Der ehemalige Sekundarlehrer Max Huwyler kam erst mit 50 Jahren zum Gedichteschreiben. (Bild: wia)
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Der ehemalige Sekundarlehrer Max Huwyler kam erst mit 50 Jahren zum Gedichteschreiben. (Bild: wia)

«Schreiben Sie jetzt meinen Nachruf?»

5min Lesezeit

Am Samstag erhält der Zuger Lyriker und Autor Max Huwyler den Ehrenpreis der Zuger Kulturschärpe. zentralplus hat den 86-Jährigen besucht. Und traf auf einen Mann, der herzlich wenig von Nostalgie hält. Dafür umso mehr von Galgenhumor.

Max Huwyler versteht nicht ganz, warum man um seine Person so viel Aufhebens macht. Dass eine Journalistin extra für ein Porträt vorbeischaut, verwundert den 86-jährigen Zuger und scheint ihn etwas zu beschämen.

Dabei hat er einiges geleistet, der Dichter und Autor, der sowohl für seine Kinder- und Jugendliteratur als auch für seine manchmal verschmitzten, manchmal bitteren Mundart-Gedichte bekannt ist. Und der für einige seiner Werke schon ausgezeichnet wurde, etwa mit dem Schweizer Jugendbuchpreis und dem SRG-Medienpreis. Ausserdem verfasste der Zuger ein Deutsch-Lehrmittel, das im Kanton Zürich rege benutzt wurde. Am kommenden Samstag erhält Max Huwyler den Ehrenpreis der Zuger Kulturschärpe.

Zwischen Weltkonzernen und Riesenbaum

Wir besuchen Max Huwyler zuhause im Wohnblock der Grafenau-Siedlung. Wenn irgendwo in Zug der Bär steppt, dann hier. Rund um Huwylers Wohnblock befinden sich Weltkonzerne und Grossfirmen. Im selben Wohnhaus sind einige Briefkastenfirmen angemeldet.

«Meine Frau und ich wohnen gern in der Grafenau», sagt Huwyler. Er deutet auf die imposante Eiche, die stoisch im hellen Hof zwischen Geschäftsgebäuden steht und der Schnelllebigkeit trotzt. «Ausserdem sind es von hier aus nur drei Minuten zum Staatsarchiv, eine Fundgrube für Recherchen, wo ich gerne Zeit verbringe», sagt der Pensionierte.

Gedichte, die Jahre an Denkarbeit benötigen

Während er spricht, lotst uns Huwyler in Richtung Arbeitszimmer. Der Gang ist gesäumt von Kunstwerken. Jedes Bild hat eine eigene Geschichte, zu jedem der Künstler scheint er einen persönlichen Bezug zu haben. Sein Arbeitszimmer ist aufgeräumt und wirkt dennoch «gschaffig». Da stehen Gedichtbände, Ordner und Papierstapel. Letztere sind säuberlich abgelegt, klar sortiert nach Projekten, Aufträgen und angefangenen Gedichten und Geschichten, die noch einiger Denkarbeit bedürfen.

«Ich bin in einem Alter, in dem es mir egal ist, was ausstirbt.»

Max Huwyler, Zuger Dichter

Gedichte schreibt Huwyler in Hochdeutsch und Mundart. Oft sind sie nur ein paar Wörter lang. Der Pensionierte versucht, die kürzestmögliche Form zu finden. Der Entscheid, Mundart zu wählen, kann an einem Wort liegen, am Tonfall und Rhythmus. Entwürfe bleiben lange liegen. Manchmal Jahre.

Dennoch ist Huwyler keiner, der sich mit Leib und Seele für den Erhalt seines Dialekts einsetzt. «Ich bin in einem Alter, in dem es mir egal ist, was ausstirbt», sagt er. «Ich gehöre ja auch dazu», fügt er schmunzelnd hinzu. Der Dichter wählt seine Worte mit Bedacht, nimmt sich Zeit. Hin und wieder steht er während des Gesprächs plötzlich auf, holt Bücher, zeigt Textstellen, um das Gesagte zu illustrieren.

Die Zuger Kulturschärpe

Die Kulturkommission der Stadt Zug zeichnet jährlich Menschen aus der Kultur aus, die sich um das soziokulturelle und künstlerische Leben in Zug verdient gemacht haben. Sie verleiht die Zuger Kulturschärpe an Projekte, die verschiedene Kulturen und Nationen, unterschiedliche Sichtweisen und Ausdrucksformen zueinander bringen und das gesellschaftliche und kulturelle Zusammenleben fördern. Neben dem Haupt- und dem Nebenpreis wird immer auch ein Ehrenpreis verliehen.

Huwyler ist in Zug geboren und aufgewachsen. Das hört man. 25 Jahre im Kanton Zürich – wo er auf der Sekundarstufe unterrichtete – vermochten seinem Dialekt nur wenig anzuhaben. Auch wenn der ehemalige Lehrer befindet: «Den Zuger Dialekt gibt es eigentlich gar nicht.» Denn der Tonfall ändere sich kleinräumig. Die Chamer orientierten sich an Luzern, die Baarer an Zürich und die Ägerer und Walchwiler an Schwyz.

Zurückgekehrt in die Zentralschweiz sei er auf Wunsch seiner Frau. «Diese Zuger Meitli haben so eine Seesucht», sagt er lakonisch.

So gar kein Nostalgiker

Viel hat sich in seinem Wohnkanton verändert, seit Max Huwyler hier aufgewachsen ist. Das Zug aus den Dreissiger- und Vierzigerjahren vermisst er nicht. «Da gab es Rivalitäten unter den einzelnen Quartieren. Die Burgbächler fühlten sich besser als die Neustädtler. Das hatte einen sehr dörflichen Charakter», erzählt er. Dieses Dörfliche kann doch auch schön sein, birgt es doch eine gewisse Heimeligkeit. Darauf sagt Huwyler bestimmt: «Ich habe etwas gegen Heimeligkeit.» Überhaupt sei er ganz und gar kein Nostalgiker.

«Diese Zuger Meitli haben so eine Seesucht.»

Max Huwyler, Zuger Dichter

Auch wenn sich Max Huwyler nicht zurück wünscht in frühere Zeiten: So ganz geheuer ist es ihm nicht, wie sich Zug in den letzten Dekaden verändert hat. Die minimalistischen Gedichte, welche sich auch um seinen Geburtsort drehen, zeugen nicht selten von Schwermut, wie folgendes Beispiel zeigt:

ich atme

diese landschaft

ein

und habe daran

zu beissen

Früher ist Max Huwyler gerne gereist. Etwa nach Syrien und Jordanien. «Heute reise ich nur noch in der Schweiz.» Er habe das GA, sagt er. «Dann nehme ich Bleistift und Papier mit und setze mich in ein ruhiges Zugabteil.»  Er kennt die ruhigen Strecken im Eisenbahnnetz. «Bei meiner Rückkehr bringe ich sicher zwei neue Gedichtzeilen mit. Oder eine kleine Geschichte.»

Immer wieder während des Gesprächs wundert sich Huwyler darüber, was wir alles von ihm wissen wollen. Und sagt zum Schluss keck: «Schreiben Sie jetzt eigentlich meinen Nachruf?»

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