Operette im Taschenformat: Die Werke sind auf eine Stunde gekürzt. (Bild: Lina Friedrich)
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Operette im Taschenformat: Die Werke sind auf eine Stunde gekürzt. (Bild: Lina Friedrich)

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Zum neunten Mal in Folge zeigt die Quickchange Company in der Zuger Gewürzmühle «Operetten im Taschenformat». Am Sonntagabend: «Frau Luna». Vor ausverkauften Reihen und im Lichte der letzten Sommertage inszenierte Björn B. Bugiel den Klassiker von Paul Lincke mit viel Tempo, Charme und tollkühnen Kostümen.

Lina Friedrich

Die Zuger Gewürzmühle ist klein, aber fein. Umringt von Bäumen sitzt man wie daheim in Gartenstühlen mit zur Verfügung gestellten Decken und Faserpelzjacken. Die Atmosphäre ist familiär – ein ungewohnter Rahmen für Operetten, aber diese passen sich dem Umfeld an: Die grossen Werke, die die Quickchange Company spielt und singt, sind auf etwa eine Stunde gekürzt.

Dass bei so viel Abspecken trotzdem nichts fehlt, überrascht. Die Stunde ist im Nu herum, es wird temporeich gespielt. Dieses Jahr bringt das Ensemble im Rahmen des Operettensommers «My Fair Lady», «Im Weissen Rössel» und – wie gesagt – «Frau Luna» auf die Bühne: Die Reise geht bei Letzterer von Zug aus direkt ins Herzen von Berlin, 1899.

The Man in the Moon is a Lady

Berauscht vom Geiste des Goldenen Zeitalters und den Siebenmeilenschritten, mit denen sich die Technik entwickelt, träumt der Mechaniker Fritze Steppke (Andres Esteban) davon, ein eigenes Luftschiff zu bauen – ganz so wie sein grosses Vorbild, Graf Zeppelin. Weder seine Verlobte Marie (Ronja Borer) noch seine Vermieterin (und Maries Tante) Frau Pusebach (Nicole Sieger) können sich für diese Träumereien erwärmen und Fritzes Freunde Pannecke und Lämmermeier (Björn B. Bugiel, Martin Bacher) halten auch nicht sonderlich viel von seinen Plänen.

Doch Steppke weiss: Er will zum Mond fliegen. Wider Erwarten kommt ihm eines Nachts der «Mann im Mond» höchstpersönlich zu Hilfe und schickt ihm ein Luftschiff, die Reise geht los. Nebst Steppkes Freunden, die nun doch auch ein Abenteuer wittern, kommt die blinde Passagierin Frau Pusebach mit, die ihren Verlobten Pannecke scharf im Auge behalten will. Einmal auf dem Mond angekommen, staunen die Erdlinge nicht schlecht, denn der Mann im Mond ist eine vornehme Dame, Frau Luna genannt (Raya Sarontino), die mit viel Güte und Eleganz einen Hofstaat aus mehr oder minder qualifiziertem Personal (Andreas Fitze, Ronja Borer, Bea Rohner) regiert.

Umringt von Bäumen sitzt man wie daheim im Gartenstühlen.
Umringt von Bäumen sitzt man wie daheim in Gartenstühlen. (Bild: Lina Friedrich)

Nach einigen amourösen Irrungen und Wirrungen und einer Begegnung mit Weltallprinz Sternschnuppe (Martin Bacher) geht es für Steppke und Co. zurück auf die Erde, wo er erstmal seine Marie heiraten will, die ihn alsbald noch mit einer Überraschung von den Socken haut: Sie hat die Pläne ihres Versprochenen dem Grafen Zeppelin geschickt und der will den jungen Berliner nun einstellen, das Happy End ist perfekt.

Risikofaktor Stimme

Was nun vielleicht aufgefallen ist, sind die Mehrfachbesetzungen im Ensemble, und genau diese wurden der Company diesen Sommer zum Verhängnis: Martin Bacher fiel wegen einer schweren Angina fast vollständig aus. Am Sonntagabend war er so weit wieder fit, dass er spielen konnte, jedoch weder sprechen noch singen – und das bei gleich drei Rollen. Pragmatisch und ganz nach Troubleshooter-Manier wurde kurzerhand ein Sprecher engagiert, der Bachers Textstellen übernahm, und seine Lieder sang Andres Esteban aus dem Off.

Die Offenheit, mit der Bugiel mit der unglücklichen Lage umging, war sympathisch und machte die Tatsache, dass Bacher beim Reden den Mund nicht bewegte, wieder wett: Zum Schmunzeln war’s, wenn seine Leihstimme seine Zeilen sprach und er dazu schauspielerte. Bachers bedauernswerte Erkrankung war denn auch einer der sehr wenigen Wermutstropfen, die «Frau Luna» trübten (Sarontino war zwar heiser, das hat aber keiner gemerkt), denn die Sänger- und Schauspielertruppe füllte die kleine Gartenbühne zum Bersten voll mit Unterhaltung.

«Frau Luna» auf der kleinen Bühne im Freilichthof der Gewürzmühle Zug.
«Frau Luna» auf der kleinen Bühne im Freilichthof der Gewürzmühle Zug. (Bild: Lina Friedrich)

Tanz, Spiel und Gesang kamen von Herzen, das Live-Orchester neben der Bühne (Jonathan Stich, Noelle Grüebler, Karin Mazenauer, Cécile Grüebler) spielte mit einem Lächeln auf den Lippen. Herausragend trat besonders Esteban hervor, der seine Figur mit Dynamik und viel Esprit zum Leben erweckte, sodass die kleine Bühne plötzlich ganz gross schien.

Sieger spielte und sang die garstige Jungfer Pusebach so temperamentvoll, dass sie aus der Antiheldin mit Leichtigkeit einen Liebling machte. Auch die noble Herrscherin über den Mond war mit Sarontino perfekt besetzt, ihre Ausstrahlung und Stimme trugen Frau Luna weit über den Gartenzaun in der Gewürzmühle hinaus.

Die Primadonna im Garten

Der Gegensatz zwischen der Opulenz des Stoffes und der beschaulichen Umgebung zog sich wie ein roter Faden durch die Produktion und machte die Operette im Taschenformat zum einzigartigen Erlebnis. Wenn schillernde Figuren in aufwendigen, paillettenschweren Kostümen über die Bühne flirren, Arien wie «Schlösser, die im Monde liegen» (gefühlvoll von Ronja Borer) ertönen oder alle zusammen «Das ist die Berliner Luft» schmettern, so fühlt es sich an, als hätte man sich eine hochkarätige Berliner Showtruppe in den heimischen Garten beordert. Ein Widerspruch, der die ganze Stunde hindurch seltsam bleibt, aber ungemein fasziniert.

Dass nach der Operette in einer urgemütlichen, ebenfalls sehr heimelig anmutenden Bar fürs leibliche Wohl mit selbst gebackenem Kuchen und Gebäck gesorgt ist, macht den Genremix komplett. Nächstes Jahr feiert der Operettensommer sein zehnjähriges Bestehen, man darf sich darauf freuen. Tickets für die laufende Saison sind ebenfalls noch ein paar wenige erhältlich. Hingehen soll, wer sich schon bei Limonade und Bier eine Primadonna an die Gartenparty gewünscht hat.

Zuger Operettensommer: noch bis 2. September, Freilichthof der Gewürzmühle Zug

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