Die Redwood-Sängerin hat ihr Publikum im Griff: Nicole Kammermann beim Bandselfie. (Bild: Severin Ettlin / zvg)
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Die Redwood-Sängerin hat ihr Publikum im Griff: Nicole Kammermann beim Bandselfie. (Bild: Severin Ettlin / zvg)

Luzerner Sängerin brachte AC/DC-Fans zum teuflischen Tun

7min Lesezeit

Sie liebt kleine Clubs, doch ihr erstes Konzert mit Redwood gab Nicole Kammermann im Hallenstadion vor 13’500 AC/DC-Fans. Kein Wunder, gilt die Sängerin der Band Redwood doch als «Kumpel mit Brüsten». Gelingt der Luzernerin mit dem neuen Album der grosse Durchbruch?

Mathias Haehl

Live zu singen, das ist Nicole Kammermann (46) am wichtigsten und liebsten. Schliesslich ist die Luzernerin sich gewohnt, vor Leuten zu stehen und zu sprechen: Ursprünglich ist sie gelernte Kindergärtnerin, heute gibt sie in Mauensee Unterstufenunterricht. «Das mache ich sehr gerne – aber in meiner Freizeit lebe ich für die Konzerte mit meiner Band Redwood.»

Rund 500 Gigs hat die Zürcher Gruppe in ihrer 25-jährigen Bandgeschichte bereits gegeben, die Hälfte davon mit der Luzerner Sängerin. Man schrieb das Jahr 2009, als Kammermann den Posten hinter dem Mikrofon von Lesley Meguid übernahm.

«Wir haben mit allem gerechnet, sogar damit, ausgebuht zu werden.»

Nicole Kammermann vor dem AC/DC-Konzert

Zuvor sang sie bei der Zuger Band Eyelash, die vorerst Triphop spielte und dann zusehends rockiger wurde. Um den Job der Redwood-Frontfrau zu ergattern, hatte sie sich in einem Casting gegen 15 Mitbewerberinnen durchzusetzen. 

Feuertaufe wurde zur Feier

Erfolgreich. Um dann als Anheizerin gleich ins kalte Wasser geworfen zu werden. Ihr erster Auftritt mit Redwood wurde eine regelrechte Feuertaufe – die in eine grosse Feier ausartete: Sie durfte im vollen Hallenstadion vor der AC/DC-Show rocken. «Wir haben mit allem gerechnet, sogar damit, ausgebuht zu werden», gesteht sie, als wir sie im Restaurant Libelle treffen. Sie nippt an einem gespritzten Apfelsaft, den sie aber schnell den drei aufdringlichen Wespen überlässt.

Kann auch feiern und trinken: Nicole Kammermann, hier am Nachmittag mit Apfelsaft.
Kann auch feiern und trinken: Nicole Kammermann, hier am Nachmittag mit Apfelsaft. (Bild: hae)

Das Podium und die Hardrock-Fans hielt sie damals am 6. April 2009 weitaus besser bei der Stange: Sie gab alles, lotete ihr Temperament, ihre Leidenschaft und ihre klare Stimme aus. «Ich nahm beim Singen bis unters Dach lauter wippende Köpfe wahr – viele mit den leuchtenden Teufelshörnern, wie sie AC/DC-Fans auf dem Kopf zu tragen pflegen. Welche Mordsstimmung!»

Wenn Nicole Kammermann davon erzählt, leuchten ihre blauen Augen. An diesem Abend passt alles zusammen, auch wenn Redwood nicht den simplen Haudrauf-Rumpelrock wie AC/DC pflegt, sondern eher einen erfrischenden Poprock. Den singt Kammermann mit ihrer Stimme auf dem neuen Album «Redwho …?», dem sechsten, äusserst eindringlich. Passt gut zu den erdigen Songs: «Die haben wir zu fast 100 Prozent live eingespielt, weil wir so halt am besten rüberkommen.» Das klingt nah an den Fans.

