Diesen Freitag fand die Premiere von Romeo und Julia statt. (Bild: Ingo Höhn)
Kultur Rezension

Diesen Freitag fand die Premiere von Romeo und Julia statt. (Bild: Ingo Höhn)

Romeo und Julia: Noch immer tragisch, noch immer schön

6min Lesezeit

Am Freitagabend feierte «Roméo et Juliette» am Luzerner Theater Premiere. Der Stoff, obwohl schon tausendfach verarbeitet, hat nichts an Wirkkraft eingebüsst. Regula Mühlemann als Juliette und Diego Silva als Roméo trieben in der Oper von Charles Gounod stimmgewaltig einen Dolch mitten ins Herz des Publikums.

Lina Friedrich

Die Geschichte von Romeo und Julia ist eine der zeitlosesten Erzählungen der Menschheit. Schon vor Shakespeare war der Topos der verbotenen, fatalen Liebe Gegenstand zahlloser literarischer Werke, doch erst er machte daraus eine Legende. Ohnegleichen an Dichte, Tragik und Schönheit erzählt von den zwei jungen Liebenden, deren Familien bis aufs Blut verfeindet sind.

Die Reihe derer, die Romeo und Julia adaptierten, ist lang, und auch Charles Gounod gehört dazu. Um 1870 schrieben seine Librettisten Jules Barbier und Michel Carré das elisabethanische Drama der zeitgenössischen französischen Oper ein. Diese kontemporäre Färbung tritt durch zwei Besonderheiten hervor: Erstens durch den Fokus auf die ausgiebigen Duette zwischen Roméo und Juliette, zweitens durch die Betonung des Stellenwerts der Religion, die im Original nicht in diesem Masse hervortritt. 

Ein einziges langes Liebesduett

Für Regisseur Vincent Huguet bedeutete dies eine Herausforderung. Denn «Roméo et Juliette ist eigentlich ein einziges langes Liebesduett», so Huguet im Interview mit dem Luzerner Theater. Die Duette seien für ihn deshalb ein Risiko gewesen, weil die Gefahr bestehe, dass der Abend ihretwegen etwas gleichförmig werde. Die Aufgabe hat er mit Bravour gemeistert, von Monotonie keine Spur. Die sängerischen Zwiegespräche zwischen den beiden Protagonisten treten nämlich immer wieder anders in Erscheinung, sind choreographisch und bühnentechnisch neu inszeniert.

Julia (Regula Mühlemann) steht im Zentrum.
Julia (Regula Mühlemann) steht im Zentrum. (Bild: Ingo Höhn)

Was die Choreographie betrifft, so ist an dieser Stelle ein Kniefall vor Regula Mühlemann, Diego Silva und auch den anderen Solisten angebracht, die sitzend, liegend, zusammengekauert, rennend, kämpfend und tanzend Arien sangen. Die bedingungslose Bewunderung der Zuschauer war ihnen sicher. 

Wenn die Toten den Lebenden die Luft zum Atmen rauben

Die Bühne von Aurélie Maestre verändert sich, im Gleichschritt mit der Handlung, mit jedem Akt. Sie ist um einen mittigen Fluchtpunkt herum arrangiert, man fühlt sich eingeengt, der Mangel an Freiraum ist belastend. Schwerer, hoch aufragender Stein prägt das Bild, und überall wachen die Ahnen über die Lebenden.

In dieser Weise hat Maestre die Botschaft der Oper gekonnt ins Bühnenbild übertragen, denn genau das ist es, was Gounods Interpretation von Romeo und Julia ausmacht: Es gibt kein Entfliehen vor der Tradition und vor den Toten, die für eine bis in die Gegenwart andauernde Fehde zwischen zwei Familien verantwortlich zeichnen. Dadurch, dass die Bühne stets an eine Gruft erinnert und im letzten Akt auch zu einer wird, hängt nicht nur im Schauspiel, sondern auch in der Bildsprache immer das Damoklesschwert des Todes über dem Geschehen.

Eine meisterliche Stimmpaarung

Ebendieser Tod ist in «Roméo et Juliette» omnipräsent. Jeder Akt beginnt mit einer Szene, die entweder wie eine Aufbahrung aussieht oder wirklich eine ist. Auch hier wird das tragische Ende des Werkes stets voll böser Vorahnung vorweggenommen. Die ständige Anwesenheit des Todes und die Steigerung bis hin zum fatalen Finale gibt Gounods Oper einen Spannungsbogen, den man von einer derart wohlbekannten Geschichte nicht erwartet; die Darsteller selbst scheinen die Luft anzuhalten bis zum letzten langen Schrei. Natürlich halten die Sänger dabei mitnichten tatsächlich die Luft an. Der Chor des Luzerner Theaters trägt gemeinsam mit dem Luzerner Sinfonieorchester die Solistenstimmen durch das Stück, und diese gehen tief unter die Haut.

Romeo und Julia gehört zu den zeitlosen Klassikern.
Romeo und Julia gehört zu den zeitlosen Klassikern. (Bild: Ingo Höhn)

Mühlemann als fragile, aber doch selbstbewusste Juliette verkörpert emotional den Zwiespalt einer sechzehnjährigen Seele, die kompromisslos und leidenschaftlich liebt, ihre Stimme, mal glockenhell und sanft, mal verzweifelt und wutentbrannt, ist immer klar, tragend und stark. Silvas Timbre passt wie angegossen dazu. Sein Vibrato allein hat Gänsehautcharakter, im Duett mit Juliette rühren die beiden buchstäblich zu Tränen. Insbesondere im letzten Akt, dem herzzerreissenden Schlussakkord, als Romeo und Julia ein letztes Mal den Anbruch des Tages besingen, ist es, als weinten die Sänger selbst. 

Oper schlug alle in ihren Bann

Die Oper endete mit einer Explosion der Gefühle und liess zahllose Zuschauer aus den Sitzen springen. Der Beifall wollte nicht abreissen, er hätte bis am nächsten Tag anhalten können. «Roméo et Juliette» dauerte drei Stunden. Das ist lang. Aber in keinem Moment erschien es den Zuschauern in Luzern lang, denn die Passion der Sänger auf der Bühne, die Virtuosität des Orchesters, Gounods meisterliche Kompositionen und die Strahlkraft einer Geschichte für die Ewigkeit schlugen den Saal in ihren Bann.

Wohl einziger Schönheitsfehler an dieser Produktion waren die seltsamen Kostüme, insbesondere der Montaigus. Das war angesichts der stimmlichen Fulminanz derselben aber dann auch herzlich egal. Als wir wieder an die frische Luft traten, sagte eine Dame in unserer Nähe zu ihrer Begleitung: «Manchmal läufst du doch aus einem Theater raus, und du fühlst dich irgendwie ... taumelig.» Wir hätten es nicht besser zusammenfassen können.

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