Gülsha Adilji und ihr Laptop beim Auftritt am «Woerdz». (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)
Kultur Literatur Rezension

Gülsha Adilji und ihr Laptop beim Auftritt am «Woerdz». (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Zu doof zu Beginn – zu geil am Ende

7min Lesezeit

Der Donnerstagabend des Spoken-Word-Festivals «Woerdz» im Südpol versprach viel. Und er hielt Wort. Das Publikum wurde gefordert und hatte ganz schön zu hirnen – abgesehen von einem leicht deplatzierten Geburtstagskind.

Es ist der zweite Abend des «Woerdz». Die Werkschau steht an mit einem vielversprechenden Line-up, könnte man sagen. Ein Literat, wie er im Buche steht, Beat Mazenauer, führt durch den Abend und die einzelnen Wortkünstler ein. Er tut dies charmant, informativ und unaufdringlich, vor einer leider nicht annähernd ausverkauften grossen Halle.

Der Stimmung im Südpol an dieser Donnerstagswerkschau des «Woerdz»-Festivals tut dies jedoch keinen Abbruch. Auch wenn es im ersten Drittel mit der Künstlerzusammenstellung etwas hapert.

Der zivilisatorische Lärm

Der Schriftsteller Severin Perrig macht den Anfang der insgesamt sechs unterschiedlichen Auftritte. Es ist ein recht harter Einstieg. Denn innerhalb von wenigen Sätzen springt Perrig von Katherine Mansfield zu Molly Bloom zu Odysseus und zurück. Er zitiert und rezitiert Literatur, dass einem schwindelt und man, selbst als relativ belesener Mensch, bald recht blöd aus der Wäsche schaut.

Nach einer Weile wird klar: Es geht um die Laute in der Literatur. Perrig gruchst und stöhnt und jault – und spricht vom zivilisatorischen Lärm. Es wären wohl einige spannende Gedanken und Verbindungen dabei, doch zwischen Metempsychose und Mansfield’s Literaturmeer bin ich leider verloren gegangen. Es bleibt das Gefühl, man sei etwas zu blöd für den bevorstehenden Abend.

Noch drei Tage «Woerdz»

Das Spoken-Word-Festival «Woerdz» dauert noch bis kommenden Sonntag, 21. Oktober. Auf der Bühne stehen unter anderem der Stargast Saul Williams, Jurczok 1001 (Freitag) oder Pedro Lenz und Michael Stauffer (Samstag) im Südpol. Am Sonntag steht ein Kinderprogramm von Matto Kämpf und Sandra Künzi im Neubad an.

Zip

Jens Nielsen präsentiert anschliessend eine Dystopie, in welcher die Sprache in den Wald geht, auf den Kompost kommt. Die Sprache wird grob getreten. Menschen werden allergisch auf sie, reagieren über, wollen die Sprache erneuern und säubern. «Zip», unterbricht Nielsen sich selbst ständig als Maschine, welche seine Ausführungen konkreter, klarer und normaler formuliert wünscht.

Doch würde er das tun, wäre er nicht Jens Nielsen. Er öffnet immer wieder unerwartete Bilder – die Fehler verstecken sich im Estrich. Im Oberstübchen. Menschen vergessen, dass Wörter einmal etwas hiessen, sie vergessen, wie man schreibt, wie man sich kleidet, eine Menschin gebiert einen Affen – alles entwickelt sich wieder zurück zum Einzeller.

Es sind schräge, oft morbide, aber einfach nachvollziehbare Bilder, die Nielsen mit seiner Sprache zeichnet. Wir sind definitiv in den Abend eingestiegen.

Autor, Sprecher und Schauspieler Jens Nielsen.
Autor, Sprecher und Schauspieler Jens Nielsen. (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Brasilian Waxing

Der nächste Gast des Abends, Gülsha Adilji, hat an diesem Donnerstagabend tatsächlich Geburtstag und vielleicht deshalb keine Zeit gehabt, etwas zum Thema vorzubereiten. Das hört sich jetzt negativer an, als es war – denn Moderatorin Adilji beherrscht ihr Handwerk, die Dramaturgie, das Timing.

