beispiel, wenn wir im Frühling für ein paar Tage ans Meer fahren, besser mit dem Nonno dort unterhalten kann. Mittlerweile ist er 86 Jahre alt und mit ihm würde ich extrem gerne über Dinge sprechen, die uns berühren. 

10. Was fasziniert Sie an Spoken Word?

Dass es extrem direkt ist und nicht irgendwo in einem Bücherregal vergessen geht und Spinnweben anlegt. Die Sprache, die Stimme, die Tonalität, sehr oft kommt auch der Inhalt durch den Charakter des Autors viel direkter rüber. Die Emotionen sind beim Spoken Word sehr oft zuäusserst und werden direkt zu den Leuten transportiert. Ich will sowieso mehr Emotionen, das kann nicht schaden. Irgendwann sind wir weg und dann will ich auf dem Sterbebett nicht zurückschauen müssen und denken: «Tammi nochmal, ich war viel zu zurückhaltend.»

11. Worin unterscheidet sich Literatur für die Bühne von jener fürs Bücherregal?

Es ist viel lebhafter – irgendwo auch ehrlicher. Das Publikum hat mehr Chancen zu verstehen. Lesen Sie mal einen Pedro-Lenz-Text auf Berndeutsch, und danach erleben Sie ihn auf der Bühne. Da ist diese beeindruckende Persönlichkeit, die Performance, der Berner Dialekt ... 

12. Was macht gute Literatur aus?

Spontan würde ich eine banale Antwort geben, und das würde ich für alle Künste sagen: wenn sie berührt. 

«Es geht nicht darum, dass man provoziert, nur um zu provozieren.»

13. Welche Vorteile hat das geschriebene Wort gegenüber dem gesprochenen?

Du kannst es immer wieder lesen. Wenn du etwas nicht verstehst, kannst du immer wieder zurückgehen. Je müder man ist, desto öfter passiert das (lacht). Beim Spoken Word geht es einfach vorbei. 

14. Bier oder Wein?

Wein, eindeutig.

15. Gibt es Themen, über die man auf der Bühne besser nicht spricht?

Wenn du rassistisch oder sexistisch denkst, hat das gar nichts auf einer Bühne verloren. Es geht nicht darum, dass man provoziert, nur um zu provozieren. Aber wenn es authentisch rüberkommt und wirklich das Bedürfnis des Autors oder der Autorin ist, geht alles. 

16. Und welche Themen kommen auf der Lesebühne besonders gut an?

Beim Spoken Word, das viel mit Slam Poetry und teilweise mit Comedy zu tun hat, kommt Lustiges immer gut an. Sex kommt natürlich auch immer gut an. Generell Alltägliches. Wenn es um Sex geht, kann sich jeder damit verbinden, jeder hat seine Erfahrungen damit.

17. Bei welchem Künstler hätten Sie nie gedacht, dass er oder sie es schafft, den Lebensunterhalt auf der Bühne zu bestreiten?

Gölä und DJ Bobo. (lacht laut)

18. Es sind schon diejenigen gemeint, die bei Ihnen auftraten.

Zuerst muss ich sagen, dass die wenigsten, die auftreten, tatsächlich von ihrer Kunst leben. Wenn du siehst, wie viele Autoren es in der Schweiz gibt, und wie viele wirklich davon leben, sind das vielleicht zehn bis zwanzig. Nicht unbedingt, weil sie besser sind als andere. Sie machen einfach wirklich einen super guten Job.

19. Anders gefragt: Bei wem hätten Sie nicht gedacht, dass die Karriere so steil hinaufgeht, wie sie es tut?

Vielleicht bei Patti Basler. Sie gewann den Salzburger Stier 2019. Sie war bei uns im Ensemble. Sie hat Potenzial, Talent, eine super Bühnenpräsenz – absolut klar. Aber es gibt eben viele, die wirklich gut sind. Von daher bin ich bei ihr positiv überrascht.

20. Bei wem hätten Sie gedacht, dass es klappt, dann aber wurde es doch nichts?

Hösli, der leider vor 10 Jahren viel zu jung starb. Ein absolut brillanter Entertainer, Musiker und Sänger – eine Rampensau sondergleichen. Der hat es leider nie über die Zentralschweiz hinaus geschafft, hätte es aber extrem verdient. Jetzt in der Literatur kommt mir spontan Max Christian Graeff in den Sinn, Master of Ceremony (MC) bei uns auf der Lesebühne. Er hat ein riesiges Talent zum Singen, Schreiben, Auftreten, Moderieren. Finanziell und in Sachen Bekanntheit kommt er aber irgendwie nicht auf einen grünen Zweig. Das finde ich schade und auch nicht gerecht. Sandra Künzi würde ich auch nennen, weil ich ein Fan von ihr bin.

