Macht das Ungehörte hörbar: Musiker und Komponist Urban Mäder. (Bild: jwy)
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Macht das Ungehörte hörbar: Musiker und Komponist Urban Mäder. (Bild: jwy)

Urban Mäder will «zum Hinhören verführen»

11min Lesezeit

Urban Mäder fordert unsere Hörgewohnheiten heraus – seit Jahrzehnten und mit verschiedensten Projekten. Dafür stöpselt er Staubsauger ans Akkordeon, bringt 120 Sänger zusammen und macht einen ganzen Steinbruch zum Instrument. Nun wird er von der Stadt Luzern mit dem Kulturpreis geehrt.

Urban Mäder – kantiges Gesicht, stechender Blick – hat oft ein Lächeln im Mundwinkel. Er rührt gelassen im Tee und spricht über seine anstehenden Projekte.

In der Luzerner Kultur taucht sein Name an verschiedenen Ecken immer wieder auf. Er komponiert, experimentiert und vermittelt. Er tritt mit Konzerten, Installationen, Aktionen oder Performances in Erscheinung.

Nun steht für den 63-Jährigen ein grosser Tag an: Am Sonntag erhält Urban Mäder den diesjährigen Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern (siehe Box). Für seine Verdienste in der neuen und experimentellen Musik, einer Sparte, die immer um Anerkennung kämpft.

Abgesehen von seinem 70-Prozent-Job an der Hochschule Luzern gibt es keine «typischen» Tage in Urban Mäders Musikerleben. «Es ist nicht wie bei Schubert, der um sechs Uhr aufgestanden ist, von acht bis zwölf komponiert hat und dann in die Beiz ging», sagt Mäder und lacht. Je nachdem, was für ein Projekt ansteht, welche Aktionen oder Ideen umherschwirren, sehen seine Tage anders aus.

120 Sänger in der Kiesgrube

Aktuell stehen im Frühling und Sommer 2019 drei grosse Projekte an. «Ich muss schauen, dass alles aneinander vorbeigeht», sagt er. Es bleibt zwar noch Zeit, aber er sei eher der Typ, der sich richtig reinstürzt, wenn die Deadline näherrückt.

Alle drei Projekte spielen mit der Umgebung und sind typisch für Mäders Schaffen. Sie beinhalten das Ortsbezogene, Räumliche, Experimentelle und Illustre. «Man weiss ja inzwischen, was von mir kommt», sagt er. «Da habe ich auch immer wieder sehr Lust darauf.»

«Wenn du fähig bist, zuzuhören wie in einem Wald, dann verstehst du meine Musik.»

Im Mai steht «Des Froschkönigs Blick ins Steinreich» an, das von der Albert Koechlin Stiftung unterstützt wird. Unter seiner künstlerischen Leitung werden 120 Sänger von vier unterschiedlichen Männerchören in der Kiesgrube von Ettiswil zusammenkommen.

Da wird nicht einfach in ungewöhnlichem Ambiente gesungen, sondern die Inszenierung greift die Produktionsprozesse von Sand und Kies auf, arbeitet mit Geräuschen, Fliessbändern und Maschinen – alles zusammen wird zum Instrument für seine Ideen. «Ich habe auch gefragt, ob ich die drei Lastwagen in der Kiesgrube brauchen könne, sowas habe ich zu Hause ja nicht.» Urban Mäder sagt’s mit der Begeisterung eines Kindes im Sandkasten.

Chöre, die sonst klassische Volkslieder singen, lassen sich auf etwas Neues ein und sind sich nicht zu schade, mit einem Overall und einem orangen Helm Säcke voller Kies herumzuschleppen. Auch ein Lichtkünstler wird dabei sein und ein befreundeter Sounddesigner aus Glasgow, was wiederum Mäders internationale Vernetzung aufzeigt.

