Seit 28 Jahren ein Stiller Has und kein bisschen leise. (Bild: jav)
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Seit 28 Jahren ein Stiller Has und kein bisschen leise. (Bild: jav)

Endo Anaconda: «Ich bin matriotisch, nicht patriotisch»

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28 Jahre, 14 Alben, ein Saurier, ein Mammut, ein stiller Has. Endo Anaconda ist ein Urgestein des Schweizer Musikschaffens, der letzte Poet einer aussterbenden Art. Wir haben ihn in Luzern getroffen, am Fusse des Berges, auf welchem er in Bälde eines seiner ruhigeren Konzerte geben wird.

Ein Blick durch das schmale Fenster zeigt: Er sitzt bereits entspannt auf der Eckbank und nippt an einem Cappuccino. Vor ihm auf dem Tisch ein Zigarettenetui aus Leder, auf dem Kopf sein Hut. Endo Anaconda wirkt, als sei er auf einem Kurzurlaub in Luzern zu Besuch. Kein Wunder, denn Interviews scheinen ihm definitiv Spass zu machen.

zentralplus: Sie sind das erste Mal in Luzerns kultiger Knelle, dem «Doorzögli». In welchen Beizen trifft man Sie zu Hause an?

Endo Anaconda: Ich bin kein grosser Beizengänger mehr. Als es letztes Jahr mit den alten Hasen auseinanderging, war ich gesundheitlich nicht gut beieinander. Jedes Mal in Bern im Ausgang bin ich abgestürzt. Denn wenn dich jeder kennt, hältst du das nüchtern nicht aus. Doch hätte ich mich nicht zurückgenommen, gäbe es jetzt wohl keine neue Band, kein neues Album. Ich habe auch festgestellt, dass ich nach Konzerten oft fast soziophob bin. Ich bin auch gar keine Partynudel. Nur auf der Bühne bin ich wahnsinnig …

zentralplus: «Julischka», «Flieder» … Sie können in vielen Texten ganz zerbrechliche, wehmütige Töne anschlagen. Wie sehr entstehen die aus einem eigenen Schmerz?

Anaconda: Natürlich schöpfe ich aus meinen Erfahrungen, aber auch aus anderen Leben. Ich höre den Menschen gerne zu. Auch nach Konzerten geniesse ich es sehr, mit den Leuten zu sprechen. Ich freue mich auch, dass jetzt, nach den rund 80 Band-Konzerten, wieder mehr Duo-Auftritte kommen, wo der Text mehr im Vordergrund steht. Und ich Zeit habe, die Leute, die an meine Konzerte kommen, zu sehen und zu sprechen.

«Ich bin einfach weltfühlig.»

zentralplus: Sie sind in Ihren Texten aber genauso gerne richtig spitz und zynisch.

Anaconda: Wenn ich ironisch oder zynisch werde – dann meine ich immer auch mich. Ich kann gut über mich lachen. Zum Beispiel darüber, dass ich bei Unordentlichkeit fast durchdrehe. Wenn das Geschirr nicht abgewaschen ist oder der Tisch überstellt. Da bin ich pingelig.

zentralplus: Auch in der Arbeit, bei den Texten?

Anaconda: Ja, ich bin unerträglich. Es wird auch immer schwieriger, Texte zu schreiben. Sie sind wie eine Skulptur. Und vieles hast du irgendwann schon gesagt oder gemacht. Und Texte müssen wahrhaft sein. Diesen Anspruch habe ich. Und Wahrheit ist nicht absolut, sondern immer vielschichtig. Und gut tönen sollte es auch noch.

Ändu Flückiger alias Endo Anaconda im Luzerner «Doorzögli».
Ändu Flückiger alias Endo Anaconda im Luzerner «Doorzögli». (Bild: jav)

zentralplus: Wo trifft man Sie denn, wenn Sie bei uns in der Stadt weilen?

Anaconda: Ich bin ein Rebstock-Fan – seit Jahren. Dort sind die Kügelipastetli super. Ansonsten bin ich eher beruflich hier. In der Schüür oder auf dem Kulturhof Hinter Musegg bei Pia. Oder ich fahre auf einem Dampfer an der Tellsplatte und dem Rütli vorbei und rezitiere Schiller – wie damals als Kind mit meinen Grosseltern. Das ist ein Teil meines emotionalen Patriotismus. Wir haben auf jeden Fall einen netten Nationalmythos.

zentralplus: Finden Sie?

Anaconda: Nun. Die Franzosen haben ihre Adligen geköpft, Italien hat ebenfalls seine recht blutige Geschichte und über Deutschland wollen wir gar nicht erst reden. In der Schweiz wurde einfach gut auf einen Österreicher geschossen. Das liegt noch drin, finde ich.

«Alle sind urchig und jödeln ein bisschen.»

zentralplus: Sie sind also unerwarteterweise patriotisch?

Anaconda: Eher matriotisch. Für mich ist das Gründungsdatum der Schweiz 1972. Als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde.

zentralplus: Sie sind ein Feminist?

Anaconda: Äch, heute sind doch alle feministisch. Nein. Ich finde einfach, heute müsste es eigentlich einen hundertprozentigen Frauenbundesrat geben. Und dann irgendwann halb halb.

zentralplus: Bald treten Sie auf dem Pilatus auf. Kennen Sie die Geschichten und Sagen um unseren Hausberg?

Anaconda: Es ist bestimmt etwas Biblisches?

