Hanspeter Müller-Drossaart gibt den Trafikanten. (Bild: Daniela Herzog)
Kultur Rezension

Hanspeter Müller-Drossaart gibt den Trafikanten. (Bild: Daniela Herzog)

«Der Trafikant»: Ein Plädoyer für Menschlichkeit in dunklen Zeiten

5min Lesezeit

Von Serviettenknödel, Fleischlaibchen und Einspännern; mit viel Wiener Schmäh serviert Hanspeter Müller-Drossaart den Trafikanten in einer beeindruckenden One-Man-Show. Leider bleibt ein äusserst wichtiger und aktueller Teil dabei etwas auf der Strecke. 

Am Donnerstagabend feierte Hanspeter Müller-Drossaart mit seiner Inszenierung von Robert Seethalers «Der Trafikant» Zuger Premiere im Burgbachkeller. Vor fast ausverkauftem Haus spielte er die Coming-of-Age-Geschichte des Franz Huchel, der in den 1930er-Jahren von seiner Mutter aus der behüteten Welt des Salzkammerguts in die geschäftige Grossstadt Wien geschickt wird, um dort in der Trafik von Otto Trsnjek in die Lehre zu gehen.

Durch intensive Zeitungslektüre, aber auch in der Begegnung mit den eigentümlichen Charakteren, die tagtäglich durch die milchige Glastüre ein- und austreten und ihre Wiener Zeitung, Österreichische Woche, ihre Gloriette oder Virginias kaufen, eröffnet sich für Franz eine neue Welt.

Zu Letzterer gehört auch der «Deppendoktor»; ein alter, zerbrechlicher Mann mit Gehstock, akkurat gestutztem Bart und runder schwarzer Brille: Prof. Dr. Sigmund Freud. Verliebt über beide Ohren in die böhmische Anezka sucht der junge Franz Rat beim alten Professor, woraus allmählich eine Freundschaft entsteht. «Von der Liebe versteht niemand irgendetwas», erklärt Freud dem verzweifelten Franz. «Aber warum verlieben sich dann alle Leute ständig und überall?», fragt Franz, worauf Freud antwortet: «Man muss das Wasser nicht verstehen, um kopfvoran hineinzuspringen.» Obwohl die etwas platte und verniedlichende Figur Freud in den Buchrezensionen häufig kritisiert wurde, sind es doch gerade solch sorgfältige, liebevolle Dialoge, die auf der Bühne besonders gut zur Geltung kommen.

Schauspielerische Höchstleistung

Es sind dann auch die Dialoge, von denen das szenische Erzählstück besonders lebt. Müller-Drossaart übernimmt nicht nur die Rolle des Erzählers, sondern schlüpft in die unterschiedlichen Figuren und inszeniert diese äusserst pointiert. Er spielt nicht nur mit den verschiedensten Dialekten und Akzenten, von Oberösterreichisch über Wienerisch bis Tschechisch, sondern setzt gekonnt minimalistisch Mimik und Gestik figurentypisch ein.

«Erinnert wird meistens nicht die Wahrheit, sondern das, was laut herausgebrüllt oder fett genug abgedruckt wird.»

Die Mutter ist leicht nervös, spielt mit ihren Händen, blickt unruhig umher und zittert ein wenig mit dem Kopf; Sigmund Freud spricht mit zugekniffenen Augen und einer kratzenden, tiefen Stimme, die aus einem fast geschlossenen Mund kommt, und der junge Franz strahlt mit grossen Augen und noch grösseren Gesten eine Wachheit und Leichtigkeit aus. Doch diese Charakterisierung der verschiedenen Figuren braucht es auch, denn es wird häufig zwischen den Szenen hin und her gesprungen, was vielleicht für solche, die das Buch nicht kennen, nicht immer ganz einfach nachvollziehbar ist.

Es braucht nicht viel

Eine grüne Parkbank, ein abgenutzter Lederrucksack und eine alte Milchglastür mit der Aufschrift «TABAK TRAFIK O. Trsnjek» stellen das ganze Bühnenbild des Abends dar. Auch Müller-Drossaart kommt schlicht daher, in einem grauen Westenanzug spielt er während 90 Minuten durch das ganze Stück und bleibt immer auf der Bühne. Als einzige Verschnaufpausen dienen die Projektionen der Postkarten, die sich Franz und seine Mutter schicken und die mit akustischen Einspielungen vorgelesen werden. Diese kurzen Einlagen passen perfekt in das Stück.

Ein Mann für alle Rollen.
Ein Mann für alle Rollen. (Bild: zVg)

Zur Untermalung der unterschiedlichen Stimmungsbilder, die der sensible Beobachter Seethaler in seinem Buch wunderschön beschreibt, greifen Müller-Drossaart und der Regisseur Buschi Luginbühl auf klangliche Stimmungsbilder (Till Löffler) zurück, die das heftige Gewitter im Salzkammergut, das geschäftige Treiben in Wien oder die rassenideologischen Hetzen akustisch untermalen.

Medienkritik geht unter

Während Müller-Drossaart dem Liebesleben Franz' relativ viel Raum gibt, geht ein anderes Thema des Buchs leider etwas unter. Es ist Seethalers Medienreflexion, die gerade in der heutigen Zeit von Fake News und Medienmarktkonzentration äusserst relevant ist. Seethaler lässt Franz an einer Stelle beispielsweise denken: «Erinnert wird nämlich meistens sowieso nicht die Wahrheit, sondern nur das, was laut genug herausgebrüllt oder eben fett genug abgedruckt wird.»

Und an einer anderen Stelle reflektiert Franz die parteiliche Vereinheitlichung der Medienlandschaft: «Es war, als ob die Redaktionen sich jeden Tag zu einer einzigen, riesigen Konferenz versammelten, um zur Wahrung einer scheinbaren Objektivität wenigstens die Überschriften untereinander abzustimmen und hie und da ein paar Textunterschiedlichkeiten in die ansonsten völlig gleichlautenden Artikel einzubauen.»

Schade, dass solche Stellen nicht Eingang in das Bühnenstück fanden. Müller-Drossaart greift jedoch den historischen Rahmen des Stücks sehr gut auf und verdeutlicht das Aufeinanderprallen des naiven, sanften und verwirrenden jungen Franz mit der harten, kalten und menschenwürdeverachtenden Gesellschaft. Als dann sogar Otto von der Gestapo mitgenommen wird, setzt Franz ein Zeichen, «ein kleines Licht in der Dunkelheit, mehr könne man nicht erwarten».

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur