Fetter Vetter & Oma Hommage zeigt das Stück «Ein Kind unserer Zeit» im Kleintheater. (Bild: Ingo Hoehn)
Kultur Theater Rezension

Fetter Vetter & Oma Hommage zeigt das Stück «Ein Kind unserer Zeit» im Kleintheater. (Bild: Ingo Hoehn)

Kleintheater Luzern: «Weil der Einzelne keine Rolle mehr spielt»

6min Lesezeit

Mit Ödön von Horváths «Ein Kind unserer Zeit» feierten Fetter Vetter & Oma Hommage Premiere im Kleintheater Luzern. Äusserst textnah inszeniert das junge Theaterkollektiv den Klassiker und bringt die Stärken des Romans sehr kreativ, humorvoll und gleichzeitig bedrückend ernsthaft auf die Bühne.

Nach knapp zwei Stunden öffnet sich die Hintertüre und ein älterer Mann tritt aus dem Luzerner Schneegestöber hinein. Zwischen der schwarzen Bühne und dem starren, schneeweiss gekleideten und bemalten Schauspieler fällt der gewöhnlich angezogene Mann (Christoph Künzler) auf. Er öffnet von Horváths Roman und liest uns das Ende der Geschichte vor, in welchem der Ich-Erzähler, ein verkrüppelter Soldat, auf einer Parkbank erfriert und langsam vom Schnee zugedeckt wird.

Plötzlich wird er von einem Kind entdeckt: «Schau, Mutti! Ein Schneemann!» In Gedanken wendet sich der Soldat an das Kind: «Schau nur, schau! Es sitzt ein Schneemann auf der Bank, er ist ein Soldat. Und wenn du ganz gross sein wirst, dann wirds vielleicht andere Tage geben und deine Kinder werden dir sagen: Dieser Soldat war ja ein gemeiner Mörder – dann schimpf nicht auch auf mich. Bedenk es doch: er wüsst sich nicht anders zu helfen, er war eben ein Kind seiner Zeit.»

Von Volkskörper, Vaterland und Führerwahn

Doch wer war dieser Soldat? Die im Jahr 1938 erschienene Geschichte, in der von Horváth den aufkommenden Nationalsozialismus kritisiert, handelt von einem jungen, arbeitslosen Ich-Erzähler, der sein Heil in der Armee zu finden glaubt. Endlich bekommt er Kleidung, Essen und Gesellschaft. Voller Euphorie stolziert er mit seinen Kameraden durch die Stadt und liebt nichts ausser seinem Vaterland: «Der Einzelne zählt nichts – er wird erst etwas in Reih und Glied.»

Dem Team rund um Regisseur Damiàn Dlaboha gelingt es beispielhaft, den disziplinierten Gleichschritt durch die laute, monotone Musik (Jeremy Sigrist, Sämi Gallati, Silvan Schmid) und die harte, eckige Choreografie zu inszenieren. Abwechselnd leihen die Schauspieler der Hauptfigur ihre Stimmen, mal erzählen sie, mal spielen sie die Dialoge nach. Mit viel Feingefühl und Kreativität schafft es das Kollektiv, von Horváths Text für die Bühne fruchtbar zu machen und eindringlich zu inszenieren.

Toll ist beispielsweise die Szene, in welcher der Ich-Erzähler (Hans-Caspar Gattiker) von seinem personifizierten Denken (Ursula Hildebrand) von hinten überfallen wird. Denn er mag eigentlich nicht denken: «Durch das Denken kommt man auf ungesunde Gedanken.» Die gestufte Bühne (Bühnenverantwortliche Elke Mulders) bietet viel Raum für solche Szenen und ermöglicht es, die unterschiedlichsten Wirkungen zu erzielen.

Realismus dank echtem Vanilleeis

Urkomisch sind die Szenen auf dem Jahrmarkt: Dort trifft der Ich-Erzähler auf ein Mädchen, die Kassiererin eines Gruselschlosses, es ist Liebe auf den ersten Blick. Während er dies berichtet, bewegen sich im Hintergrund vier Schauspieler langsam mit grotesken, verkrampften Bewegungen von links nach rechts und ziehen Grimassen. Doch immer, wenn der Ich-Erzähler sich umdreht, stoppen sie. Das Publikum schmunzelt. Verlegen kauft er sich ein Eis und beobachtet das Mädchen aus der Ferne. «Ich mag ja gar kein Eis», ärgert er sich und bestellt vor lauter Verliebtheit gleich noch eins. Aus einer kleinen Minibar wird ein Cornet nach dem anderen gereicht, immer schneller, immer mehr, und alle lecken sie ihr Eis. Es ist echtes Vanilleeis und es wird bis am Ende des Stücks auf den Boden tropfen.

Fetter Vetter & Oma Hommage zeigt das Stück «Ein Kind unserer Zei» im Kleintheater.
Fetter Vetter & Oma Hommage zeigt das Stück «Ein Kind unserer Zeit» im Kleintheater. (Bild: Ingo Hoehn)

Der Ich-Erzähler soll sein Mädchen jedoch nicht mehr sehen. Er muss in den Krieg einrücken. Oder besser gesagt, er darf. Bedrückend schreit die Hauptfigur (Annabelle Sersch) die Kriegshetzen ins Publikum, wird immer lauter und gleichzeitig immer mehr von der rauen und aggressiven Musik übertönt, bis dass man nur noch ihre hasserfüllte, verzerrte Mimik sieht, ohne sie zu hören. Die anderen Soldaten bewegen sich rauschartig, schlagen sich selber, fressen gierig auf allen Vieren und wühlen wie die Tiere im Essen, bis zum Exzess. Die Szene wirkt sehr intensiv und lässt einen als Zuschauer nicht kalt.

Einsicht

Als der Ich-Erzähler versucht, den Hauptmann in einem Gefecht zu retten, wird er am Arm getroffen, Das Ende seines Soldatendaseins. Der Witwe des Hauptmanns einen Abschiedsbrief überbringend, landet er im Bett mit ihr. Herrlich spielt Matthias Kurmann den naiven, aufgeweckten Burschen, der sich in einem liebevollen Techtelmechtel auf die Witwe (Ursula Hildebrand) einlässt. Immer wieder rechtfertigt er sich beim toten Hauptmann (Patric Gehrig), der einfach nur dasteht, seine Zigarre raucht und keine Miene verzieht.

Zurück in der unsicheren Existenz bei seinem Vater sucht der Ich-Erzähler noch einmal das Mädchen im Gruselschloss auf. Weil sie schwanger war, wurde sie jedoch entlassen. Es stellt sich schliesslich heraus, dass sie wegen einer Abtreibung im Gefängnis landete. Da ändert der Ich-Erzähler seine Sicht auf die Welt: «Jeder, der sagt, auf den Einzelnen käme es nicht an, gehört weg.» Zurück in seinem perspektivenlosen Leben zerfrisst ihn immer mehr die zunehmende gesellschaftliche Kälte. Während des ganzen Stücks wechseln die Schauspieler allmählich ihre Kleider, bis sie am Schluss ganz weiss sind. Da geht die Hintertür auf …

Wieder einmal überzeugt Fetter Vetter & Oma Hommage mit einer gesellschaftskritischen Produktion und stellt wichtige Fragen. Die frappierenden Ähnlichkeiten zu heute gibt einem zu denken. So der Ich-Erzähler: «Unsere Führer sind schlau und klug, sie werden die anderen schon hineinlegen, denn sie beherrschen die Kunst der Lüge wie keine zweiten.»

Weitere Vorstellungen: 11., 12., 16., 18. und 19. Januar, jeweils 20 Uhr Kleintheater Luzern.

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