Wir verlosen zwei Tickets fürs Konzert

Unsere Community-Mitglieder haben hier die Möglichkeit, 1 x 2 Music & Dine-Tickets für Stiller Has zu gewinnen. Das Konzert findet am Freitag, 2. November 2018 auf dem Pilatus Kulm statt. Zur Verlosung geht's hier.

zentralplus: Biblisch angehaucht auf jeden Fall. Und dann gibt’s noch den Drachen. Aber Sie sind der Geschichtenerzähler. Wie könnte sie denn gehen?

Anaconda: Der Teufel hauste in Form eines Drachen auf dem Berg und will den Sünder Pilatus zu sich holen. Doch der sagt: «Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich tat es wegen den Arbeitsplätzen», und erschlägt den Drachen. Als Wiedergutmachung dafür, dass er den Nazarener Zimmermann ans Kreuz schlagen liess.

zentralplus: Wie stehen Sie zur Kirche?

Anaconda: Man sollte ihr die Kinder wegnehmen. Oder auch, was der Papst jetzt wieder rausgelassen hat. Er stellt Frauen, die abtreiben, als Mörderinnen dar. Ich kenne keine Frau, die aus Spass abgetrieben hat. Und er sitzt da in diesem Vatikanfilz von Zuhältern. Ich hatte am Anfang Sympathien für Franz. Aber damit macht er sich viel kaputt. Nun. Es ist nicht meine Kirche.

zentralplus: Welches ist Ihr Verein? Haben Sie überhaupt ein Faible für Fussball?

Anaconda: Für Frauenfussball, ja. Das ist intelligenter Fussball, ohne Grössenwahn, aber mit Sportsgeist. So, wie ich Fussball mag. Da bin ich wirklich Feminist. Sonst stösst mich Fussball mittlerweile richtig ab. Diese Gorilla-Posen, das ständige Gefoule und gespielte Leiden. Und diese massive Korruption.

zentralplus: «Der Mensch sehnt sich nach Katastrophen», singen Sie auf dem neuen Album und schlagen mit der Zeitung Fliegen tot. Sind Sie der Berichterstattung müde?

Anaconda: Ich bin einfach weltfühlig. Der Planet ist die Titanic. Unten versaufen sie schon, in der Mitte – den Schwellenländern – rudern sie noch. Und wir sitzen in der Captains Lounge, halten die Wellen klein und veranstalten einen Fondue-Plausch.

Und in der Schweiz sehe ich nur Nabelschau. Alle sind urchig und jödeln ein bisschen. Nichts dagegen, aber es zeigt unsere Haltung. Gute Kunst ist nicht wertfrei und unpolitisch. Sie bezieht gesellschaftliche Realitäten ein.

«Für mich hat die Technisierung auch viel mit Enthumanisierung zu tun.»

zentralplus: Und was sagt Ihre Kunst politisch? Was braucht es?

Anaconda: Neue Konzepte statt Scheuklappen. Aber dafür müsste man rausschauen. Nicht nur auf sich selbst. Wie bei den Klimaabkommen. Niemand hält Vereinbarungen ein, die USA steigt aus. Manchmal kommt es mir vor wie bei einem Flugzeugabsturz. Es brennt und alle suchen ihre Handtasche und ihr Handy, anstatt mit anderen Menschen rauszugehen und den Brand zu löschen. Währenddessen reden alle von künstlicher Intelligenz. Mir würde schon eine normale Intelligenz reichen.

zentralplus: Sie sind kein Fan der digitalen Welt?

Anaconda: Suchmaschinen sind schon etwas Hilfreiches, für geografisches Wissen oder wenn man zwischen all den Büchern ein Zitat nicht mehr findet. Aber ich habe weder Handy noch Computer. Ich schreibe mit Füllfederhalter und über meine Tochter gelangt es dann in den PC. Für mich hat diese Technisierung und Digitalisierung auch viel mit Enthumanisierung zu tun.

zentralplus: Inwiefern?

Anaconda: Was will ich einen Kühlschrank, in welchem automatisch mein Lieblingsjoghurt wieder aufgefüllt wird? Ich liebe das Einkaufen, den Kontakt mit den Leuten im Laden. Dann schäkere ich mit der 70-jährigen Kioskfrau und vielleicht, wenn ich Glück habe und den richtigen Tag erwische, kann ich ihr manchmal sogar ein Lächeln abgewinnen. Aber ich glaube – oder hoffe –, dass die Entwicklung kommt und die Leute wieder merken: Menschen sind toll.

Wer ist Ändu Anaconda?

Endo Anaconda wird als Andreas (Ändu) Flückiger 1955 als Sohn einer Österreicherin und eines Schweizers in Burgdorf geboren und verbringt den ersten Teil seiner Kindheit in Biel. Mit zwölf Jahren kommt er in ein Internat in Klagenfurt, wohin die Familie schliesslich auswandert. Er verbringt weiterhin seine Sommerferien bei den Grosseltern im Emmental. 

Nach einer Lehre als Siebdrucker in Wien kommt er Anfang der Achtziger wieder zurück in die Schweiz und arbeitet zwei Jahre lang im Shoppyland Schönbühl als Hubstaplerfahrer. Nach dieser Zeit schreit er sich ohne Monitoring durch verschiedene erfolglose Projekte. 1989 gründete er mit Balts Nill das Duo Stiller Has.

Endo hat drei Kinder, ist im Emmental zu Hause und Wochenaufenthalter in Aarau.

 

Ein Matriot sei er, sagt Endo Anaconda.
Ein Matriot sei er, sagt Endo Anaconda. (Bild: jav)

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