Die weissen Wände sind Geschmacksache. Doch wie sieht’s mit der Akustik aus im KKL-Konzertsaal? (Bild: Emanuel Ammon/Aura)
Kultur Musik

Die weissen Wände sind Geschmacksache. Doch wie sieht’s mit der Akustik aus im KKL-Konzertsaal? (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Ein «Haus voller Fehler»? Das halten Experten vom KKL

9min Lesezeit

Der Konzertsaal des Luzerner KKL wird 20 Jahre alt und musste jüngst harsche Kritik einstecken. Andere Experten widersprechen: «Die Zürcher und Basler haben es nicht hinbekommen, einen Saal mit grosser Vision und Mut zu bauen», sagt Michael Kaufmann. Doch es gibt durchaus Punkte, die man verbessern könnte.

Sie strahlt noch immer weit über Luzern hinaus: Die «Salle Blanche» ist das Herzstück des Kultur- und Kongresszentrums. Die 20 Jahre, die der Saal dieses Jahr feiert, sieht man ihm nicht an. Die Architektur von Jean Nouvel und die Akustik von Russel Johnson begeistern noch immer. Mit zwei Konzerten am Samstag und Dienstag feiert das KKL den runden Geburtstag (siehe Box).

In die noblen Feierlichkeiten passen die harschen Worte gar nicht, die der Kritiker der «NZZ am Sonntag» kürzlich gewählt hat. Christian Berzins nahm das Jubiläum zum Anlass für einen Rundumschlag und bezeichnet das KKL als «Haus voller Fehler» (zentralplus berichtete). Der Mann polarisiert gern und wurde auch schon «Roger Köppel der Musikkritik» genannt.

Aber was ist dran an der angeblichen «Fehlkonstruktion»? Den Luxussitzen, die «egoistisches Benehmen fördern»? Der schlechten Sicht und der durchschnittlichen Akustik, die der Kritiker bemängelt? Wir haben drei Experten gefragt, die den KKL-Konzertsaal gut kennen.

Ein «nicht perfekter» Saal mit konkurrenzloser Lage

Susanne Kübler, Kulturredaktorin beim «Tages-Anzeiger», teilt die Kritik von Berzins nicht – obwohl auch sie den Saal «nicht perfekt» findet. Doch jeder Konzertsaal habe Fehler oder ungünstige Plätze. «Ich mag die weisse Farbe der Wände und das künstliche farbige Licht in den Nischen nicht besonders», sagt sie. Aber entscheidend sei, ob das Ganze stimmt. «Das KKL ist zwar nicht mein Lieblingssaal, aber ich gehe gerne hin», sagt sie.

«Die ersten Reihen sind nicht ideal, das sind sie aber in keinem Saal.»

Susanne Kübler, «Tages-Anzeiger»

Das gelegentlich unruhige Benehmen im Saal hat für Kübler nichts mit den Sitzen oder dem Saal zu tun: «Bequeme Sitze sind doch gut!» Viel eher sei das Verhalten der Zusammensetzung des Publikums geschuldet: «Viele gehen hin, weil sie von Sponsoren eingeladen werden oder weil ‹man› da einfach hingeht. Die mögen dann jeweils nicht ruhig zuhören, was zuweilen tatsächlich stört.»

Zur kritisierten Sicht meint Susanne Kübler: «Die ersten Reihen sind nicht ideal, das sind sie aber in keinem Saal. Und die vorderen Reihen auf dem obersten Balkon sind tatsächlich nur für Schwindelfreie. Aber die allermeisten Plätze sind gut bis sehr gut.»

Blick von der Bühne in der Zuschauerraum des Weissen Saals.
Blick von der Bühne in den Zuschauerraum des Weissen Saals. (Bild: zvg/KKL Luzern)

Fehlende «physische Qualität»

Am ehesten lässt die Klassikexpertin die Kritik an der Akustik gelten, die sie im KKL auch nicht besonders möge: Die Klangästhetik ähnele vielen anderen Sälen der letzten zwei Jahrzehnte. «Es ist so eine CD-Akustik: Man hört alles, aber der Klang wirkt meist distanziert, er hat keine physische Qualität – respektive nur selten.» Gewisse Dirigenten hätten den Saal gut im Griff: «Abbado etwa hat hier wunderbare Klangerlebnisse geschaffen.»

Sie fasst ihr Urteil so zusammen: «Der Saal ist gut, aber nicht mehr.» Das Besondere daran sei der Bau, in dem er sich befindet: «Die Lage ist konkurrenzlos, die Aussenarchitektur spektakulär, der Eingangsbereich originell.»

Bester Konzertsaal der Schweiz

Für Benjamin Herzog, Musikredaktor bei Radio SRF 2 Kultur, zählt in erster Linie der akustische Eindruck. «Und der ist meines Erachtens hervorragend», sagt er. Moderne Konzertsäle wie das KKL hätten diese nüchterne Akustik. «Sie sind weder traditionsaufgeladener Raum wie der Musikverein in Wien noch eine Kirche mit der entsprechenden Aura.»

«Wie soll man ein Programm lesen, wenn man nicht in ihm blättern kann?»

Benjamin Herzog, Radio SRF 2 Kultur

Die Geschmäcker seien hier verschieden: «Ich mag’s nüchtern, andere suchen im Konzert das Heilige und brauchen eine entsprechende Aura dafür.» Auch was die optische Ästhetik anbelangt, sei die Salle Blanche gelungen, «das Auge ‹hört› bekanntlich mit».

