Sie erschüttern den Zuger Hafen: Stereo Luchs & The Scrucialists. (Bild: mam)
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Sie erschüttern den Zuger Hafen: Stereo Luchs & The Scrucialists. (Bild: mam)

Stereo Luchs zeigt, welche Musik am besten zu Schweizerdeutsch passt

7min Lesezeit

Bereits letztes Jahr hatten die Organisatoren des Rock-The-Docks-Festival mit Weibello und dem Bieler Rapper Nemo zwei der spannendsten Hip Hopper engagiert, die das Land derzeit zu bieten hat. Heuer folgten auf die beiden Newcomer die Fortgeschrittenen – und einige tolle musikalische Trouvaillen.

Markus Mathis

Am Ende eines heissen Festival-Sommers steht das Zuger Gratis-Open-Air Rock the Docks, das heuer das elfte Mal über die Bühne geht. Der Eröffnungsabend am Freitag sorgte für eine überraschende Erkenntnis: Mundart-Musik passt am besten zu jamaikanischen Rhythmen.

Doch bevor dies Stereo Luchs, einer der derzeit aufregendsten Musiker der Schweiz, zeigen konnte, wurde das Rock the Docks am frühen Freitagabend durch eine Combo aus der rührigen Zuger Rapszene eröffnet: Änetsee, zwei Mittezwanziger aus Hünenberg, die zusammen mit OG Flurin auf der Hauptbühne auftraten.

Entspannter Auftakt

Andrin Jost und Elias Honegger machen einen bemerkenswert enspannten und Trap-beeinflussten Hip Hop – ein idealer Einstieg in das Wochenende voller musikalischer Entdeckungen.

 

Auf der Nebenbühne zeigte darauf die Bernerin Ta'Shan, dass auch aus der Schweiz absolut hörenswerter R'n'B kommen kann, bevor es dann ans Eingemachte ging: Fratelli-B – die Rap-Gebrüder Bisig.

Zusehends massentauglich

Ursprünglich aus Baar stammend, gehören sie mittlerweile zum musikalischen Gencode der Stadt Zug und haben mit «Mini Stadt» auch so etwas wie die alternative Hymne der Kolinstadt entworfen.

Die beiden haben nach einigen Jahren mit der Möchtegang im Frühling wieder mal ein eigenes Album aufgelegt – ihr bereits sechstes. «Per Du» kletterte auf Platz drei in den Schweizer Albumcharts und zeigt, wie abgeklärt Flap und Chandro mittlerweile geworden sind. Das heisst allerdings nicht, dass sie auf der Bühne an Wucht und Dynamk verloren hätten, wie sie am Zuger Hafen bewiesen.

Die Fratelli traten mit Weibello, Aurel Hasler und Mü man auf, spielten ein durchmischtes Set aus alten und neuen Songs und Chandro unterhahm ein Ausfluf mit dem Gummiboot – darauf wurde er durchs Publikum getragen.

Beim Heimspiel: Fratelli-B.
Beim Heimspiel: Fratelli-B. (Bild: Rolf Fassbind)

Ausbruch aus dem Reservat

Den krönenden Abschluss des Abends lieferte danach Silvio Brunner alias Stereo Luchs aus Zürich, der mit der Basler Band The Scrucialists durch die Festivallandschaft tourt. Seit er im vergangenen Jahr auf seinem Zweitling «Lince» Gassenhauer wie «Ufe» veröffentlicht hat, ist der Dancehall-Sänger Dauergast in den heimischen Radio-Stationen und gehört zu den aufregendsten Musikern der Schweiz.

Dies, weil er aus dem Revier des klassischen Mundart-Reggae ausgebrochen ist und seine urbane Musik mit Hip-Hop, R'n'B und Pop anreichert. Seine Wurzeln indes wurden am Rock the Docks immer wieder hörbar und liessen Zeit, über die Frage nachzudenken, warum Dialekt-Reggae ausgerechnet in Zürich kultiviert wurde.

Stereo Luchs & The Scrucialists.
Stereo Luchs & The Scrucialists. (Bild: mam)

Lösung eines Problems

Liegt es daran, dass Zürichdeutsch mit seinen Kehllauten und offenen Vokalen problematisch für Musik ist? Jedenfalls geht dem Dialekt die Melodizität des Berndeutschen ab, die Weichheit des Basler Mundart und der Charme des Bündnerischen.

Jedoch harmonieren die Lautlichkeit und der Sprachrhythmus des Schweizerdeutschen perfekt mit Musikstilen, die in Jamaika entwickelt wurden – Roots Reggae, Dancehall und den zugehörgen Crossover.

Sonne im Herzen

Diesen Verdacht, den in der Vergangenheit Musiker wie Phenomden oder Dodo immer wieder genährt hatten, bestätigte Stereo Luchs in eindrucksvoller Weise. Und während Dub-Fetzen und Steelsounds über die Zuger Schützenmatt schwaderten, fragte man sich, ob die Deutschschweizer Mentalität nicht auf eine verquere und überraschende Art mit der Sonne der Karibik gekoppelt ist.

Die Sonne liess sich am Freitag in Zug freilich nicht blicken und bei der ersten längeren Zugabe von Stereo Luchs & The Scrucialisits öffnete der Himmel seine Schleusen und setzte dem ersten Festivalabend ein Ende.

Eine Wucht: Ikan Hyu.
Eine Wucht: Ikan Hyu. (Bild: mam)

Ikan Hyus Gitarrengewitter

Zeit für eine Zwischenbilanz: Erstens, die Neuausrichtung, auf ausschliesslich Schweizer Acts hat sich gelohnt, denn es gibt mittlerweile viele interessante Bands, die sich auf hohem Niveau bewegen (zentralplus berichtete). Darunter immer wieder Trouvaillen.

Am Freitag war es das Frauenduo Ikan Hyu, welches die zweite Umbaupause auf der Nebenbühne überbrückte. Hannah Bissegger und Anisa Djojoatmodjo plus ihre Maschinerie kombinieren krachenden Rock mit Noise und Electro-Pop – und nennen diesen Stil selber «Elastic Plastic Future Space Pop». Gerade die orgiastischen Gitarren-Ausbrüche von Djojoatmodjo hätten eigentlich eine grössere Bühne und eine bessere Verstärkung verdient. 

Wenig Saft auf der Nebenbühne

So musste man tief ins Musikzelt vordringen und sich den Damen beinahe vor die Füsse werfen, um in ihre Klangwelt einzutauchen. Wer am Rande des Musikzelts stehen blieb, hatte die Scrucialists im Ohr, die sich in einem langen Soundcheck für ihren Auftritt auf der Hauptbühne einspielten.

 

Dies blieb der einzige Wermustropfen am Festival, das mittlerweile sehr gut organisiert und angenehm zu besuchen ist. Was Lust auf mehr macht, wenn am Samstag neben Headlinern wie Stiller Has oder Crimer auch Entdeckungen wie etwa die Sprungfeder-Gewinner Cabinets aus Nidwalden auf dem Programm stehen oder mehrere vielversprechende Singer-Songwirter am Sonntag.

Rock The Docks: Musik am Samstag ab 14.30 Uhr, am Sonntag ab 14 Uhr. Stadtbahnhaltestelle Schutzengel oder 10 Minuten Fussmarsch vom Bahnhof Zug.

 

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