Mit Vorliebe in kleinen Konzertlokalen

Nah am Volk ist Nicole Kammermann auch gerne auf der Bühne: Sie singt mit Vorliebe in kleinen Konzertlokalen wie der Zürcher Hafenkneipe, wo am 13. Oktober die Plattentaufe stattfinden wird. «Der Sedel, der Schüür-Club oder auch der Stadtkeller sind mir am liebsten, weil da der Kontakt mit dem Publikum am unmittelbarsten ist.» Und wenn sie spricht, schaut sie ihrem Gegenüber unentwegt in die Augen: Sie ist fokussiert. Und sehr natürlich, mit ihrem züchtigen Rossschwanz wirkt sie so überhaupt nicht wie eine schillernde Anheizerin.

Auf der Bühne lässt sie dann ihre sieben grossen Tattoos wirken, liebt auffallende und manchmal gar freizügige Kostüme, und dann lässt sie auch ihre Haare wirbeln. Sie lacht, und dann gibt sie zu: «Ich kann ein Publikum schon mitreissen, aber es zwischen den Songs wie die grossen Entertainer zu unterhalten – das liegt mir nicht unbedingt.»

«Mit dem Älterwerden gehen wir locker um – noch.»

Da greifen ihr dann gerne ihre drei Musikerkollegen unter die Arme. Vor allem Gitarrist und Bandleader Mark Lim, der auch die meisten Songs schreibt. Er komponierte auch die neuste Single «The Art of Growing Old», einen augenzwinkernden Song über das Älterwerden.«Damit gehen wir locker um – noch», sagt die 46-Jährige, «denn das ist doch pure Einstellungssache, wie alt ich mich fühle.» So verwundert es nicht, dass im Video ein älterer Mann sich mit Rollbrett statt mit Rollator zum Narren macht.

Der neuste Song von Redwood präsentiert sich im Video so:


Was wird denn Nicole Kammermann im Alter zusehends wichtiger werden? Da muss sie nicht lange überlegen: «Zeit und Musse zu haben.» Deshalb machten die Redwood-Musiker sich auch keinen Stress mit der neuen CD. «Wir wollten lieber einen gehaltvollen Inhalt.»

Und Sounds sind ihre grosse Liebe. Die Redwood-Sängerin leistet sich noch ein anderes Musikprojekt, «Of Queens and Rats»: Mit Philipe Burrell spielt sie im Duett ihre Lieblingssongs (zentralplus berichtete).

Singt auch Radiohead oder Depeche Mode

Das sind beispielsweise «Lucky» von Radiohead, «Enjoy the Silence» von Depeche Mode oder «C’mon Billy» von PJ Harvey. Ihr Lieblingsalbum stammt von Faith no More: «King for a Day, Fool for a Lifetime», ein ziemlich hart rockender Brocken. Ideal fürs Headbangen.

Um nicht Königin nur für einen Tag und Idiotin fürs Leben zu sein, hat Nicole Kammermann sich ein Rezept zurechtgelegt: Man sollte viel mehr nach dem Lustprinzip handeln, denn Genuss werde unterschätzt, findet sie. Die stete Suche nach Entschleunigung und Lässigkeit, das merkt man der äusserst wandelbaren Sängerin an.

«Kumpel mit Brüsten.»

So nennt der Redwood-Chef seine Sängerin

Sie sei ein «Kumpel mit Brüsten», sagte einmal Bandleader Mark Lim über Nicole Kammermann. – Was meinte er denn damit? «Na, dass ich keine Tussi bin. Sondern durchaus eine Frau, die stets auch ein guter Kumpel ist. Prost!» Und sie hält ihr Glas Apfelsaft in die Höhe. Ziemlich cool. 

Nicole Kammermann ist Luzerner Mittelpunkt der Zürcher Band Redwood.
Nicole Kammermann ist Luzerner Mittelpunkt der Zürcher Band Redwood. (Bild: Severin Ettlin / zvg)

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