Fülle und Konsequenz: Künstler Samuel Imbach (links) und Kurator Henri Spaeti betrachten eines der Werke. (Bild: jwy)
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Fülle und Konsequenz: Künstler Samuel Imbach (links) und Kurator Henri Spaeti betrachten eines der Werke. (Bild: jwy)

Der Luzerner Künstler, der auszog und nicht mehr zurückkam

7min Lesezeit

Er schloss hier vor 40 Jahren die Kunsti ab – und war dann verschwunden. Samuel Imbach lebt seither von seiner Kunst in Düsseldorf, doch hier kennt ihn niemand. Nun hat ihn ein anderer Künstler ausgegraben.

Samuel Imbach hantiert mit seiner Kunst wie ein Arbeiter mit einer Rolle Packmaterial. Mit kräftigen Bewegungen hievt er das dicke Paket auf den Boden, reisst die Klebebänder ab und entrollt das Werk. Das ist keine subtile Kunst, das grossformatige, knallige Werk springt den Betrachter förmlich an.

Ab Samstag ist es zusammen mit Dutzenden weiteren Werken von Samuel Imbach aus den letzten 30 Jahren im Kunstraum Hermann in Hochdorf zu sehen. Die helle und hohe Halle war einst der Heizungsraum auf dem Areal der Kerzenfabrik Balthasar.

Aufgerollt wie Packmaterial: Samuel Imbach entrollt eines seiner Werke.
Aufgerollt wie Packmaterial: Samuel Imbach entrollt eines seiner Werke. (Bild: jwy)

Wenn man das Bild betrachtet, versteht man, was Kurator Henri Spaeti meinte: «Diese Bilder sind völlig ‹denäbe›.» Das ist es, was ihn an Imbach faszinierte. Der Künstler lacht und stimmt zu. «Ist es Kitsch oder nicht? Was läuft da genau? Diese Fülle, Vielfalt und Konsequenz, ich konnte es nicht zuordnen», sagt Spaeti, aber er habe sich mit den Bildern angefreundet.

Dazu kommt der Umstand, dass man Imbach in seiner Heimat Luzern kaum kennt und seine Werke hier noch nie zu sehen waren. Nachdem er in den späten 70er-Jahren in Luzern die Kunstgewerbeschule abschloss, zog es Imbach weg. Er studierte in London, Amsterdam und schliesslich Düsseldorf, wo er bis heute geblieben ist. Der Luzerner Künstler im deutschen Exil. «Das ist natürlich überspitzt ausgedrückt, aber es trifft es», sagt der 58-jährige Imbach.

Mit dem Denken ins Exil

«Früher hat man das so gemacht: Man hat die Schule für Gestaltung abgeschlossen und ging weg, nach Düsseldorf, Wien, Paris oder London», sagt Spaeti, der gleich nebenan sein eigenes Künstleratelier hat. Die meisten kamen wieder zurück, einige sind geblieben, «und das hat mich interessiert», sagt Spaeti.

Die Ausstellung

Die Ausstellung «Melting Borders» ist bis 15. Juli im Kunstraum Hermann in Hochdorf zu sehen (geöffnet Fr, Sa und So 15 bis 18 Uhr).

Vernissage: Samstag, 9. Juni, 17 Uhr. Der Künstler Samuel Imbach unterhält sich mit Heinz Stahlhut (Kunstmuseum Luzern) und Henri Spaeti (Kurator der Ausstellung) über «Luzerner Künstler im Exil».

Es wird auch das Thema der Vernissage sein: «Luzerner Künstler im Exil» (siehe Box). Das passt doppelt: Einerseits wegen des Exilanten Imbach, andererseits, weil Henri Spaeti hier mit seiner Galerie «Tuttiart» zu Gast ist. Die bisherigen Räume am St.-Karli-Quai in Luzern wurden kürzlich renoviert und zum Restaurant «Karl's Kraut» umgenutzt. Also stellt er nun an wechselnden Orten – im Exil – aus.

Und hier, in der Industrie von Hochdorf, fand Spaeti, dass es der richtige Ort sei, die Kunst von Imbach dem Luzerner Publikum zu präsentieren. «Dieser Raum ist ideal, um seine Arbeit zu zeigen», sagt Spaeti. «Ich durfte mit meinem Denken ins Exil, in die Periferie, und öffne mir so auch selber neue Horizonte.»

