Marco Sieber als Selfie-Unfallopfer Ingemar. (Bild: dhe)
Kultur Rezension

Marco Sieber als Selfie-Unfallopfer Ingemar. (Bild: dhe)

Bedrückende Freakshow im St.-Karli-Schulhaus

5min Lesezeit

Die Menschenausstellung der Luzerner Theatergruppen Aeternam und Fetter Vetter & Oma Hommage feierte am Donnerstagabend Premiere. Ein zutiefst abgründiges, groteskes und satirisches Crossover aus Theater, Museumsausstellung und Dokumentation. Doch so überspitzt die Figuren auch dargestellt werden, es gibt sie tatsächlich.

Die grosse Völkerschau ist zurück. Doch der ethnografische Blick wird an diesem Abend nicht auf ein fremdes Volk gerichtet, sondern auf zeitgenössische, real existierende Exponenten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Zehn Menschen erzählen ihre Lebensgeschichte und tauchen mit dem Publikum ab in die Tiefen eines grenzenlos kapitalistischen, effizienzgetriebenen und oberflächlichen Weltbildes.

Schullektion der anderen Art

Um Punkt 20.15 Uhr klingelt die Schulglocke und das Gewusel auf den nächtlichen Korridoren des St.-Karli-Schulhauses löst sich langsam auf. Das Publikum verteilt sich auf den sechs Etagen und begibt sich in die unterschiedlichen Ausstellungsräume. In der Bibliothek wartet Rebekah Mercer (gespielt von Matthias Kurmann) auf uns. Die Tochter einer amerikanischen Mäzenfamilie steht für eine radikal libertäre und konservative Ideologie und gehört zu den potentesten Geldgebern Trumps. In äusserst kaltblütiger, reservierter und selbstgefälliger Manier erzählt sie von ihren Investitionen: Medienmanipulationen hier, Förderung von konservativen Richtern für den obersten Gerichtshof da, und natürlich darf Cambridge Analytica auch nicht fehlen.

Matthias Kurmann spielt die berechnend kalte und selbstsüchtige Rebekah Mercer.
Matthias Kurmann spielt die berechnend kalte und selbstsüchtige Rebekah Mercer. (Bild: dhe)

Die Liste ist lang und man mag gar nicht mehr zuhören. Leichte Aggressivität macht sich breit. Als sie schliesslich noch vom am Geld bemessenen positiven und negativen Wert des Menschen spricht, möchte man sie am liebsten schütteln und sie zu Verstand bringen. Da klingelt die Glocke und die erste Lektion ist vorüber. Nach einer kurzen Pause, die man sehnlichst nötig hat, um seinem Ärger im Gespräch mit anderen Luft zu machen, geht es weiter zum 4-Billionen-Dollar-Mann Larry Fink auf die Toilette.

Distanziert und doch ganz nah

Auf der alten Schultoilette des Schulhauses erklingt die Musik eines Computergames. Larry Fink (gespielt von Nicole Lechmann), CEO des weltweit grössten Vermögensverwalters Black Rock, sitzt auf dem Klo, gamt und erzählt von seinem Leben, oder besser gesagt, von ETFs. Ob alle wüssten, was ETFs seien, fragt er in die Runde und fängt euphorisch an zu erklären, während er sich selbstverliebt im Spiegel betrachtend die Hände wäscht.

Nicole Lechmann als nicht ganz so langweiliger Finanzmogul Larry Fink.
Nicole Lechmann als nicht ganz so langweiliger Finanzmogul Larry Fink. (Bild: dhe)

«Merken Sie, wie Sie gelangweilt sind?», bemerkt er bald und ertappt uns tatsächlich dabei, wie wir abhängen. Genau so funktioniere die Finanzbranche, sagt Larry, denn nur wenn man langweilig sei und sich niemand für einen interessiere, könne man in Ruhe arbeiten.

Nach und nach predigt Larry sich in einen Rauschzustand, bis er völlig in seiner eigenen Welt zum Sound von Maroon 5s «This Love» eine Liebeshymne auf den betriebseigenen Rechner Alladin singt. Nicht nur Nicole Lechmann brilliert in dieser Rolle mit einer sehr starken Performance, toller Mimik und einer starken Involvierung des Publikums. Auch Matthias Kurmann als Rebekah Mercer, Irene Wespi als Mohammed, Marco Sieber als Ingemar und Ursula Hildebrand als Simon Ourian überzeugen auf ganzer Linie. Gerade weil die Schauspieler sich inmitten des Publikums bewegen und dieses immer wieder direkt ansprechen, bringen sie es mit ihren radikalen, provozierenden und bisweilen absurden Meinungen nicht nur zum Nachdenken, sondern rütteln auch emotional auf.

 

Schönheitschirurgie zwischen Hobel- und Werkbänken

In den Pausen kann man jeweils selbst wählen, welcher Person man als Nächstes zuhören möchte. Mal geht es ganz hoch in den Estrich zum Selfie-Unfallopfer Ingemar, mal ganz runter zum Schönheitschirurgen Simon Ourian im Werkraum. Den Theatergruppen Aeternam und Fetter Vetter & Oma Hommage gelingt es dabei, das Schulhaus St. Karli und die ganz unterschiedlichen Räumlichkeiten mit stimmungsvollem Feingefühl (ironisch) passend zu den jeweiligen Personen zu wählen.

Das Publikum an diesem Abend ist zahlreich und auffallend jung. Da man aus zeitlichen Gründen nicht alle Figuren während einer Schau sehen kann, lohnt es sich auf jeden Fall, ein zweites Mal hinzugehen. Das Museum ist bis Ende Dezember 2019 immer mal wieder geöffnet und bietet wechselnde Ausstellungsstücke.

13. bis 16. September, Schulhaus St. Karli Luzern. Danach hat die «Menschenschau» einmal im Monat geöffnet.

Ursula Hildebrand als Schönheitschirurg Simon Ourian.
Ursula Hildebrand als Schönheitschirurg Simon Ourian. (Bild: dhe)

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