Das erste Mal als Rapper auf der Bühne: Christoph Fellmann im Südpol. (Bild: Franca Pedrazzetti)
Kultur Musik Rezension

Das erste Mal als Rapper auf der Bühne: Christoph Fellmann im Südpol. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Ja, er darf! – Doch gelang das Rap-Experiment?

5min Lesezeit

Christoph Fellmann – mittelalt, mittelständig und weiss – covert das wohl grösste Hip-Hop-Album des 21. Jahrhunderts. Am Donnerstag hatte «This Dick ain’t free» im Südpol Premiere. Das gewagte Experiment ist geglückt, auch wenn der Flow noch fehlte.

Lina Kunz

Mit dem typischen 3-Meter-Abstand stehen die Besucher vor der Bühne und warten auf die beiden Stars des heutigen Abends: Christoph Fellmann und Martin Baumgartner. Der ehemalige Musikjournalist Fellmann und der Musiker Baumgartner haben sich vorgenommen, eines der meistgelobten Hip-Hop-Alben zu covern: «To Pimp A Butterfly» des Afro-Amerikaners Kendrick Lamar (zentralplus berichtete).

Das kann ja eigentlich nur peinlich werden. Dazu kommt, dass Cover-Konzerte sowieso prinzipiell immer ein bisschen quälend sind.

Er meint es ernst!

Die Stimmung im Südpol ist dementsprechend angespannt. Und die merkliche Unruhe nimmt nicht ab, als die beiden (Fellmann kopierte nicht nur musikalisch, sondern auch modisch: Hoodie, weisse Turnschuhe, T-Shirt) die Bühne betreten. Es wird ein Song nach dem anderen performt und Fellmann rappt mehr schlecht als recht. Es fehlt ihm an Flow in der Stimme und an Lockerheit in der Haltung, den Takt behält er.

Sein Auftritt reicht gerade noch dafür aus, dass man es ihm abkauft, es ernst zu meinen. Die trocken eingeblendeten Song-Titel auf der Leinwand im Hintergrund und die überdimensionale Bühne verstärken die peinliche Berührung des Publikums. Im Setting treffen Mogul-Starallüren auf die Laienhaftigkeit eines Karaoke-Abends. Man hofft, dass man nicht das ganze Album lang durchhalten muss.

Martin Baumgartner (links) und Christoph Fellmann performen ein ganzes Album von Kendrick Lamar.
Martin Baumgartner (links) und Christoph Fellmann performen ein ganzes Album von Kendrick Lamar. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Eine Liebeserklärung an den Hip-Hop

Man muss nicht. Christoph Fellmann unterbricht und erzählt, wie er als ehemaliger Indie-Bub aus Horw durch seine Arbeit als Musikjournalist beim «Tages-Anzeiger» vor drei Jahren zum Hip-Hop fand. Es war für ihn das Erwachen aus einer Blase und die Entdeckung des für ihn wahrhaftigsten Musikgenres überhaupt.

Der Hip-Hop war von da an jene Kunst, die jene von Indie-Grössen wie Morrissey von The Smiths an Tiefe und Anspruch bei Weitem übertraf. Und er bedauerte seine lange daran verschwendete Liebe zutiefst. Man schmunzelt über Fellmanns selbstironisches Liebesgeständnis. Beim nächsten Track sind dann die ersten Lacher aus dem Publikum zu hören. Die Stimmung verändert sich, es wird locker-lustig.

Darf er nun?

Wer «To Pimp a Butterfly» kennt, weiss jedoch, dass die Themen, die den damals 28-Jährigen beim Erarbeiten seines dritten Studioalbums umtrieben, alles andere als amüsant sind. Kendrick Lamar, selbst in einem Ghetto aufgewachsen, attackierte mit seinen Protestsongs die Zustände der amerikanischen Gesellschaft: Rassendiskriminierung, weisse Vormachtstellung und Polizeigewalt. Das wissen Fellmann und Baumgartner natürlich.

Hinter Ironie steht auch immer Ernst. Hätten die beiden den Kontext aussen vorgelassen, wäre der Abend flach geblieben. Zwar begeben sich die beiden thematisch nicht zu tief in Lamars Metier, denn davon sind sie zu weit entfernt. Aber der Abend entwickelt sich immer mehr zu einer Collage aus Gedankenanstössen.

Vom Theatermann zum Hip-Hopper: Christoph Fellmann.
Vom Theatermann zum Hip-Hopper: Christoph Fellmann. (Bild: Franca Pedrazzetti)

Die Musik als Untermalung bleibt bis zum Schluss erhalten und dabei scheint Fellmann zusammen mit dem Publikum entspannter geworden zu sein und dementsprechend ist es auch seine Rap-Performance. Hervorzuheben sind an dieser Stelle auch die Arrangements von Martin Baumgartner. Sie beleben die Werke von Lamar auf eine eigene Art und Weise. Mal lassen sie die Originale erkennen, um sich dann aber wieder von ihnen zu entfernen und sie fast unkenntlich zu machen.

Die Frage, die fast bis zum Schluss offenbleibt, ist: Darf Christoph Fellmann ein Album covern, das von einem Künstler stammt, der kulturell gesehen weit entfernt von ihm ist? Baumgartner findet, er darf. Schliesslich sind Wörter kontextabhängig.

Die Frage ist, so findet er, ob es ihm gelingt. Als Rap-Performance wohl eher nicht. Aber als Ausgang zur Auseinandersetzung mit Identität, Rassismus und der vielleicht besten Musikrichtung schon. Zum Schluss gibt es keine Zugabe. Der Fall ist klar: Ein Konzert hat man nicht gesehen.

Weitere Aufführungen: Fr, 23. und Sa, 24. November, 20 Uhr, Südpol Luzern, Grosse Halle.

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