Sie kann Witz, kann überraschen und provozieren, ohne ihren Charme zu verlieren. Trotzdem wirkt sie an dieser Werkschau, nach Perrig und Nielsen, mit ihren Ausführungen zu Instagram-Dating, der perfekten Frau und Brasilian Waxing etwas gar trivial und fehl am Platz. Doch das Publikum stört sich nicht daran. Erstmals werden die Reaktionen im Zuschauerraum wirklich hörbar. Die Leute sind aufgetaut, als Adilji in die Pause entlässt – eine Stunde des Abends ist um.

Kunst und Wissenschaft

Nach der Pause steigen Stimmkünstlerin Isa Wiss und Autorin Martina Clavadetscher mit einem Handharmonium, einem Kinderpiano und ganz neuem Material auf die Bühne. Die Texte von Clavadetscher, Musik und Gesang – «einfach alles Schöne» – von Wiss fügen sich perfekt zusammen.

Sie singen und sprechen und spielen von Reichtum, von falsch verstandenem Mut, von Leidenschaft und Zweisamkeit, von körperlichem Kummer und Schmerz. Die Texte von Clavadetscher erschaffen so greifbare Bilder, dass man sich, von Isa Wiss’ Stimme getragen, in ihnen verliert. Der Applaus zeigt – die Woerdz-Bühne ist nun zum Leben erwacht. Und hier haben sich zwei gefunden.

Ein Höhepunkt am Donnerstag: Martina Clavadetscher (hinten) und Isa Wiss.
Ein Höhepunkt am Donnerstag: Martina Clavadetscher (hinten) und Isa Wiss. (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Und diese Aussage kann man auch gleich für den nächsten Programmpunkt wiederholen. Denn das absolute Highlight des Abends ist der Werkauftrag zum Thema «Zukunft der Sprache – Sprache der Zukunft» von Corinna Virchow und Gerhard Meister, der kurzfristig für Nora Gomringer eingesprungen ist. Ein Glücksfall, der in einer Häufung von «Szenenapplaus» gipfelt.

Die beiden harmonieren am Tisch und an der Wandtafel perfekt und Meister zeigt sich als Meister des Spoken Word. Er fesselt das Publikum und zieht es mit, erzählt Geschichten von suizidalen Steinzeitmenschen, von Atomsemiotik und den Römern.

Zaudern und rappen

Corinna Virchow daneben verpackt wirklich spannende Fakten und wissenschaftliches Wissen in kurze und verständliche, zum Teil auch recht abstruse Vorträge. Darüber, wie Sprache und Zeit gekoppelt sind, wie sich Sprache erneuert, über Kotze als Index für Ekel und Marker für Authentizität. Sie plädiert für eine Zöger- und Zauderzeit statt für Aktionismus und will gleich einen neuen Tempus einführen, der «Denken», «Werden» und «Ich bin noch nicht fertig damit» verbindet. Das Publikum bekommt sich fast nicht mehr ein, während Meister an der Wandtafel «ich denkede», «du denkirst», «er denkird» konjugiert. Das passt.

Gerhard Meister und Corinna Virchow befassten sich mit der Zukunft der Sprache. Respektive der Sprache der Zukunft.
Gerhard Meister und Corinna Virchow befassten sich mit der Zukunft der Sprache. Respektive der Sprache der Zukunft. (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

Den Abschluss machen die letzten Poeten des Abends, die Luzerner Hip-Hopper GeilerAsDu mit einem kurzen Set. Und mit all den Woerdz und Rhymes kommt auch das wohl zum Teil wenig Hip-Hop-geübte Publikum bei «Godzilla» und «Mittelpunkt» auf seine Kosten.

Viele Zeilen in den Songs, die das Dreiergespann für den Abend zusammengestellt hat, nehmen wie geplant Gedanken der anderen Poeten des Abends auf. Ein perfekter Abschluss für einen abwechslungsreichen Abend.

GeilerAsDu (im Bild Mike Walker) sorgten mit deftigen Worten für den Schlusspunkt.
GeilerAsDu (im Bild Mike Walker) sorgten mit deftigen Worten für den Schlusspunkt. (Bild: zvg/Franca Pedrazzetti)

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