21. Bei welchem Künstler wurden Sie von Anfang an darin bestätigt, dass es etwas mit der Bühnenkarriere wird?

Lara Stoll, Gabriel Vetter, Pedro Lenz, Hazel Brugger – sie würde ich spontan nennen. Die sind hier ein- und ausgegangen und machen es teilweise immer noch. Das ist superschön. Bei denen war es auf jeden Fall klar.

22. Wieso war das so klar?

Du merkst einfach, dass die Qualität eine bessere ist – sie wollen es auch mehr. Sie haben eine dringlichere Performance. Es ist nicht einmal gesagt, dass sie bessere Texte haben als andere. Sie kommen einfach auf die Bühne und das Publikum macht sofort «Wow!», schaut hin und hört zu. Die haben einfach dieses Extrading, das schwierig zu beschreiben ist, diesen Funken.

23. Wenn Sie die freie Auswahl hätten: Welchen Künstler oder welche Künstlerin möchten Sie unbedingt für die Loge buchen?

Praktisch alle, die ich buchen möchte, kann ich auch buchen. Aber ganz spontan würde ich meine zwei Lieblingspoeten aus Deutschland nennen: Timo Brunke und Julian Heun. Brunke ist einer, der Spoken Word und Slam Poetry damals in Deutschland entfachte. Timo ist so etwas von wahnsinnig, ich werde versuchen, ihn mit Julian Heun zusammen zu buchen. Ich bin überzeugt, Timo ist Julians Modell. Sie sind sich ähnlich, genauso talentiert und genauso grossartig.

24. Hund oder Katze?

Hund, eindeutig. Oder doch nicht?

25. Wer ist Ihr Lieblingsautor fürs Bücherregal?

Mein absoluter Lieblingspoet ist leider vor ein paar Jahren gestorben, der Kanadier Mark Strand. Ich lese gerne Gedichte. Ich mag sehr gerne Surrealisten wie Breton oder Arp, konkrete Poeten wie Gomringer, oder Leute, die Spoken Word in der Schweiz betrieben: Mani Matter oder Kurt Marti. Mundart mag ich sehr gerne.

26. Was lesen Sie gerade?

Auf meinem Bücherregal habe ich immer einen Stapel Bücher, bei denen ich überall ein wenig drin bin. Ich lese selten ein Buch an einem Stück durch. Ich habe sicher die aktuellen Schweizer Spoken-Word-Sachen und dort halte ich mich an den Verlag «Der gesunde Menschenversand». Was der seit Jahren macht, ist grossartig, konsistent und konsequent. Er ist der einzige Verlag für Spoken Word und du musst einfach alles lesen, was der rausbringt. Die letzten Bände von dort habe ich sicher auf dem Nachttisch und dann noch ein paar Amerikaner wie Fitzgerald oder Faulkner.

27. Ist es nicht ein Widerspruch, Spoken Word im Buch herauszugeben?

Spoken Script heisst die Reihe. Das löst den Widerspruch auf. Das ist Spoken Word in Buchform. Es ist ein Zwischending: Spoken, aber doch niedergeschrieben.

28. Lieber auf, neben oder vor der Bühne?

Die Kombination ist das Perfekte für mich.

29. Also einen Abend gestalten, selber fünf Minuten auftreten und den Rest als Zuschauer geniessen?

Schon ab und zu selbst mal auf der Bühne sein – aber nicht unbedingt. Ich programmiere und kuratiere sehr gerne und schaue, was daraus wird. Ich freue mich, wenn das Publikum Freude daran hat und schaue, dass die Autorinnen und Autoren einen guten Abend haben.

Zusammen mit Jürg Lischer veranstaltet André Schürmann seit über 20 Jahren Literatur auf der Bühne.
Zusammen mit Jürg Lischer veranstaltet André Schürmann seit über 20 Jahren Literatur auf der Bühne. (Bild: zvg)

30. Deepdish Pizza oder Chügelipastetli?

(lacht) Das ist beides nicht so meins – wahrscheinlich eher Curry.

31. Windy City oder Leuchtenstadt?

Ich liebe beide. Chicago ist fast schon wie eine zweite Heimatstadt. Ich will nicht ohne beide.

32. Sie engagieren sich in der Städtepartnerschaft Luzern–Chicago, die letztes Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feierte. Wieso eigentlich?

