Das Aalto-Hochhaus im Luzerner Schönbühl öffnet im Zuge der Europäischen Tage des Denkmals seine Türen. (Bild: pbu)
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Das Aalto-Hochhaus im Luzerner Schönbühl öffnet im Zuge der Europäischen Tage des Denkmals seine Türen. (Bild: pbu)

Das Aalto-Hochhaus gibt sein Innerstes preis

9min Lesezeit

Hoch hinaus, heisst es an den Europäischen Tagen des Denkmals in Luzern. Mit dem Aalto-Hochhaus im Schönbühl-Quartier öffnet das bekannteste Hochhaus der Zentralschweiz seine Türen und gewährt einen Blick auf sein architekturhistorisches Erbe – ein Erbe, das nun allerdings von Sanierungsarbeiten bedroht ist.

In der Eingangshalle ist fast kein Durchkommen mehr. Rund 80 Personen sind dem Ruf der Europäischen Denkmaltage gefolgt und haben sich am Samstagmorgen im Bauch des Aalto-Hochhauses im Luzerner Schönbühl-Quartier versammelt. «Es ist schön zu sehen, dass Alvar Aalto auch heute noch auf solch ein immenses Interesse stösst», sagt Roland Hergert und blickt zufrieden in die Runde.

Hergert ist Architekt und Mitinhaber jenes Architekturbüros, das für die Sanierungsarbeiten im Aalto-Hochhaus Schönbühl verantwortlich zeichnet. Seit gut einem Monat wird hier gehämmert, gebohrt und haufenweise Material verschoben. Ende Juli sind die letzten Mieter ausgezogen (zentralplus berichtete). Die Fassade des 50 Meter hohen Gebäudes ist fast komplett von Baugerüsten umhüllt. Deckenlampen wurden abmontiert und der Boden mit Planen bedeckt.

Begegnungsort im Korridor

Um dennoch eine Idee von der architekturhistorischen Bedeutung des Aalto-Hochhauses zu bekommen, wurde eigens für die Denkmaltage die 12. Etage im Wohnturm reserviert. In Kleingruppen geht es mit dem Lift nach oben. «Alvar Aalto legte in seinen Wohnbauten grossen Wert auf die soziale Durchmischung, was zu dieser Zeit recht speziell war», erläutert Hergert. «Deshalb finden sich auf jedem Geschoss mehrere Wohnungen in verschiedenen Grössen», fügt er an. Und deshalb sind auch die Etagengänge grosszügig und lichtdurchflutet gestaltet, so dass diese eher an Begegnungsorte als an Korridore erinnern.

Kulturreise durch die Innerschweiz

Die 25. Ausgabe der Europäischen Tage des Denkmals trägt das Motto «Ohne Grenzen». Im Zeichen des Kulturerbejahres 2018 können an vier Wochenenden im September in der ganzen Schweiz geführte Rundgänge besucht werden.

Die Innerschweizer Kantone stellen zu diesem Anlass die Architektur der Nachkriegsjahre in den Fokus. Am 9. September stehen u. a. auf dem Programm: die Pfarrkirche St. Johannes in Luzern, das Mattli-Antoniushaus in Morschach, die Pfarrkirche St. Maria in Nebikon sowie diverse sakrale Kleinbauten in Emmenbrücke, Wolhusen und Grosswangen.

Weitere Informationen finden sich hier.

«Ausserdem», ergänzt die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder, «versah Aalto jede Wohnung mit einem Balkon. Das war tatsächlich ein Novum, weil Aussicht in dieser Zeit kein grosses Thema war.» Tatsächlich findet sich im 12. Stock keine Wohnung, die dank dem aufgefächerten Grundriss nicht mit einer weitschweifigen Aussicht zu punkten vermag.

Im Clinch mit dem Gesetz

Die Sanierung des Aalto-Hochhauses indes gleicht einer Gratwanderung. Einerseits soll der Wohnturm im Schönbühl für weitere 50 Jahre in ein zeitgemässes und attraktives Mietobjekt verwandelt werden, andererseits gilt es, das architekturhistorische Erbe des Gebäudes in seiner Originalität möglichst zu bewahren. Deshalb wird das Umbauprojekt eng von der kantonalen Denkmalpflege begleitet.

Ganz wird man Letzteres nicht einhalten können. Weil das Gebäude in Bezug auf die haustechnischen Installationen, die Erdbebensicherheit sowie den Brand-, Wärme- und Schallschutz einen grossen Umbaubedarf zeigt, lässt sich das Erhaltungsziel nicht über das gesamte Objekt in gleichem Umfang erreichen.

Architekt Roland Hergert geht näher auf das Schaffen von Alvar Aalto ein.
Architekt Roland Hergert geht näher auf das Schaffen von Alvar Aalto ein. (Bild: pbu)

«Wir wollen das Haus so positionieren, dass es seinem Ruf gerecht wird», sagt Architekt Hergert. «Die gesetzlichen Auflagen stehen zum Teil jedoch in Widerspruch zur Architektur Aaltos. Das Ganze gleicht einer Spagatübung. Es gilt nicht nur, ein 50-jähriges Haus zu erneuern, sondern auch, eine Ikone der Architektur zu erhalten.»

Unikat in der Schweiz

Das Hochhaus im Luzerner Schönbühl-Quartier ist schweizweit der einzige Bau des finnischen Stararchitekten Alvar Aalto. Es entstand auf Initiative der Luzerner Familie von Schumacher und wurde nach gut dreijähriger Bauzeit 1968 fertiggestellt. Zeitgleich realisierte der Schweizer Architekt Alfred Roth mit dem damit verbundenen Shopping-Center Schönbühl das erste Einkaufszentrum der Schweiz.

