Leporello (Vuyani Mlinde) tritt auch vor die Leinwand, Don Giovanni hingegen sieht man nie. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)
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Leporello (Vuyani Mlinde) tritt auch vor die Leinwand, Don Giovanni hingegen sieht man nie. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

Ein ganzer Opernabend im Dunkeln, wie geht das?

7min Lesezeit

Das Luzerner Theater bleibt mutig. Vor zwei Jahren schickten sie «Rigoletto» in eine Industriehalle, nun folgt «Don Giovanni» im Dunkeln. Eine Grenzerfahrung mit Infrarotkameras und unsichtbarem Hauptdarsteller.

Die Zuschauer blicken auf ein schwarzes Tuch. Dahinter eine Black Box im wahrsten Sinne des Wortes. «Der Bühnenraum sieht zuerst einmal blank und schmucklos aus, ist aber etwas ganz Besonderes», sagt Caterina Cianfarini. Die Regieassistentin steht mitten in diesem Schwarz, um sie herum ein nervöses Gewusel aus Musikerinnen, Darstellern und Technikern.

Wenige Tage vor der Premiere vom Sonntag treffen das erste Mal das Orchester und die Sänger aufeinander. «Wenn die Arbeitsbeleuchtung ausgeht, ist es hier komplett düster.» Das ist die Bühne für den Auftritt von «Don Giovanni», dem Meisterwerk von Wolfgang Amadeus Mozart (siehe Box).

In der Inszenierung von Intendant Benedikt von Peter agieren die Darsteller meist komplett im Dunkeln. Jedoch nur für das menschliche Auge: Cianfarini zeigt auf acht grosse Infrarot-Scheinwerfer an der Decke. «Mit dem blossen Auge sehen wir dieses unsichtbare Licht nicht», erklärt sie. Darauf reagiert aber eine Live-Infrarotkamera, die das Geschehen einfängt und für das Publikum auf die Leinwand überträgt.

«Hier hinten ist unheimlich viel los.»

Caterina Cianfarini, Luzerner Theater

Der Luzerner Don Giovanni ist eine doppelte Livesituation: einmal auf der Bühne, einmal als Projektion. «Wir drehen hier quasi einen Film, mit dem Unterschied, dass wir die Bilder immer wieder live herstellen», sagt Caterina Cianfarini. Für jede der 15 Vorstellungen erneut.

Zum Stück

«Don Giovanni» – Oper von Wolfgang Amadeus Mozart: Sonntag, 13. Januar, 19 Uhr, Luzerner Theater (Premiere). Weitere Vorstellungen bis 8. Juni.

Musikalische Leitung: Clemens Heil, Inszenierung: Benedikt von Peter. Hauptrollen: Jason Cox (Don Giovanni), Vuyani Mlinde (Leporello), Rebecca Krynski Cox (Donna Anna), Solenn’ Lavanant Linke (Donna Elvira), Emanuel Heitz (Don Ottavio)

Die Livekamera (Carlos Isabel Garcia) ist eine der Hauptakteurinnen dieser Inszenierung. «Der Kameramann muss sich wahnsinnig viel merken und darf nichts falsch machen, weil sonst sofort die ganze Szene nicht funktioniert», sagt Cianfarini. Darum klebt er wie ein schwarzer Geist an der Schulter von Don Giovanni und verfolgt das dreistündige Geschehen.

Die Kamera ist für die Zuschauer das Auge in die Dunkelheit. Von Don Giovanni selber sieht man nie mehr als seine gestikulierenden Hände. «Er muss also alles über die Hände und den Klang seiner Stimme erzählen», sagt Cianfarini.

Riesengross und in Grautönen

Aus Don Giovannis Perspektive blicken wir also auf das Geschehen. «Wir sehen, was er auslöst in den Menschen und wie diese auf ihn reagieren», erklärt Cianfarini. Die Kamera geht mit, bewegt sich auf und ab, blickt durch Blätterzweige und fängt verwackelte Bilder ein. Die Figuren erscheinen schliesslich in Grautönen und riesengross auf die Leinwand projiziert. Das erhält eine ganz eigene Ästhetik zwischen alten Schwarz-Weiss-Streifen und modernen Experimentalfilmen. Man kommt den Darstellern ungewohnt nahe, nimmt eine intime, voyeuristische Haltung ein – besonders in den Kussszenen.