Welches Bild verbirgt sich da? Samuel Imbach und Henri Spaeti (rechts).
Welches Bild verbirgt sich da? Samuel Imbach und Henri Spaeti (rechts). (Bild: jwy)

One-Way-Ticket nach Liverpool

Seit 1984 lebt und wirkt Samuel Imbach also in Düsseldorf, der Ruhrstadt mit der weltberühmten Kunstakademie, wo schon Joseph Beuys oder Paul Klee und etliche andere Kunst-Grössen zu Gast waren. Sie ist heute noch ein wichtiger internationaler Anziehungspunkt – auch für Schweizer. «Sie studieren hier, ob sie bleiben, ist eine andere Frage», sagt Imbach. Eine andere, die auch erfolgreich in Düsseldorf geblieben ist, ist die Luzerner Künstlerin Pia Fries.

Imbach hatte nach seinem Abschluss keinen Plan, es war Zufall, dass er schliesslich über Umwege in Düsseldorf gelandet ist. Er hat noch am Tag der Abschlussprüfung ein One-Way-Ticket nach Liverpool gekauft, es war die Zeit, als der Punk gross wurde.

Schliesslich zog es ihn in die Besetzerszene von London, und er studierte an der hippen St. Martin's School of Art. «Viele studierten zwar Kunst, aber sie wollten alle nur Musik machen», so Imbach, was ihn weniger interessierte.

Die «Neuen Wilden»

Imbach hörte von den «Neuen Wilden», die anfangs der 80er die deutsche Kunstszene aufmischten. «Also landete ich irgendwann in Düsseldorf, zuvor wusste ich nicht mal, dass es die Stadt gibt», sagt er.

Er schrieb sich pro forma an der Kunstakademie ein: «Das war nötig, damit ich überhaupt eine Aufenthaltsbewilligung erhielt», erinnert sich Imbach. Aber vom Studieren hatte er eigentlich genug, er wollte in seinem Atelier mit Malen loslegen.

Und was hat ihn in Düsseldorf gehalten? «Ich bin hängengeblieben», sagt er schlicht. Es sei eine praktische Stadt, gut gelegen, mit ihren 600'000 Einwohnern nicht zu gross, aber Teil des riesigen Ruhrgebiets mit Städten wie Duisburg, Essen, Bochum oder Dortmund.

Der Kunstraum Hermann in Hochdorf.
Der Kunstraum Hermann in Hochdorf. (Bild: jwy)

Treuer Galerist

Samuel Imbach musste als Künstler öfters auch untendurch, und es wurde eng. Aber er hat es geschafft, seit über 30 Jahren von seiner Kunst zu leben, und musste nie was anderes jobben. Er hatte Glück, dass er früh einen Galeristen fand, der seine Kunst verkaufte und bis heute zu ihm gehalten hat. «Es waren die goldenen 80er», sagt er.

Und würde er einem heutigen Kunsti-Absolventen ebenfalls empfehlen, einfach die Koffer zu packen? «Weggehen ist sicher nicht falsch», sagt Imbach. Aber das Business sei viel härter geworden und die Konkurrenz viel grösser. «Heute haben die Jungen einen Fünfjahresplan, ich mach einfach weiter Kunst, egal, was passiert», sagt Imbach.

Aufmerksamkeit und Raum

Den Kontakt zu Luzern und der Kunstszene hat er verloren, er ist ein Beobachter aus der Ferne. Umso mehr freut es ihn, dass er hier mit der Retrospektive nun doch noch ein verspätetes Heimspiel erhält. «Henri hat mich ausgegraben», sagt der Künstler. Spaeti ergänzt: «Samuel Imbachs Arbeit verdient die Aufmerksamkeit und diesen Raum.»

Zu sehen ist in der Ausstellung ein Querschnitt. «Stills aus verschiedenen Serien», erklärt der Künstler. Und er hofft, dass damit auch der eine oder andere Sammler in der Zentralschweiz auf ihn aufmerksam wird – und merkt: Es gibt da ja diesen Luzerner Künstler in Düsseldorf …

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