Es gibt ein Atelier in Chicago und alle zwei Jahre eine Ausschreibung, aus der sechs Leute aus Luzern für 24 Monate ausgewählt werden. 2012 durfte ich für vier Monate dorthin. Das war eine der produktivsten und inspiriertesten Zeiten meines Lebens –  obwohl ich schon eine Familie hatte mit Kind. Ich konnte extrem viel sehen und machen, habe mich vernetzt, bin viel aufgetreten, habe extrem viel geschrieben und ein Büchlein mit Poems mit nach Hause gebracht. Ich habe noch immer einen regen Austausch mit Leuten aus Chicago, lade auch immer wieder Künstler hierher ein. Etwa zwei Jahre nachdem ich zurückkam, wurde ich für den Vorstand der Sister Cities angefragt. Das ist ein ziemlich heterogenes Gremium und sie wollten einen Kulturschaffenden, der schon in diesem Atelier war. Jemanden, der die Leute betreuen konnte, die dort hingehen, und jemand, der Vernissagen und Werkschauen organisieren würde. Mir war klar, dass ich zusage, um etwas zurückzugeben.

33. Was war Ihr bisher prägendstes Erlebnis in Chicago?

Die Bühne kennenzulernen, wo Poetry Slam erfunden wurde. Und den Typen als Master of Ceremony zu erleben, der Poetry Slam weltweit erfand – Mark Smith. Der macht das heute noch. Ich war einige Male Gast an diesem Slam, wurde auch zu anderen Events eingeladen oder habe mich beim Open Mic eingetragen. Das ist in diesem historischen Raum in Chicago in einer Jazz-Bar. Von Montag bis Samstag ist da Jazz und am Sonntag ist immer Slam. Da hast du als Slammer eine Band zur Verfügung und die fragen dich, was für Sound sie bei deinem Auftritt spielen sollen. Und dann hast du einen Auftritt vor 300 Leuten. Das ist schon sehr, sehr cool.

«Schweizer sind politischer – trotz Trump.»

34. Chicago hat mit die höchste Rate an Waffengewalt in den USA – schon einmal in gefährliche Situationen geraten?

Überhaupt nicht – wirklich. Chicago ist im Schachbrettmuster angeordnet – alle Strassen sind horizontal oder vertikal ausgerichtet und jede Adresse ist total einfach zu finden, weil es immer «North», «East», «West» oder «South» heisst. Dann weisst du genau, wo der Schnittpunkt ist. Grundsätzlich ist es im Süden und Westen gefährlich, im Norden, dem Osten und Downtown ist es sicher. Am Tag ist es nochmal etwas anderes. Ich ging häufig in einen nahegelegenen Park joggen und dort musst du nachts nun wirklich nicht hin. Dort gibt es Schiessereien. Aber gefährlich ist es nicht, wenn du das weisst – und das gehört zum Allgemeinwissen. Kommt dazu, dass man Pech haben müsste, weil alles «gang-related» ist. Das heisst, dass Banden um Strassenzüge kämpfen, um ihren Einfluss zu erweitern. Das geht Gang gegen Gang und nicht gegen irgendwelche Touris.

35. Was gefällt Ihnen an Chicago besser als an Luzern?

Ganz klar, die Architektur. Und das «Meer» – also der Lake Michigan. Der ist einhundert Mal grösser als der Bodensee und das Gefühl ist wie bei einem Meer – du siehst nicht auf die andere Seite. Es ist grossartig. Und auch die Grösse der Stadt, das Kosmopolitische gefällt mir. 

36. Was gefällt Ihnen an Luzern besser als an Chicago?

Das ist meine Heimat. Ich bin in Emmenbrücke aufgewachsen. Ich lebe schon lange in der Stadt und finde, sie hat eine unheimlich hohe Lebensqualität. Ich arbeite hier, habe viele Freunde und Familie hier. Ich liebe Luzern. Im Sommer ist sie toll und im Winter auch. Innert kürzester Zeit bist du irgendwo in den Bergen und – sorry – am Arsch der Welt. 

37. Schreibtisch oder Bühne?

Bühne

 

38. Haben Sie ein bestimmtes Ritual, bevor Sie auf die Bühne gehen?

Ein Glas Weisswein (lacht) Nein, Rituale habe ich überhaupt keine. Ich schaue einfach darauf, dass ich bereit bin, bevor ich irgendwohin komme. Wenn ich dann Leute treffe, möchte ich nicht sagen müssen: «Ich kann jetzt nicht reden, weil ich mich vorbereite.»

39. Was haben die amerikanischen Bühnenliteraten den Schweizern voraus?

Generell hinterfragen sie sich weniger – dadurch gibt es aber auch mehr Abstürze. Es gibt oft Leute, bei denen man denkt: Ups, die hätten vielleicht noch ein bisschen üben sollen. Sie sind weniger selbstkritisch als Leute, die hierher kommen.

40. Und was haben die Schweizer den Amerikanern voraus?

Zumindest bei Slams sind Schweizer in der Regel besser und seriöser als Amerikaner. Amerikaner sind offen und geben sich, als ob sie sich für gar nichts schämen würden. Das sieht man in der Schweiz nicht. Und die Themen sind auch unterschiedlich. Schweizer sind politischer – trotz Trump.