Die Inszenierung kommt fast ohne Bühnenelemente aus, «den grössten Teil des Bühnenbildes stellen die Sänger aus ihrer Haltung heraus her», sagt Cianfarini. Darum kommt es auch nicht zu Umbauten wie sonst in Opern. «Trotzdem ist hier hinten unheimlich viel los, ein zweieinhalbstündiger Abend komplett in Schwarz ist nicht so einfach.» Ein Lichtstatist begleitet den Kameramann, ein Springer reicht Requisiten – alles muss im Unsichtbaren geschehen. Abgesehen von den Darstellern sind alle komplett schwarz, bis in die Ohren und Nasenlöcher, die Techniker tragen Sturmhauben.

Zudem hat Infrarot seine ganz eigene Logik. «Man kann nicht beurteilen, wie die Materialien im Infrarotlicht erscheinen», sagt Cianfarini. Vom Klebeband auf dem Boden bis zu den Kostümen musste alles getestet werden. Der Moltonstoff des Vorhangs etwa blieb schwarz, Samt jedoch wurde zu weiss. Dunkle Haare wurden hell, andere blieben dunkel.

Die Liveaufnahmen der Infrarotkamera werden in Grautönen auf die Leinwand projiziert.
Die Liveaufnahmen der Infrarotkamera werden in Grautönen auf die Leinwand projiziert. (Bild: zvg/Ingo Hoehn)

Kein Schritt zu viel

Die Inszenierung ist für die Sängerinnen und Sänger «eine total ungewohnte Situation», so Cianfarini. Nicht nur wegen der fehlenden Orientierung im Dunkeln. «In der Oper ist man gewohnt, alles zu vergrössern, damit man es auch auf dem zweiten Rang noch erkennt», sagt sie. Vor der Kamera wirken Mimik und Gestik ganz anders: «Das Spielprinzip ist ein anderes, man kann kleine Bewegungen machen, die ganz gross wirken», so Cianfarini. Ein Schritt zu viel und man sei bereits aus dem Bild.

Der Bereich hinter dem Vorhang ist der eine, Leporello und Co. treten regelmässig vor den Vorhang in die Helligkeit. Sie entschwinden der Kamera und man erblickt sie in echt, 3D und Farbe. Wo zuvor das Geschehen aus den Augen Don Giovannis verfolgt wird, richten sich die Figuren ans Publikum. Mit diesem Spiel zwischen Leinwand und «echtem» Auftritt ergeben sich witzige, surreale Bilder und verwirrende Dopplungen.

Vor dem Vorhang spielen die Darsteller grösser, «mehr über den ganzen Körper und mit grösseren Schritten statt über kleine Gesten und über Mimik. Diese Wechsel sind relativ tricky», sagt Cianfarini.

Don Giovanni als Prinzip

Es bleibt die Frage: Wieso ist Don Giovanni unsichtbar? Die Inszenierung treibt die Grundidee, dass es Don Giovanni gar nicht gibt, auf die Spitze. Er ist lediglich das, was andere in ihm sehen: das Begehren, der Trieb. Schon der dänische Philosoph Søren Kierkegaard befand, Don Giovanni sei nicht darstellbar. Er verfolgte dabei die Oper konsequent mit geschlossenen Augen.

In Luzern müsste er das nicht. Benedikt von Peter nimmt die Ausgangslage wörtlich: «Don Giovanni ist das Prinzip, das in uns allen funktioniert», sagt die Regieassistentin. Die Zuschauer wie auch die anderen Darsteller erkennen ihn nur über die Reaktion der anderen, über den Blick von Donna Anna oder Leporello, der durch den Abend führt.

«Man muss viel mit seiner Phantasie arbeiten und mit seinem eigenen Blick auf die Dinge», sagt Cianfarini. Man bekomme keinen Don Giovanni mit Schlangenlederschuhen vorgesetzt, dem man glauben müsse, dass er erotische Macht ausübt. «Vielmehr muss man sich fragen: Was ist mein Don Giovanni?»

Dieser Ansatz mit den visuellen Grenzüberschreitungen soll das Stück auch für ein neues Publikum öffnen. «Wer eine klassische Operninszenierung erwartet, wird sehr überrascht», sagt sie.

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