Susanne Kübler («Tages-Anzeiger»), Benjamin Herzog (Radio SRF 2 Kultur) und Michael Kaufmann (Hochschule Luzern).
Susanne Kübler («Tages-Anzeiger»), Benjamin Herzog (Radio SRF 2 Kultur) und Michael Kaufmann (Hochschule Luzern). (Bild: zvg)

Die Argumentation mit den Luxussitzen findet Herzog an den Haaren herbeigezogen: «Will jemand Bonbons auspacken, dann tut er das auch auf einem harten Schemel», so Herzog. «Und wie, bitteschön, soll man ein Programm lesen, wenn man nicht in ihm blättern kann?» Dass die Garderoben eng ausgefallen sind, findet auch Herzog. «Wie in der Philharmonie de Paris auch, nur dass das Personal dort wesentlich schneller ist als in Luzern.»

Auch die Akustik findet Herzog übrigens in der Philharmonie de Paris – ebenfalls von Jean Nouvel gebaut – «einen Tick runder». Allerdings komme es dort bereits nach zwei Jahren zu Verschleisserscheinungen und der Bau hat die Kosten um das Doppelte überschritten. «Mit der Folge, dass sich Architekt Nouvel von dem Projekt offiziell distanziert hat», so Herzog.

Alles in allem sagt der Klassikexperte bei Radio SRF zur Bedeutung des Nouvel-Baus: «Das KKL gehört zu den besten Konzertsälen der Schweiz.» Als Hörer würde er am grossen Saal nichts ändern. Anders im kleineren Luzerner Saal: «Den könnte man tatsächlich verbessern – akustisch wie optisch.»

Jubiläumskonzerte im KKL

Der KKL-Konzertsaal wird 20 Jahre alt, das wird mit zwei Konzerten gefeiert: Am 11. August kommt mit «Haçienda Classiçal» ein neues Format auf die Bühne, das junge Besucher ansprechen soll. Hits aus den 80er- und 90er-Jahren werden gemeinsam von DJS, dem Zentralschweizer Jugendsinfonieorchester und einem Chor aus Manchester auf die Bühne gebracht.

Am 14. August gibt’s ein Benefizkonzert mit dem Lucerne Festival Orchestra (Leitung: Riccardo Chailly) und dem Luzerner Sinfonieorchester (mit Hélène Grimaud) – die beiden Orchester stehen erstmals am gleichen Abend auf der Bühne. Der Erlös des Konzerts geht ans geplante «Lucerne Music Lab»: Die neue Erlebniswelt soll Leute ins KKL locken, wenn keine Konzerte stattfinden, und die Welt der klassischen Musik erlebbar machen.

Spitzenorchester können nicht irren

Auch Michael Kaufmann, Direktor der Musikhochschule Luzern, kennt den KKL-Konzertsaal sehr gut und vergleicht ihn mit anderen modernen Spitzensälen. Er ist schon mehrmals an Konzerten in der Elbphilharmonie in Hamburg und in der Philharmonie de Paris gewesen.

Von der Kritik – ja den «Unterstellungen» – in der «NZZ am Sonntag» hält er gar nichts, er findet sie schlicht irrelevant. «Verglichen mit anderen Konzertsälen ist die architektonische und akustische Qualität im KKL-Konzertsaal absolut Spitze, der Saal ist für die Musikszene ein zentraler Ort», sagt er. «Das ist ein Fakt, das bestätigen alle Dirigenten, Solistinnen und Orchestermusiker, die hier aufgetreten sind – auch Jazzer oder Popbands.» Die würden nicht wegen der Stadt oder dem Pilatus hierherkommen, sondern wegen der Qualität dieses Saals.

Fakt ist für Kaufmann auch: «Die internationalen Spitzenorchester spielen nicht in Basel, Bern oder Zürich.» Denn die Konzertsäle in diesen Städten hätten nie die Ausstrahlung wie in Luzern. «Die Zürcher und Basler haben es nicht hinbekommen, einen Saal mit grosser Vision und Mut zu bauen.»

Nicht von allen Sitzen hat man eine ideale Sicht auf die Bühne, lautet ein Vorwurf an den Konzertsaal.
Nicht von allen Sitzen hat man eine ideale Sicht auf die Bühne, lautet ein Vorwurf an den Konzertsaal. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Der Vorteil der «Schuhschachtel»

Dass man nicht von allen Plätzen eine optimale Sicht auf die Musiker habe, komme in allen Sälen vor. Entscheidend ist für Kaufmann vielmehr, dass es auf jedem Platz gut töne – selbst in der hintersten Reihe auf dem vierten Balkon.

«Kritik ist da absolut fehl am Platz.»

Michael Kaufmann, Musikhochschule Luzern

Das sei der grosse Vorteil der traditionellen «Schuhschachtel», wie der Saal in Luzern gebaut ist: Die Akustik sei auf allen Plätzen gleich, im Gegensatz zu den Arena-Sälen wie in Hamburg oder Paris. «Auch die Elbphilharmonie ist ein guter Konzertsaal mit einer lebendigen Akustik, aber es gibt sehr grosse Unterschiede zwischen den Plätzen.» In Luzern muss ich also nicht mal die teuersten Billette kaufen für ein Top-Klangerlebnis. «Kritik ist da absolut fehl am Platz, ich bin ein Fan von diesem Format», so Kaufmann.

Er prophezeit dem KKL-Konzertsaal noch eine lange Zukunft, der Saal werde auch in 75 Jahren noch populär sein. Denn das KKL besteche nicht nur musikalisch und architektonisch, sondern mit seiner städtebaulichen Wirkung: «Es gehört zu Luzern wie die Kapellbrücke, das ist doch das Schönste.»

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur