Donna Elvira (Solenn’ Lavanant Linke) auf der Luzerner-Theater-Bühne, hinter ihr die Infrarotaufnahmen der Kamera. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)
Kultur Theater Rezension

Donna Elvira (Solenn’ Lavanant Linke) auf der Luzerner-Theater-Bühne, hinter ihr die Infrarotaufnahmen der Kamera. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

6min Lesezeit

Das Luzerner Theater bringt die Oper aller Opern in völliger Dunkelheit auf die Bühne. Vom Protagonisten sieht man nur die Hände und das Geschehen verfolgt man als Schwarz-Weiss-Film. Wie gelingt das Experiment?

Marinella Polli

Im Luzerner Theater hat man wieder die Gelegenheit, ein berühmtes Meisterwerk in einem ganz besonderen Format zu sehen. Mozarts «Don Giovanni» wird diesmal im Dunkeln aufgeführt und der Protagonist tritt nie in Erscheinung (zentralplus berichtete). «Don Giovanni ist als Prinzip und in seiner Radikalität eine Sehnsuchtsfigur, ein Versprechen, anders zu leben, anders zu lieben», so Regisseur Benedikt von Peter.

Nein, Don Giovanni gibt es nicht; was es gibt, ist, was wir Don Giovanni nennen. Und was wir Zuschauer von ihm (Jason Cox) sehen, sind nur Schatten und Videos mit seinen Händen in weissen Handschuhen, die Gesichter und Körper streicheln.

Die Zuschauer sehen in der Tat nur ein paar Momente in echt, den Rest erahnen oder verfolgen sie mittels Projektionen einer Live-Infrarotkamera von Kameramann Carlos Isabel Garcia und Videos von Bert Zander. Die Bilder werden auf eine dünne Leinwand projiziert (Bühne: Katrin Wittig, Kostüme: Geraldine Arnold). Wie durch ein Schlüsselloch verfolgt man das Geschehen. Oder sind es vielleicht die eigene Sehnsucht nach Liebe und Sinnlichkeit, das Begehren, Lust und Trieb, was die Zuschauer sehen?

Fesselnd bis zum Ende

Don Juan also – der Verführer von Sevilla, der Wüstling par excellence, eine Kunstfigur, die ihren Platz in Dramen, Romanen, Opern und Spielfilmen fand, seit sie der Komödiendichter Tirso da Molina in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts unter dem Titel «El burlador de Sevilla y convidado de piedra» («Der Verführer von Sevilla und der steinerne Gast») auf die Bühne brachte.

Und hier Mozarts Dramma giocoso in zwei Akten (Textdichter: Lorenzo da Ponte) – ein exquisites Meisterwerk, die Oper aller Opern, die vom ersten Akkord der Ouvertüre (erst am Tag der Uraufführung fertigkomponiert) bis zum Finale jeden fesselt und fasziniert.

Vuyani Mlinde als Leporello.
Vuyani Mlinde als Leporello. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

Schrei nach Vergeltung

Donna Anna (Rebecca Krynski Cox) verschweigt ihrem Bräutigam, dem naiven Don Ottavio (Emanuel Heitz), ihr Verhältnis mit Don Giovanni und schwört an der Leiche ihres Vaters (Don Giovanni hat ihn getötet) Rache. Daneben möchte die feurige Donna Elvira (Solenn’ Lavanant Linke) den früheren Geliebten Don Giovanni entweder zurückgewinnen oder bestrafen. Und schliesslich sollte Zerlina (Diana Schnürpel), das einfache, aber nicht so naive Mädchen, Masetto (Flurin Caduff) heiraten und wird gerade am Hochzeitstag von Don Giovanni verführt.

Alle schreien nach Vergeltung. Aber nur dem toten Vater von Donna Anna, dem Komtur, wird es im Namen des Moralgesetzes («Questo è il fin di chi fa il mal: e de’ perfidi la morte alla vita è sempre ugual!» – «Das Ende der Bösewichte ist ihrem Leben immer angemessen») am Schluss und nach nicht wenig Chaos gelingen, Don Giovanni endgültig zu bestrafen.

Zwischen Clown und Conférencier

Don Giovannis hochkomödiantischer Diener Leporello (Vuyani Mlinde) – eine Art komischer Alter Ego seines Herrn – tritt in Benedikt von Peters Inszenierung als gelungene Mischung auf: zwischen Clown, der mit Leichtigkeit alles berichtet und à sa façon deutet, und einem arroganten Conférencier, der wie sein Herr das Motto «Viva la Libertà» wörtlich nimmt oder nehmen möchte.

Maestro Clemens Heil dirigiert mit grossem Engagement und Enthusiasmus ein sehr aufmerksames Luzerner Sinfonieorchester mit einer präzisen Valeria Polunina am Hammerflügel. Dies, während der von Mark Daver vorbereitete Chor des Luzerner Theaters nicht immer in bester Form zu sein scheint.

Der grösste Teil des Geschehens spielt sich im Dunkeln ab und von einer Infrarot-Kamera auf die Leinwand projiziert.
Der grösste Teil des Geschehens spielt sich im Dunkeln ab und wird von einer Infrarotkamera auf die Leinwand projiziert. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

Gelungene Premiere mit Abstrichen

Vuyani Mlinde singt und spielt einen grossartigen, sehr charismatischen, äusserst kommunikativen Leporello, seiner Stimme fehlt nichts an Gewicht, an Farben und an Ausstrahlung. Rebecca Krynski Cox wirkt manchmal überforciert als Donna Anna und ihre Stimme kommt in den dramatischen Momenten an ihre Grenzen. Eher blass wirkt auch Emanuel Heitz, der als Don Ottavio nicht immer elegant phrasiert, während Solenn’ Lavanant Linke eine ausdrucksvolle, brillante Donna Elvira von grosser Intensität darstellt (und dies trotz einer leichten Krankheit).

Diana Schnürpel ist eine überaus reizende, impulsive, aber sensible Zerlina, Flurin Caduff überzeugt als Masetto, während der ebenfalls etwas angeschlagene Boris Petronje als Komtur bewegt. Vom nicht sichtbaren Jason Cox als Don Giovanni schätzt man die schöne, runde und differenzierte Stimme.

Trotz etwas Verlust an musikdramaturgischer Wirkung, der auf das spezielle Konzept zurückzuführen ist, hat das Premierenpublikum diese Produktion von Mozarts «Don Giovanni» eindeutig sehr geschätzt: Der grosszügige Applaus schien am Sonntagabend nicht mehr aufhören zu wollen.

Weitere Aufführungen (in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln) bis 8. Juni am Luzerner Theater. Spieldauer ca. 2 Stunden 45 Minuten (mit Pause nach dem 1. Akt).

Donna Elvira (Solenn Lavanant Linke) für einmal in echt und nicht als Projektion.
Donna Elvira (Solenn’ Lavanant Linke) für einmal in echt und nicht als Projektion. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

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