Reinhard Manz verlässt nach der Budgetdebatte das Luzerner Regierungsgebäude. (Bild: jal)
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Reinhard Manz verlässt nach der Budgetdebatte das Luzerner Regierungsgebäude. (Bild: jal)

Der Tiefsteuer-Film, den man in Luzern nicht will

12min Lesezeit

Tiefsteuerstrategie – Fluch oder Segen? Ein Dokumentarfilm geht dieser Frage nach. Doch der Basler Regisseur Reinhard Manz stösst mit seinem Projekt in Luzern auf viel Widerstand. Die Regierung verweigert aus politischen Gründen ihre finanzielle Unterstützung, und auch die Kantonalbank wird von der Politik kritisiert.

Die Tiefsteuerstrategie des Kantons Luzern scheidet die Geister. Ein Segen, der sich bald ausbezahlen wird, sagen die Bürgerlichen, allen voran der parteilose Finanzdirektor Marcel Schwerzmann. Ein fataler Irrtum, der Sparpakete zur Folge hat, sagen die Linken.

Eine Annäherung ans Thema wagt der Filmemacher Reinhard Manz. Er wurde im Frühling ausgewählt, um sich als unabhängiger Aussenstehender der Tiefsteuerpolitik zu widmen (zentralplus berichtete). Der Basler, 1951 in Biel geboren, führt Regie im Dokumentarfilm, den ein «Kollektiv besorgter Bürgerinnen und Bürger» initiiert hat.

Die vorwiegend aus Kulturschaffenden, aber auch aus Politikern bestehende Gruppe sammelte Anfang Jahr via Crowdfunding über 130’000 Franken. «Der Film soll einen Beitrag dazu leisten, Transparenz zu schaffen und Licht in ein Wirrwarr von Informationen und Zahlen zu bringen», sagte Mitinitiant Marco Liembd, Leiter der Schüür, damals (zentralplus berichtete).

Inzwischen hat Reinhard Manz 19 Drehtage absolviert, diese Woche filmte er auch die fast sechsstündige Debatte zum Budget 2019 im Luzerner Kantonsrat (zentralplus berichtete).

zentralplus: Der FDP-Kantonsrat und Direktor des kantonalen Gewerbeverbandes, Gaudenz Zemp, schrieb kürzlich in einem Leserbrief, man solle sich an «Luzern – die Realität» halten statt an «Luzern – der Film». Das dürfte die Haltung vieler Bürgerlicher widerspiegeln, die Ihrem Projekt gegenüber kritisch eingestellt sind.

Manz: Persönlich habe ich das nie direkt zu hören bekommen, sondern nur über Umwege. Doch gerade diese Woche erfuhr ich im Kantonsrat, dass manche kritisierten, dass die Luzerner Kantonalbank ihre Crowdfunding-Plattform für ein solches Projekt zur Verfügung stellte.Und auch der Regierungsrat hat unser Gesuch für einen finanziellen Beitrag aus politischen Gründen abgelehnt. Offiziell, weil er meine Unabhängigkeit damit nicht gefährden wollte. Doch das ist absurd. Gerade die staatliche Förderung ermöglicht es Filmschaffenden, unabhängig zu arbeiten (siehe Box am Textende, Anm. d. Red.).

zentralplus: Sie haben am Montag die Budgetdebatte im Kantonsrat gefilmt. Das ist wohl nicht gerade der ideale Stoff für ein spannendes Drehbuch?

Reinhard Manz: Klar, es war etwas anstrengend. Vieles ist in politischen Debatten ja verschlüsselt, sodass Aussenstehende gar nicht alles verstehen. Aber ich habe mich natürlich in die Materie eingearbeitet und gehofft, dass die Budgetdebatte zeigen würde, wo es in Zukunft hingeht. Ob und wie das im Film letztlich einfliesst, weiss ich aber noch nicht.

«Die Steuerpolitik betrifft die Kernfragen der Gesellschaft.»

zentralplus: Was interessiert Sie an der Steuerpolitik?

Manz: Ich habe mich vorher nicht mit Steuerfragen beschäftigt. Und es ist ein schwieriges Thema für einen Filmemacher, weil es relativ trocken ist. Doch die Steuerpolitik betrifft die Kernfragen der Gesellschaft. Wie will man sich als Gesellschaft organisieren? Das ist etwas, das ganz von Menschen bestimmt wird.

zentralplus: Sie sagen es: Die Tiefsteuerpolitik ist ein extrem komplexes Thema. Ist es möglich, das adäquat zu behandeln – und trotzdem spannend zu gestalten?