Das Aalto-Hochhaus gliedert sich in 16 Vollgeschosse und eine Attika, gehört mit seinem polygonalen Grundriss auch heute noch zu den markantesten Gebäuden in Luzern und ist im Inventar schützenswerter Bauten der Stadt Luzern eingetragen. «Ästhetisch, städtebaulich und funktional ist das Hochhaus zum Siedlungsschwerpunkt des Quartiers geworden», würdigt Denkmalpflegerin Grünenfelder das Gebäude, das seit je ein beliebtes Besuchsobjekt für Architekturstudenten aus aller Welt ist.

Das Hochhaus von Alvar Aalto in Luzern.
Das Hochhaus von Alvar Aalto in Luzern. (Bild: pbu)

Der Geist des Architekten

Seitens der Bauherrschaft zeigt man sich entschlossen, die Handschrift Alvar Aaltos auch künftig erkennbar zu halten. Zu diesem Zweck wurde im Projektbericht klar definiert, welche Bauteile unbedingt erhalten bleiben müssen, damit man auch weiterhin guten Gewissens von einem Aalto-Hochhaus sprechen kann.

Allem voran betreffe dies die fächerförmige Gebäudestruktur mit den entsprechend gestalteten Wohnungen. «Dies ist ein Markenzeichen von Alvar Aalto und wird vollständig erhalten bleiben», betont Architekt Hergert. Ebenfalls praktisch unverändert bleibe die Gebäudefassade. Fenster und Sonnenstoren werden zwar ersetzt, aber stets seien es die Originalpläne, die hierbei den Takt vorgäben.

Viele Baudetails werden aufgefrischt, um die Verknüpfung mit Aaltos Gesamtwerk aufrechtzuerhalten. Hierzu zählen zum Beispiel die blauen keramischen Kacheln, die sich überall im Gebäude finden, diverse Schreinerarbeiten, die raumhohen Wohnungstüren oder die Raumteiler aus vertikalen Holzlamellen. «Der Erhalt dieser Bauteile wird viel zum Charakter des Gebäudes beitragen», sagt Hergert.

Die vom Stararchitekten entworfenen Wohnungen stossen bei den Besuchern auf reges Interesse.
Die vom Stararchitekten entworfenen Wohnungen stossen bei den Besuchern auf reges Interesse. (Bild: pbu)

Komfort im Kulturerbe

Grundlegende Veränderungen werden hingegen die Wohnungen selbst erleben. Viele von ihnen wurden bereits auf den Rohbau zurückgebaut. Die elektrischen Installationen werden komplett ersetzt und auf den heutigen Stand gebracht. Böden, Wände, Fenster, Küchen, Nasszellen: Alles wird erneuert. Zudem werden Radiatoren- durch Bodenheizungen ersetzt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf knapp 23 Millionen Franken.

Dies wird sich auf die Mietkosten niederschlagen. Eine 1,5-Zimmer-Wohnung wird je nach Etage voraussichtlich zwischen 800 und 1500 Franken kosten. Für bestimmte 4,5-Zimmer-Wohnungen wird man schätzungsweise bis zu 3400 Franken bezahlen müssen. Im August 2019 soll das Gebäude bezugsbereit sein, wobei bisherige Mieter einen Vorzug erhalten sollen.

Die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder schildert, wie es vor einem halben Jahrhundert im Luzerner Schönbühl-Quartier ausgesehen hat.
Die kantonale Denkmalpflegerin Cony Grünenfelder schildert, wie es vor einem halben Jahrhundert im Luzerner Schönbühl-Quartier ausgesehen hat. (Bild: pbu)

Hochhaus-Polemik

Nach rund einer Stunde ist die Führung zu Ende. Beim Verlassen des Lifts ist die imposante Eingangshalle bereits wieder mit Menschen gefüllt. Der zweite von insgesamt vier Rundgängen steht an. Dass der Besucherandrang derart gross ist, liegt wohl auch daran, dass Hochhäuser seit jeher die Gemüter spalten. So lassen sich denn auch unter den Besuchern im Aalto-Hochhaus konträre Meinungen vernehmen. «Ich bin nur hierher gekommen, um zu sehen, wie es in dem Gebäude aussieht, das mir seit Jahren die Sicht versperrt», äussert sich etwa eine Besucherin gegenüber ihrer Begleitung.

Andere hingegen sind begeistert. Von «architektonischem Juwel» ist mitunter die Rede. Ein junges Pärchen schmiedet gar bereits Einrichtungspläne. Dass ein Gebäude wie das Aalto-Hochhaus polarisiert, dessen sind sich Denkmalpflegerin Grünenfelder und Architekt Hergert bewusst. Letzterer gibt sich allerdings pragmatisch: «Es gibt nicht viele Menschen, die in einem Aalto-Rohbau standen», sagt er, um nach einer kurzen Kunstpause anzufügen: «Sie gehören nun aber dazu.»

Einer der «grossen Vier»

 

Hochhaus-Schöpfer Alvar Aalto (1898–1976) zählt neben Le Corbusier, Mies van der Rohe (D) und Frank Lloyd Wright (USA) zu den «grossen Vier» der Architektur des 20. Jahrhunderts. Neben Wohn- und Bürogebäuden hat sich Aalto auch als Möbeldesigner einen Namen gemacht. Ebenso entwarf er Textilien und Glaswaren, wobei die «Aalto-Vase» sein populärstes Designobjekt werden sollte.

 

Mehr Bilder vom Aalto-Hochhaus finden Sie in der Bildergalerie:

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