Hackbrett meets Jodel: Probe von Volksmusik-Studentinnen. (Bild: jwy)
Kultur Musik

Hackbrett meets Jodel: Probe von Volksmusik-Studentinnen. (Bild: jwy)

Die Jodlerinnen lösen einen Medien-Hype aus

7min Lesezeit

Eine Nische stösst auf grosses Echo: Seit zwei Monaten studieren an der Hochschule Luzern die ersten Jodlerinnen im Hauptfach. Nun gibt die neue Leiterin Nadja Räss erstmals Einblick in dieses Schweizer Novum. Sogar das Ausland schaut zu.

Die Kameraleute stehen sich gegenseitig auf den Füssen zwischen Hackbrett, Kontrabass und den Jodlerinnen. Es ist Mittwochmorgen und es probt «Alpini Vernähmlassig», das Ensemble mit Studentinnen und Studenten der Musikhochschule Luzern.

Wer glaubt, dass Volksmusik verstaubt und uninteressant sei, wird spätestens jetzt eines Besseren belehrt: Es muss normalerweise schon eine Mall of Switzerland eröffnen oder ein gewichtiger Politiker zurücktreten, um in Luzern einen solchen Medientross zu mobilisieren.

Das Stück heisst «Gislers», zu dutzenden sind die Linsen auf Tasten, Notenblätter und Saiten gerichtet, sogar deutsche Medien sind hier. «Wir lassen uns so wenig stören wie möglich», sagt Ensemble-Leiter Albin Brun schmunzelnd. Er kündigt den nächsten Einsatz an und das Orchester macht beeindruckend unbeeindruckt weiter.

Im Zentrum stehen die vier Jodlerinnen. Seit diesem Semester kann man Jodeln am Institut Jazz und Volksmusik als Hauptfach studieren. Dafür hat die Hochschule Luzern die Schwyzer Jodlerin Nadja Räss gewonnen. Sie unterrichtet das Stimmorgan und ist gleichzeitig neu Leiterin der Abteilung Volksmusik.

Die 39-jährige repräsentiert den heutigen Typus der Volksmusikerin mustergültig: Sie ist jung, mit einem Bewusstsein für Tradition, aber ohne Berührungsängste. Der Wirbel, den das Jodel-Studium ausgelöst hat, habe sie «unglaublich gefreut», sagt sie später im Gespräch.

Nadja Räss ist von Kindesbeinen an mit dem Appenzeller Naturjodel in Berührung gekommen, hat Gesang und Musikpädagogik in Zürich studiert und trat schon mit etlichen bekannten Vertretern wie Markus Flückiger oder Heinz della Torre oder mit Formationen wie den Alderbuebe oder Willis Wyberkapelle auf. 2015 erhielt sie einen Prix Valo, 2016 war sie für den Schweizer Musikpreis nominiert.

Auch für sie ist das Jodel-Studium eine neue Situation: «Es waren intensive zwei erste Monate, es sind für mich schon viele Türen aufgegangen. Und es ist unglaublich motivierend, mit so jungen Leuten zu arbeiten.»

Auch Michael Kaufmann, der Direktor der Musikhochschule, freut sich natürlich über das grosse Interesse am Nischenangebot – doch er kann sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: «Einen solchen Medienhype hätte ich gern auch einmal für die Neue Musik.» Diese zeitgenössische, experimentelle Musik kämpft stets um Aufmerksamkeit – da hat es das Jodeln offensichtlich einfacher.

Grosses Medieninteresse: Kameras mischen sich unter die Instrumente.
Grosses Medieninteresse: Kameras mischen sich unter die Instrumente. (Bild: jwy)

Auch die Stimme ist ein Instrument

Das Volksmusikstudium in Luzern wurde 2009 gegründet und ist das einzige solche Angebot in der Schweiz. Dass jetzt der Schwerpunkt Jodeln dazugekommen ist, sei eine logische Ergänzung: Zu den Instrumenten kommt die Stimme dazu. «Das war schon lange unser Wunsch, aber es hat uns die passende Dozentin gefehlt», sagt Michael Kaufmann. Erst mit Nadja Räss, der «Jodlerin und Powerfrau», so Kaufmann, habe man diese Dozentin gefunden.

Wer Jodeln oder ein anderes Volksmusik-Instrument studiert, macht das gleiche Bachelor- oder Masterstudium wie alle anderen 544 Studenten an der HSLU Musik. «Wir bilden berufsfähige Personen aus, die auf die Bühne treten können und im harten Markt bestehen», so Kaufmann.

Nur ist es weit überschaubarer als etwa im klassischen Studium: Seit Bestehen haben den Schwerpunkt Volksmusik 17 Personen abgeschlossen, derzeit sind es fünf. Aktuell belegen acht Studentinnen den Jodel-Unterricht bei Nadja Räss, zwei davon im Hauptfach.

Studierende treten an der Stubete einmal im Monat auf.
Studierende treten an der Stubete einmal im Monat auf. (Bild: zvg/Priska Ketterer)

Kein Elfenbeinturm

Im zwölfköpfigen Ensemble «Alpini Vernähmlassig» spielen auch Studierende aus der Klassik oder dem Jazz mit. «Wir arbeiten sehr disziplinübergreifend, auch an die Stubete kommen Jazzer oder Klassik-Studentinnen», sagt Räss.

Wie auch in den anderen Abteilungen gehören öffentliche Auftritt von Anfang an zum Programm. Üblicherweise nicht vor der Presse, sondern vor Konzertpublikum. «Wir sind hier nicht im Elfenbeinturm, man steht vom ersten Tag an auf der Bühne», sagt Kaufmann. So gibt es in der Jazzkantine einmal im Monat eine «Stubete» – «eine Jamsession», sagt Räss an die Nichtschweizer gerichtet. Da kann man in ungezwungener Stimmung mittanzen und -spielen, auch wer nicht an der Hochschule studiert.

Nadja Räss gibt dann auch gleich eine Jodel-Probe mit der Bachelor-Studentin Dayana Pfammatter aus dem Wallis zum Besten. Unterstützt werden sie vom Master-Studenten Emanuel Krucker aus St. Gallen am Hackbrett.

Letztlich mache sie nichts anderes als auch die Sängerinnen im Jazz- oder Klassikunterricht, sagt Räss. Zweimal in der Woche kommen die Jodel-Studentinnen zu ihr in den Unterricht, arbeiten an der Technik und widmen sich dem Repertoire.

«Wir experimentieren mit Klängen, Silben, stöbern aber auch nach alten Aufnahmen des Naturjodels, das ist ein riesiger Fundus», sagt Räss. Dieser werde mit Neuem ergänzt, später kommen auch Tanzkurse dazu oder ein «Stegreif»-Kurs. «Jodeln nach Gefühl», erklärt sie, «wir stehen nicht immer hinter Notenständern».

Hier gibt's Volksmusik

Ensemble «Alpini Vernähmlassig» am Festival «Szenenwechsel»: Montag 28.1., Jazzkantine Luzern

Stubete: Mittwoch 28.11., 19 Uhr Jazzkantine Luzern. Danach einmal im Monat.

Und neben der Praxis steht auch die Forschung auf dem Programm. Das sind im Falle des Jodelns etwa verschiedene Jodeltypen aus dem Alpenraum, zum Beispiel untersucht ein Nationalfonds-Programm aktuell die Toggenburger und Appenzeller Naturjodel.

Skepsis der Traditionalisten

In der Schweiz ist das Volksmusikstudium zwar ein Unikum, nicht aber in anderen Ländern: Und so tauscht sich die kleine Luzerner Abteilung mit Gleichgesinnten in Finnland, Schottland oder Dänemark aus.

Die traditionellen Jodlerverbände standen dem akademischen Jodeln übrigens skeptisch gegenüber – das habe sich inzwischen gelegt, sagt Kaufmann. «Jodeln ist keine museale Kunst, sie bewegt sich genauso zwischen Tradition und Moderne», sagt er.

Letztlich geht es trotz Forschung und Theorie einfach um eines: «Ich bin immer ganz berührt, wenn ich zuhöre», so Nadja Räss nach der Ensemble-Probe von «Alpini Vernähmlassig». Sie sagt es und absolviert einen Interviewmarathon.

Mehr Bilder in der Galerie:

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur