Der Kurator Ralf Keller (links) und der Künstler John Miller kennen sich seit Jahren. (Bild: Marlis Huber)
Kultur Kunst Rezension

Der Kurator Ralf Keller (links) und der Künstler John Miller kennen sich seit Jahren. (Bild: Marlis Huber)

Künstler macht Schaufensterpuppe zur Allegorie der Armut

5min Lesezeit

Mit feinem Gespür klopft der amerikanische Künstler John Miller die Gegenwart ab. Die «Comedy of Manners», so der Titel der Ausstellung im Museum Bellpark, entpuppt sich als ein mit leiser Anklage und zarter Trauer überzogenes Sittengemälde unserer Zeit.

Marlis Huber

Vor vielen Jahren lernte Ralf Keller, damals ein junger Student der Kunstgeschichte, den amerikanischen Künstler John Miller (*1954) in Karlsruhe kennen. «Damals war ich von seinen braunen, exkrementalen Impasto-Skulpturen beeindruckt», sagt Keller rückblickend. Als Mitarbeiter des kleinen Bellpark-Teams konnte er nun den Künstler für eine Ausstellung in Kriens gewinnen.

Zu sehen sind seit Freitag drei verschiedene, aber eng miteinander in Beziehung tretende Werkgruppen, verteilt auf je einem Stockwerk: die aufwendig in Siebdrucke überführten Fotografien im Parterre, eine Auswahl von Fotografien des «Middle of the Day»-Langzeitprojekts im ersten Stock sowie drei Powerpoint-Präsentationen im Untergeschoss.

Makellose Schaufensterpuppe stellt Armut dar

Ein Werk mit dem Titel «Poverty» scheint da irgendwie aus der Reihe zu tanzen: Es ist eine kleine, männliche Schaufensterpuppe in schneeweisser Kleidung. Vor ihr auf dem Boden liegt ein rotes Büchlein mit dem Titel «Über das Elend im Studentenmilieu». Diese pamphletische Schrift – verfasst wurde sie von einem aufrührerischen Strassburger Studenten im Jahre 1966 – lieferte unter anderem den Zündstoff für die studentischen Unruhen in den darauf folgenden Jahren.

John Miller, der die Ausstellung zusammen mit dem Kurator Ralf Keller konzeptuell eng begleitet hat und deswegen zugegen ist, erklärt: «Eingeflossen in dieses Werk ist auch das Plattencover von ‹Abbey Road› der Beatles. Dort überquert John Lennon in einem weissen Anzug, gefolgt von den übrigen, dunkel gekleideten Bandmitgliedern, eine Strasse.»

Nun stellt Miller diesem langhaarigen, avantgardistischen Bandleader Lennon also dieses Readymade, dieses makellose, armselige Bürschchen gegenüber. Ein trauriges Fazit, die Allegorie der Armut aus dem Jahre 2018, in der ganzen Ausstellung übrigens das einzig betitelte Werk.

John Miller: «Poverty» (Armut) von 2018.
John Miller: «Poverty» (Armut) von 2018. (Bild: zvg/John Miller)

Aus blöd wird gescheit

Die seit 1994 entstehende Fotoserie «The Middle of the Day» hingegen zeigt Bilder aus Alltagsszenen, die von Miller konsequent zwischen 12 und 14 Uhr eingefangen werden. In Kriens zeigt der Künstler eine Auswahl der Fotos, die in den letzten zwei Jahren unter anderem in New York, Berlin, Warschau, Düsseldorf und Luzern entstanden sind. Zum Beispiel jenes, das im Hintergrund die Fassade der Jesuitenkirche zeigt, in der Mitte die hölzerne Wand der Theaterbox. Weiter sind darauf scheinbar zufällige Passanten zu sehen, wie sie Miller auf seinen mittäglichen Streifzügen oft festzuhalten pflegt, vorne die uns bekannte Plastik «Schafhirt mit Schafen».

So weit so gut. Doch ein asiatischer Tourist hätte bestimmt einen anderen Bildausschnitt gewählt. Millers Blick jedoch lässt sich mit dem von Walter Benjamin geprägten Begriff «Optik des Unbewussten» am besten beschreiben: Miller zeigt Betonlandschaften; wenn Natur, dann meist umgeben von viel schlechter Architektur, in Plastik abgepackte Lebensmittel, Weggeworfenes, Zufälliges, Nebensächliches.

In diesen künstlichen Lebens- und Konsumwelten bewegen sich die Menschen, die Miller mit seiner Kamera festhält. Wie überlegt der Künstler bei der Auswahl seiner Sujets vorgeht, wie detailliert er die Bildausschnitte wählt, zeigt beispielsweise der von Miller exakt ausgewählte Bildausschnitt, der aus dem ursprünglichen Werbetext «Nie mehr schwitzen» – «mehr witzen» macht. Aus blöd wird gescheit, vielleicht auch das programmatisch.

Ein asiatischer Tourist hätte wohl nicht diesen Bildausschnitt gewählt … Wie John Miller den Luzerner Theaterplatz sieht.
Ein asiatischer Tourist hätte wohl nicht diesen Bildausschnitt gewählt … Wie John Miller den Luzerner Theaterplatz sieht. (Bild: zvg/John Miller)

Künstler, Kritiker und Musiker

Im Gegensatz zur technisch mühelos auszuführenden Fotografie sind die Siebdrucke, die im Eingangsbereich ausgestellt sind, das Ergebnis von exakter Zeichenarbeit und künstlerisch aufwendigen Verfahren. Denn Miller hat aus den ursprünglichen Fotografien, sie stammen aus der Serie «The middle oft the Day», zuerst Bleistiftzeichnungen angefertigt und diese anschliessend in Druckvorlagen überführt.

Aus diesen sind schliesslich im Siebdruckverfahren die drei grossformatigen, blassgelben, schattenhaft wirkenden Bilder entstanden. Dass Millers Arbeiten zu einem eng miteinander verwobenen Gesamtwerk geworden sind, zeigt sich noch einmal im Untergeschoss, wo das vermeintlich solitäre Motiv der Schaufensterpuppe in einer Powerpoint-Präsentation wieder erscheint. Mit eingeblendeten, kurzen Textpassagen stellt er hier die makellose Oberfläche und Identität nochmals infrage.

John Miller, der in New York und Berlin lebt, ist neben seiner künstlerischen Arbeit auch als Kunstkritiker, Musiker und Hochschullehrer tätig. Sein vielseitiges Werk besteht aus Plastiken, Malerei, Fotografie und Installationen. In der Schweiz gibt es eine grössere Anzahl seiner Werke in der Sammlung von Michael Ringier sowie im MAMCO in Genf.

Ausstellung «Comedy of Manners» von John Miller: bis 17. Februar 2019, Museum im Bellpark Kriens. Rundgang mit dem Künstler: Samstag, 24. November, 15 Uhr.

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