Die drei Preisträger:

 

Weiter wird er 2019 am Alpentöne-Festival im alten Getreidesilo auftreten, das neu zum Kunstsilo wird. Der im Kanton Zug lebende Mäzen Christoph Hürlimann hat dieses gekauft und nutzt es um zum kulturellen Treffpunkt. Dort wird Urban Mäder zusammen mit Studentinnen und Musikern eine dreitägige Klanginstallation entwickeln.

Zudem wird er nächstes Jahr am Projekt «Innland» beteiligt sein, einem acht Kilometer langen Weg dem Inn im Unterengadin entlang. Das Festival arbeitet mit verschiedenen Klangkünstlern zusammen. «Die Leute werden eine Wanderung machen in dieser wunderschönen Gegend», sagt Mäder. Seine Installation wird sie dabei begleiten, in welcher Form genau, ist noch offen.

Ein Koffer voller Soundgeräte

Urban Mäder tritt, wenn er nicht gerade in der Kiesgrube arbeitet, oft auch selber als Musiker auf. Dazu hat er einen Koffer voll Klangrequisiten dabei, lauter selber gebaute oder gesammelte Stücke. «Wenn ich mit einer Gruppe spiele, habe ich einen Tisch voll Ware und meine Stimme, das ergibt dann ein Sammelsurium von Sounds», sagt er.

Seine Website ist ein Archiv bisheriger Stücke, Projekte und Arbeiten. Stücke tragen Titel wie «Die Abwesenheit des Igels beim Einbrechen der Nacht» – das hat etwas Dadaistisches, Verspieltes, Eigenes.

Mäder verblüfft und irritiert Zuhörer gern, gehört das dazu? «Es ist ein Bedürfnis, die Leute mit klanglichen Ideen zum Hinhören zu verführen», sagt er vieldeutig.

Bei der jüngsten Performance sieht man minutenlang Menschen am Rotsee auf Stühlen sitzen.

 

Mit Genuss erzählt Urban Mäder von seinen Experimenten, wie sie es etwa geschafft hatten, dass Staubsauger aus Akkordeons Töne erzeugten – und wie sie zuerst damit scheiterten.

Bei der Klanginstallation «Balgerei» betätigen acht Staubsauger Akkordeons und bilden so ein Orchester der anderen Art. Eine sehr witzige, surreale Komponente mit einem zweideutigen Titel.

 

Die neue und experimentelle Musik hat es als Sparte schwer, wahrgenommen zu werden. Braucht es also umso ausgefallenere Ideen? Projekte wie die Kiesgrube oder das Staubsaugerorchester erregen Aufsehen. Doch mit der ausgefallenen Idee ist es nicht getan. «Das ist, wie wenn ein Schriftsteller unbedingt die ausgefallene Story will, aber der Text schlecht geschrieben ist. Das wäre auch nicht im Dienst der Literatur», so Mäder.

Man müsse immer wieder darum kämpfen, dass sich Hörer auf Neues einlassen, das Gewohnte ist bequemer. «Die neue Musik spricht kein breites Publikum an, es gibt Widerstand, das ist immer ein Riesenthema», sagt Mäder, der sich dieser Herausforderung beharrlich und mit Lust stellt.

Also versucht Urban Mäder mit speziellen Konzepten und ungewöhnlichen Orten die Leute herauszulocken – auch mit dem Forum Neue Musik, der Konzertreihe, die er vor 30 Jahren mitbegründet hat und heute präsidiert. «Mit der Verbindung von optischen und akustischen, von szenischen und ortsbezogenen Geschichten erhalten die Leute einen Einstieg in die Musik», so Mäder.

Zuhören wie im Wald

Mäder appelliert an die Offenheit der Leute – denn seine Musik widerstrebt nicht selten gängigen Hörerwartungen. «Viele Leute wollen sich das nach einem strengen Arbeitstag nicht antun, sie wollen wissen, was sie erwartet», so Mäder.

Er argumentiert dann so: «Wenn du fähig bist, zu kommen und zuzuhören, wie wenn du in einen Wald gehst. Wenn du einfach schaust, hörst und geniesst, dann würdest du meine Musik verstehen.»

«Ich mache nichts, was die Leute nicht schon einmal gehört haben, sie taxieren es einfach nicht als Musik.»

Da kommt der pädagogische Zug in Urban Mäder zum Vorschein – es geht ihm um eine Hörhaltung. «Wenn man nicht hinhören kann, funktioniert alles schlecht. Das gilt auch für andere Branchen und Berufe, in denen man Kontakt mit Leuten hat.» Und das vermittelt Mäder auch seinen Studierenden.

Verstehst du Michael Jackson?

Auch Mäder spielt mit der Gewohnheit und dem Wiedererkennen. «Ich mache nichts, was die Leute nicht schon einmal gehört haben, sie taxieren es einfach nicht als Musik, sondern als Alltägliches.»

Und wenn Leute sagen, dass sie seine Musik nicht verstünden, hat er eine ketzerische Frage parat: «Sag mir mal, wieso du Mozart verstehst? Oder Michael Jackson?»

Langweilt ihn denn die sogenannte «normale» Musik, die unseren Hörgewohnheiten entspricht? Urban Mäder vehement: «Überhaupt nicht! Ich liebe Bach, Schumann oder Schubert. Ich spiele auch ab und zu Akkordeon, meine Frau Geige und wir spielen Tango, dann flippe ich aus.»

Aber er sei halt schon als junger Pianist in diese «zeitgemässe, neue Sprache der klassischen Schiene hineingerutscht», sagt er. Auch, weil er im Free Jazz aufgewachsen sei, der nah mit der neuen Musik verwandt ist.

Lehrer ist schräger als Studenten

Die Offenheit, das Experiment, das Neue – Urban Mäder hat sich das bewahrt. Bei den heutigen Studenten sei zwar das instrumental-technische Niveau extrem gewachsen, aber nicht unbedingt die Offenheit: «Als ich Student war, musste ich schauen, dass die Lehrer nicht in Ohnmacht fielen wegen meiner speziellen Ideen. Und heute muss ich schauen, dass die Studenten nicht in Ohnmacht fallen, wenn ich schräge Ideen bringe.»

Das Unterrichten wird im wahrscheinlich fehlen, wenn er in zwei Jahren pensioniert wird. «Ich mache die Arbeit mit Studierenden wahnsinnig gern, daraus generiere ich Energie und Ideen. Sie sind immer gleich jung, das ist doch schön.» Darum freut ihn auch der Preis, mit dem ja nicht nur seine Musikprojekte ausgezeichnet werden, sondern explizit auch seine Tätigkeit als «hervorragender Vermittler und gefragter Pädagoge», so die Jury. «Das fliesst für mich alles ineinander», sagt Urban Mäder. «Ich sehe das Schaffen mit Leuten als künstlerische Arbeit.»

Stadt Luzern vergibt drei Preise

Urban Mäder, 1955 in Romanshorn geboren, lebt mit seiner Familie in Luzern. Er erhält den diesjährigen Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern, dieser ist mit 25’000 Franken dotiert. Für sein jahrzehntelanges Engagement für die neue und experimentelle Musik, weil er «das Ungehörte hörbar macht», aber auch für seine Verdienste als Vermittler und Pädagoge.

Der Preis wird mit einer Feier am Sonntag, 18. November, im Luzerner Theater überreicht. Neben einer Laudatio von Autor Beat Mazenauer wird an der Feier Urban Mäder mit dem Ensemble Maulauf die Performance «Akkorde.online» zum Besten geben.

Daneben gibt’s zwei Anerkennungspreise: Die Künstlerin und Kulturvermittlerin Catherine Huth und der Musiker, Veranstalter und Plakatmacher/Illustrator Martin Gössi erhalten je einen Anerkennungspreis (10’000 Franken).

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