Manz: Das ist eine Schwierigkeit. Im Vorfeld der vielen Gespräche, die ich geführt hatte, konnte ich nicht sagen, welchen Bogen ich am Ende über die Geschichte spanne. Der Ausgangspunkt war ja die Unzufriedenheit mit den Sparmassnahmen. Ich versuche, davon etwas zu abstrahieren, sodass nicht einzelne Sparübungen im Vordergrund stehen. Es geht ja nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern die Zusammenhänge aufzuarbeiten. Sofern es gelingt, natürlich. Es besteht immer noch das Risiko, dass wir das nicht schaffen (lacht).

zentralplus: Kann man sich den Film vorstellen wie einen ganz langen Tagesschaubeitrag, mit Grafiken und einem aufklärerischen Ansatz?

Manz: Es braucht Grafiken, die Mechanismen oder Entwicklungen über die Zeit veranschaulichen. Doch die Hauptsache sind die vielen Gespräche, die ich zum Thema geführt habe. Etwa mit Finanzdirektor Marcel Schwerzmann oder den Vorstehern der zwei Departemente, die von den Sparmassnahmen am stärksten betroffen waren, Reto Wyss und Guido Graf.

Doch man muss auch sehen: Die Steuerpolitik stellt Fragen, die nicht nur einen einzelnen Kanton oder ein einzelnes Land betreffen. Die Grundidee der Tiefsteuerpolitik besteht darin, eine Topplatzierung im Wettbewerb um die Unternehmensgewinnsteuern zu erzielen und neue Firmen anzusiedeln. Doch mit wem konkurrenziert man? Mit Hongkong und Singapur? Oder mit Obwalden und Zug? Mir ist bis jetzt nicht ganz klar geworden, was wirklich die Absicht des Kantons Luzern ist.

zentralplus: Sie blicken also weit über den Tellerrand von Luzern?

Manz: Ja, ich habe für den Film zum Beispiel auch mit Bundespolitikerin gesprochen. Denn aktuell wird ja die neue Unternehmenssteuerreform im Parlament in Bern diskutiert, die es unter dem Druck der OECD erschweren soll, dass internationale Holdings ihr Geld in die Steueroase Schweiz verschieben.

«Die Abmachung ist, dass ich unabhängig arbeiten kann.»

zentralplus: Kommen auch «Normalbürger» im Film vor?

Manz: Im Sinne von zufällig ausgewählten Luzernern kaum. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich viele medial nicht exponieren wollen. Sogar eine von den Sparmassnahmen betroffene Person, die bei der Sammelklage wegen den Prämienverbilligungen mitgemacht hat und mit der ich mehrmals telefonierte, sagte am Ende, sie wolle nicht vor der Kamera sprechen.

Reinhard Manz im Luzerner Regierungsgebäude.
Reinhard Manz im Luzerner Regierungsgebäude. (Bild: jal)

zentralplus: Spüren Sie eine Erwartungshaltung in Luzern? Zum Beispiel von den Menschen, die den Film mitfinanziert haben?

Manz: Ich stehe zwar im Austausch mit einem Vertreter des Vereins, der das Crowdfunding betreut hat. Doch die Abmachung ist, dass ich unabhängig arbeiten kann. Ich habe also keine Vorgaben und arbeite hauptsächlich in Basel.

«Natürlich wird es kein Werbefilm für die Tiefsteuerstrategie.»

zentralplus: Wird es denn ein linker Film, wie manche Kritiker behaupten?

Manz: Natürlich wird es kein Werbefilm für die Tiefsteuerstrategie. Es soll ja ein kritischer Film werden. Wenn man sich auf den Steuerwettbewerb einlässt, hat das immer viel mit Egoismus zu tun. Man kämpft dafür, sich gegenüber anderen Ländern und Kantonen einen Vorteil zu verschaffen. Wenn ein Kanton wie Luzern plötzlich Firmen anlockt, die hier viel Geld versteuern sollen, ist es wie ein Sportler, der Doping nimmt. Und damit ein künstliches Leistungslevel erreicht, das nicht mehr dem Körper entspricht.

Auch Regierungsrat Guido Graf wurde für den Film interviewt, wie er via Twitter bekannt machte:

 

zentralplus: Dann ist es gar nicht Ihr Anspruch, objektiv zu sein?

Manz: Von einem Dokumentarfilm erwartet man, dass er eine Haltung einnimmt. Es geht aber nicht darum, ein Schwarz-weiss-Bild zu malen. Ich habe auch Firmen besucht, die der Kanton hier ansiedeln konnte, sogenannte Erfolgsgeschichten der Tiefsteuerstrategie. Gleichzeitig gibt es auch FDP-Politiker, die kritische Punkte einbringen. Zum Beispiel der Gemeindepräsident von Emmen, der sagt, er sei ganz froh, dass es in seiner Gemeinde nicht so viele Superreiche gebe. Denn ansonsten macht man sich abhängig. Das ist wieder der Dopingeffekt: Wenn man es nicht mehr hat, fällt man gleich in ein Loch.

zentralplus: Der Film wird kurz vor den Wahlen im März 2019 gezeigt. Angesichts Ihrer kritischen Haltung zum Thema stellt sich die Frage: Lassen Sie sich für den Wahlkampf der Linken einspannen?

Manz: Nein, das ist kein Propagandafilm. Propaganda ist immer einfach, denn sie behauptet: So ist es und das Gegenteil ist falsch. Dafür ist das Thema zu komplex. Hier kommen verschiedene Seiten zu Wort und der Film geht über Luzern hinaus. Es geht letztlich darum, interessierten Leuten die Möglichkeit zu bieten, die grösseren Zusammenhänge zu verstehen.

Premiere im Januar

Der rund 70-minütige Film von Reinhard Manz über die Luzerner Tiefsteuerpolitik feiert am 22. Januar 2019 im Bourbaki in Luzern Premiere. Die Vorstellung soll mit einer Diskussionsrunde kombiniert werden. Wer daran teilnimmt, ist noch offen. Genauso wie der definitive Titel des Films.

Weitere Vorstellungen:

  • 30. Januar: Ausstellungsraum akku Emmenbrücke
  • 31. Januar: Im Schtei Sempach
  • 3. Februar: Kino Bourbaki Luzern
  • 5. Februar: Gleis 5 Malters
  • 7. Februar: Bürgersaal Willisau
  • 8. Februar: Gemeindesaal Luthern
  • 9. Februar: Kulturwerk 118 Sursee
  • 13. Februar: Entlebucherhaus Schüpfheim
  • 14. Februar: Braui Hochdorf
  • 15. Februar: Zwischenbühne Horw
  • 16. Februar: Stiftstheater Beromünster

zentralplus: Wäre ich bei der SVP, wie würden Sie mich überzeugen, den Film schauen zu gehen?

Manz: Ich habe mir Mühe gegeben, von Nottwil bis im Entlebuch zu drehen, sodass nicht alles nur in der Stadt stattfindet (lacht). Eine der Aussagen, die vielleicht auch Vertreter der SVP unterschreiben würden, ist: Das Schlaraffenland Schweiz ist keine Selbstverständlichkeit. Man muss in Zukunft damit rechnen, dass wir nicht nur immer auf Kosten anderer Länder leben können. Es braucht ein neues Geschäftsmodell. Auf der einen Seite spürt man den Druck der Flüchtlinge, die Migration ist ein Zeichen von ökonomischer Ungleichheit auf der Welt und hat insofern sehr viel mit dem Geldverschieben von Firmen zu tun. Auf der anderen Seite der Druck der OECD, der anderen Länder, unsere Besteuerung gerechter zu gestalten. Es ist mir wichtig, diese Aspekte aufzuzeigen und nicht einfach einzelne Sparmassnahmen zu kritisieren.

zentralplus: Doch wer den Wettbewerb als Prämisse, auch des politischen Handelns, voraussetzt, wird wohl kaum mit Ihnen einig sein.

Manz: Nicht unbedingt, denn es gibt sicher auch einen gesunden Wettbewerb. Nur geht es beim internationalen Steuerwettbewerb knallhart ums Überleben, währenddessen gleichzeitig Menschen privilegiert werden. Da sehe ich es als meine Aufgabe, zu fragen, ob das sinnvoll ist.

Regierungsrat spricht kein Geld – und erntet Kritik

Der Luzerner Regierungsrat lehnt es ab, das Projekt «Luzern – der Film» zu unterstützen. Er hat ein Gesuch für 30’000 Franken abgelehnt – obwohl die Innerschweizer Filmfachgruppe eine Annahme empfahl. Auch eine Wiedererwägung hat die Regierung negativ beantwortet. «Der Entscheid hat auch eine politische Dimension», sagt Kulturdirektor Reto Wyss gegenüber der «Luzerner Zeitung». «Die Unabhängigkeit des Filmes wäre durch eine finanzielle Unterstützung seitens des Kantons nicht gegeben.»

Die Begründung der Regierung sei nicht nachvollziehbar, schreibt der Verein «Luzern – der Film» in einer Mitteilung. «Aus unserer Arbeit und Erfahrung als Kulturschaffende wissen wir, dass die staatliche Förderung der meisten Projekte gerade deren Unabhängigkeit ermöglicht.» Die öffentliche Kulturförderung mache – im Unterschied zu vielen Stiftungen oder Koproduktionsfirmen – keine inhaltlichen Vorgaben. Zudem sei Regisseur Reinhard Manz unabhängig. «Mit seinem Blick von aussen bestimmt er die inhaltliche Ausrichtung des Dokumentarfilms.»

Durch ihren ablehnenden Entscheid stelle sich die Regierung in einen Widerspruch zum grossen und ausgewiesenen Diskussions-, Informations- und Klärungsbedürfnis in der Bevölkerung, so der Verein weiter. Dieses habe sich nicht nur im Crowdfunding gezeigt, das von knapp 700 Personen unterstützt wurde, sondern auch in den öffentlichen Debatten. Das Projekt sei durch den Entscheid aber nicht gefährdet.

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