41. Ist Luzern ein guter Ort für einen Literaturveranstalter?

Ja, bisher bin ich zufrieden mit der Literaturförderung und kann mich nicht beklagen. Die Loge wird seit Jahren unterstützt, auch das Woerdz-Festival. Luzern ist eine Festivalstadt: Comics, Musik und jetzt auch noch Spoken Word. Die Stadt engagiert sich dafür, Luzern auf die Karte zu bringen – dafür investiert sie auch Geld. Von daher ist es ein guter Ort.

42. Wo ist Luzern in Sachen Spoken-Word-Bühnenstrahlkraft schweizweit anzusiedeln?

Von den Veranstaltungen und der Vermittlung her ist es schweizweit die Nummer eins – und zwar mit Abstand. Seit über 15 Jahren engagieren sich der Verlag «Der gesunde Menschenversand», das Woerdz-Festival und die Loge für Spoken Word und das hat Auswirkungen. Was man auf der anderen Seite sagen muss: Die Zentralschweiz bringt nicht die meisten Autoren hervor. Da ist eindeutig Bern führend. Dort haben wir Nachholbedarf und da sind wir dran.

«Angst habe ich vor Machtmenschen wie Trump, Putin oder Erdogan.»

43. Woran könnte es denn liegen, dass es von hier so wenige Autoren gibt?

Wir haben uns wirklich schon die Köpfe darüber zerbrochen. Das ist eine zentrale, wichtige Frage. Ich weiss es nicht. Man versucht, das aufzubrechen und aufzuschlüsseln. Wir machen Workshops an Kantons- und Berufsschulen, damit man Junge überhaupt erst einmal zum Wort bringt. Dabei gibt es auch Qualifikationen und einen «Mini-Slam», wo sie das erste Mal auf grosser Bühne auftreten können. Das ist ein Prozess, es kommen immer wieder ein paar Leute dazu. Ich bin überzeugt, in zehn Jahren wird es anders aussehen.

44. Gibt es da einen Namen, den man sich merken darf?

Ja, die Siegerin des Mini-Slams vor zwei Jahren, Kim Gvozdic. Sie kam aus so einem Workshop. Sie ist ein Riesentalent, war super auf der Bühne, hatte Power und hat geslamt, als ob es kein Morgen gäbe.

 

45. Was war Ihr bisher peinlichster Moment auf der Bühne?

Es gibt verschiedene peinliche Momente: Wenn du denkst, das sei jetzt eine echt gute Pointe gewesen. Dann merkst du, dass sie nicht ankommt. Oder wenn ich einen Teil eines Stückes auswendig machen will, und dann merke, dass ich es eben doch noch nicht drauf habe. Aber ich habe auch Mut zum Scheitern. Ich will mein Bestes geben und wenn es nicht reicht: So what? Dann habe ich sicher etwas gelernt.

46. Wovor fürchten Sie sich?

Vor dem Alter. Davor, dass einen Körper und Geist irgendwann verlassen. Dass man Freunde verliert, die Familie und dass man selber irgendwann abtreten muss. Und Angst habe ich vor Machtmenschen wie Trump, Putin oder Erdogan.

47. Worüber ärgern Sie sich besonders?

Über Leute, die einen bösen Willen haben und die andere extra reinlaufen lassen. Zynische Leute, viele Politiker, die das genau wissen und es trotzdem machen. Rechte Parteien, die es schaffen, dass Leute für Inhalte stimmen, die gegen sie selbst gerichtet sind. Und Leute, die asozial eingestellt sind, finde ich Horror. Ich finde es auch unschön, wenn man als Staat den Leuten, die es nötig hätten, aus Sparzwängen noch mehr Geld entzieht, anstatt dass man die Steuern bei denen, die es haben, anhebt.

48. Was bringt Sie zum Lachen?

Hazel Brugger zum Beispiel letztens im Kleintheater. Mein Sohn oft, weil er originell ist. Mich bringt vieles zum Lachen, aber ich habe auch eine grosse Bereitschaft zum Lachen, mitunter auch über mich selbst.   

49. Was tun Sie, um Schreibblockaden zu lösen?

Vom letzten Sommer bis fast Weihnachten kam mir relativ wenig in den Sinn. Aber ich kann auch nicht sagen, wie man das lösen kann. Ich habe es ausgesessen. Plötzlich sind wieder Ideen gekommen.

50. Welche Ziele möchten Sie noch in ihrem Leben erreichen?

Ich würde gerne für zwei Monate oder so nach Berlin zum Schreiben und Auftreten. Berlin ist eine Lesebühne-Stadt, du kannst dort jeden Abend an einem anderen Ort auftreten. Ich würde gerne noch mehr in diese Szene eintauchen.

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