«Kopf oder Zahl»: Seit Dienstag ist der Film über die Luzerner Steuerpolitik zu sehen. (Bild: jwy)
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«Kopf oder Zahl»: Seit Dienstag ist der Film über die Luzerner Steuerpolitik zu sehen. (Bild: jwy)

Hält die Tiefsteuer-Doku, was sie verspricht?

8min Lesezeit

Alle kommen zu Wort, kein Aspekt der Luzerner Tiefsteuer-Politik wird ausgelassen. Der Dokfilm «Kopf oder Zahl» taucht tief in die Materie ein und berichtet ausgewogen. Fazit: Versprechen eingelöst, doch der Streifen überfordert die Zuschauer.

Marschmusik. Feststimmung. Geschmückte Hüte. «Am Vormittag hat der Luzerner Kantonsrat die Jahresrechnung 2017 mit einem Verlust von 37,7 Millionen Franken abgesegnet», sagt die Erzählerin. Wir schreiben den 19. Juni 2018, und am Nachmittag feiert die Luzerner Kantonsregierung ihren neuen Präsidenten Robert Küng im sonnigen Willisau. So beginnt die langersehnte Steuer-Doku «Kopf oder Zahl».

Vor einem Jahr hat eine Gruppe Kulturschaffender Bemerkenswertes erreicht: Sie sammelte mit einem Crowdfunding über 130'000 Franken für einen Dokumentarfilm, der die Folgen der Luzerner Tiefsteuerpolitik untersuchen soll (zentralplus berichtete).

Der von der Luzerner Politik unbefleckte Basler Regisseur Reinhard Manz wurde damit beauftragt – nun hatte der fast eineinhalbstündige Film am Dienstag vor über 200 Zuschauern im Luzerner Bourbaki Premiere. In den nächsten Wochen geht er auf Roadshow durch den Kanton Luzern.

Versprechen eingelöst

Das Team ist sorgfältig und gründlich an die Sache herangegangen, und ja: unabhängig. Damit hat der Film ein Versprechen eingelöst: Das «Kollektiv besorgter Bürgerinnen und Bürger» hinter dem Film, das zuvor schon mit scharfen Protestaktionen in Erscheinung getreten ist, hat den Film nicht als billiges Ventil benutzt, um gegen die Regierung zu schiessen.

Der Film will «den richtigen Leuten, die richtigen Fragen» stellen. Und geht damit den beschwerlichen Weg der grossen Erklärung und Einordnung. Dieser Anspruch wird aber nur halbwegs erfüllt. Der Film ist lang, die Auswahl der Protagonisten nicht immer schlüssig – und irgendwann verliert man zwischen Luzerner Bildungspolitik und internationalem Steuerdumping den Faden.

Der  Anspruch, die Luzerner Finanzpolitik in einen nationalen, ja gar internationalen Kontext, einzuordnen, ist ambitioniert – und der Film dadurch zu überfrachtet.

Der Trailer von «Kopf oder Zahl»:

Der Finanzdirektor kommt gut weg

«Kopf oder Zahl» ist allemal sehenswertes Dokumentarfilm-Handwerk. Der Interview-Marathon wird mit Bildern und Grafiken, flockiger Musik oder bedrohlicher Soundkulisse gebrochen. Zu sehen sind bildstarke Aktionen aus der Luzerner Kultur, etwa der Protest #Sichtbarmachung, der aus dem Wasser stieg. Touristen im Sonnenschein-Luzern neben Ausverkauf-Schaufenstern. Aber auch gähnende Kantonsratsdebatten ohne Mehrwert.

Die Kamera begleitet an einen Regierungsratsapéro, wo Finanzvorsteher Marcel Schwerzmann in einem seiner vielen Auftritte sagt: «Es wäre schön, wenn wir jetzt etwas sachlicher herangehen könnten.» Der Film macht es vor und lässt Kritiker und Befürworter ausgewogen zu Wort kommen.

Regierungsrat Marcel Schwerzmann auf der Burgruine in Lieli hat viele Auftritte – und kommt gut weg.
Regierungsrat Marcel Schwerzmann auf der Burgruine in Lieli hat viele Auftritte – und kommt gut weg. (Bild: Screenshot)

Schwerzmann, Feindbild aller Spargegner, kommt erstaunlich gut weg. Auf der Burgruine Nünegg in Lieli sagt er: «Im Mittelalter haben die Steuervögte dem Volk möglichst viel weggenommen, damit einige wenige Familien ein feudales Leben hatten. Heute probieren wir genau das Gegenteil.»

Neben Marcel Schwerzmann bleiben als Protagonisten zwei nationale Gesichter hängen: die Alt-SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (Basel-Landschaft) und Dominik Gross, Finanzexperte bei der NGO Alliance Sud. Sie geben inhaltlich Gegensteuer und benennen das grosse Ganze.

Es gibt viele starke Momente und Argumente. Aber leider springt der Film zu schnell von Thema zu Schauplatz, von der Berner Wandelhalle zu den Bauern in Hasle, vom internationalen Steuerdumping zum Spital Wolhusen.

Wo sind die Firmen geblieben?

Spannend wird’s mit dem Fokus auf Firmen, die in den Kanton Luzern zogen. So sagt Martin Kaufmann, CEO von Meier Tobler in Egolzwil: «Die Steuerpolitik war ganz klar nicht ein entscheidender Faktor für den Umzug, es war die Verkehrslage und die Unterstützung der Behörden.» Anders Reto Sieber von der Siga in Ruswil: «Die Steuern spielen eine wesentliche Rolle.»

Wo sind die Firmen, die aus dem Ausland zugezogen sind? Der Film benennt die Firma Acemar gleich beim Luzerner Vögeligärtli, von der die meisten noch nie gehört haben. Der CEO des türkischen Unternehmens sagt: «Wir wollen weiter wachsen in Luzern.» Und er habe Luzern wegen der Unternehmenssteuern den Vorzug gegenüber Genf, Tessin oder Zug gegeben.

Hier liefert der Film Debattenstoff, Fragen zum Nachdenken und Anschauungsunterricht.

Hier wird der Film gezeigt

Der Film wird in den nächsten Wochen an weiteren Orten im ganzen Kanton Luzern gezeigt. Am 15. Februar, 19 Uhr, wird in der Zwischenbühne Horw zentralplus wiederum ein Podiumsgespräch leiten.

Man wünscht sich mehr Kommentare und Einordnungen, etwa: Vor der Steuersenkung wuchs die Wirtschaftsleistung jährlich um 6,4 Prozent, ab 2012 um 6,7 Prozent. «Also unwesentlich mehr», so die Kommentatorin. Oder als Reto Wyss vor der neuen «Kunsti» in Emmen trocken ein Statement abgibt, dazu mitreissende Bilder von demonstrierenden Schülern. So geht gekonnte Einbettung.

Floppt die Wirtschaftsfakultät?

Leider sind Überraschungen, Aha-Momente oder bestürzende Geschichten die Ausnahme. Etwa dass die umstrittene neue und privat finanzierte Wirtschaftsfakultät der Uni Luzern angeblich floppt. Statt der angepeilten 150 bis 200 Studenten seien es lediglich 88 (2016) oder sogar 76 (2017) gewesen. «Meine Erwartungen sind nicht erfüllt worden», sagt Reto Sieber, der im Ja-Komitee für die neue Fakultät kämpfte.

Fassbar wird die Finanzpolitik auch an der Kanti Alpenquai, wo der Kanton die Reinigung an Private auslagern will. Aldo Magno von der Dienststelle Gymnasialbildung zweifelt erstaunlich offen am Sparpotential und kritisiert die Anstellungsbedingungen der privaten Reinigungsfirmen. Ein Angestellter huscht auf einem Reinigungsfahrzeug durch die Gänge. 14 von 15 Mitarbeitern hätten in der Kantine gekündigt. «In meinen Augen sagt das sehr viel», so der Hauswart.

Daneben wirkt Marcel Schwerzmann reichlich höhnisch: Das sei halt von Wirtschaft und Bevölkerung so verlangt. Hier lässt sich trefflich über die Rolle des Staates diskutieren.

Schauspielerin Nicole Lechmann: «Merken Sie, wie sie das Interesse verlieren?»
Schauspielerin Nicole Lechmann: «Merken Sie, wie sie das Interesse verlieren?» (Bild: Screenshot)

Es fehlt die klare Haltung

Auch Regierungsrat Reto Wyss wirkt unglaubwürdig, wenn er sagt: «Kultur hat ganz klar eine wirtschaftliche Bedeutung.» Jedoch hat «seine» Politik den Zweckverband Grosse Kulturbetriebe gefährdet. Birgit Aufterbaeck Sieber, Stiftungsratspräsidentin des Luzerner Theaters, widerspricht Wyss deutlich: «Wir hätten den Laden dichtmachen müssen, wenn man keine Übergangslösung gefunden hätte.»

Die Luzerner Schauspielerin Nicole Lechmann sagt in der Rolle von Larry Fink aus «Die grosse Menschenschau»: «Merken Sie, wie sie das Interesse verlieren? Wir in der Finanzbranche haben zwei Strategien entwickelt, damit sich kein Mensch für uns interessiert: Erstens: Wir sind kompliziert. Zweitens sind wir langweilig.»

Leider gilt das zeitweise auch für den Film. Er ist mit seiner umfassenden Recherche tiefer in die Materie eingetaucht, als es die aktuelle mediale Berichterstattung vermag. Aber es fehlt oft die Nähe, Betroffenheit sowie eine klare Haltung.

Letztlich bringt der Dokfilm wenig Neues, das man nicht schon anderswo gelesen hat. Zu wenig, wenn man ihn an den eigenen Ansprüchen misst. Es ist zu hoffen, dass er trotzdem die Diskussion vor den kantonalen Wahlen am 31. März befeuert.

Regisseur Reinhard Manz mit seinem Drehteam in der Ufschötti.
Regisseur Reinhard Manz mit seinem Drehteam in der Ufschötti. (Bild: zvg)

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