Kniefall vor den Fans: Foreigner-Sänger Kelly Hansen ist ein Entertainer von Gottes Gnaden. (Bild: Marco Masiello)
Kultur Musik Rezension

Kniefall vor den Fans: Foreigner-Sänger Kelly Hansen ist ein Entertainer von Gottes Gnaden. (Bild: Marco Masiello)

Foreigner kamen, spielten – und alle lagen sich in den Armen

6min Lesezeit

Orchestrale Kraft und Rockpower, kann das gutgehen? Foreigner gastieren im Rahmen des Luzerner Retro-Festivals mit 100-köpfigem Orchester und Chor im KKL. Alte Songs in neuen Kleidern ergeben zwei Abende mit grossen Gefühlen.

Mathias Haehl

Rockbands mit Orchester, das gelingt nicht immer. Die Scorpions erlitten einst in einer portugiesischen Kirche im orchestralen Bombast förmlich Schiffbruch. Deep Purple fassten die Idee als Duell auf, da wurde nicht mehr locker aus der Hüfte musiziert, sondern lautstark gegen das Begleitorchester angerockt und das Publikum verstört.

Es gibt aber auch gelungene Experimente, wenn einer Band die guten Ideen zu melodieseligen Songs ausgehen. Wenn man aus anderer Perspektive auf längst vergangene Zeiten zurückblicken möchte, in denen man die Welt bewegte und die Charts auf Trab hielt, kann der alte Wein in neuen Schläuchen auch schön trunken machen: Led Zeppelin etwa baten ägyptische Musiker auf die Bühne und destillierten aus ihren Stücken neue psychedelische Facetten.

Ein Jahr lang Arbeit

Und jetzt eben Foreigner, die vor einem Jahr schon zweimal das KKL ausverkauft und begeistert hatten. Ein Jahr lang arbeiteten sie an den orchestralen Arrangements der zahlreichen Foreigner-Hits – das Ergebnis hörte sich schon damals spektakulär an und begeisterte im Mai 2017 das Publikum mit zwei ausverkauften Konzerten in Luzern. Die soeben erschienene CD und DVD «Foreigner With The 21st Century Orchestra & Chorus» ist ein gelungenes Best-Of der Live-Aufnahmen dieser beiden Konzerte und führt in den USA gar die Klassik-Charts an (zentralplus berichtete).

 «Eine völlig neue Dimension.»

Ur-Mitglied Mick Jones 

Bandgründer und einziges verbliebenes Ur-Mitglied Mick Jones (73) spricht von einer «völlig neuen Dimension» ihrer Musik, welche die Komponisten Chuck Palmer und Dave Eggar mit ihren neuen Arrangements geschaffen haben. Das 58-köpfige Orchester und der 39-köpfige Chor, dirigiert wie vor einem Jahr von Ernst van Tiel, und die siebenköpfige Rockband harmonieren ausserordentlich gut und sind fein aufeinander abgestimmt.

Dirigent Ernst van Tiel war leidenschaftlich bei der Sache und hatte sein Retro-Festival-Orchestra im Griff.
Dirigent Ernst van Tiel war leidenschaftlich bei der Sache und hatte sein Retro-Festival-Orchestra im Griff. (Bild: Marco Masiello)

Orchester und Chor untermalen und erweitern die Song-Klassiker dabei, ohne dass der altbekannte rockig-melodiöse Sound von Foreigner in den Hintergrund tritt. Im Gegenteil: War die erste Konzerthälfte bis zur Pause des zweistündigen Konzertes eher ein Warmlaufen, spielte sich die seit 41 Jahren aktive britisch-amerikanische Band gegen Ende in ein regelrechtes Feuer. Das Spielfieber war dermassen gross, dass die Verstärkung in der zweiten und dritten Reihe fast vergessen ging. Einmal geriet der Chor gar zur Staffage und durfte mit Sonnenbrillen bewehrt mitwippen. Soviel zu «Feels Like the First Time». 

Feier

Bei der Rückkehr wurde dennoch fast alles richtig gemacht: Never change a winning team, heisst es ja. Und so wurde alles ähnlich durchgespielt wie im letzten Mai und auf CD: Start mit grosser Geste zum «Dies irae». Es war aber kein Auftakt im Zorn, sondern die für Gänsehaut sorgende Ouverture eines Abends, der in einer Feier enden sollte, während der sich die Konzertbesucher gleich reihenweise in den Armen lagen. Was Musiker nicht alles schaffen!

Allen voran Sänger Kelly Hansen (57). Der Kalifornier (Ex-Hurricane) war die halbe Miete des Abends: charismatisch, gut bei Stimme und ein geborener Animator. Wie ein Derwisch tigerte der Frontmann über die Bühne und stieg schon früh über die Sitze hinweg zu seinen Fans hinab.

Bühnentier

Der Mann mit Löwenmähne ist Wunschsänger dieser Band, in der einst Lou Gramm für Euphorie sorgte: Hansen hat eine täuschend ähnliche Stimme wie Gramm, zudem ist er ein Bühnentier vom Format des grosslippigen Steven Tyler (Aerosmith), dem er auch äusserlich – ausser mit seinem Retro-Schnauz – gleicht.

Foreigner-Gründer Mick Jones (links, 73) glänzte nicht nur im coolen Seidenhemd.
Foreigner-Gründer Mick Jones (links, 73) glänzte nicht nur im coolen Seidenhemd. (Bild: Marco Masiello)

Auch Hansens Bankkumpels standen ihm nur wenig nach: Man spürte Leidenschaft und vor allem Spass. Denn Foreigner mit Orchester, das gibt es nur in Luzern. Zwei Tage hatte man gemeinsam geprobt und all die zeitlosen Rock-Hits aus den 70ern und 80er-Jahren in die Moderne geholt: «Cold as Ice», «Say You Will», «Urgent», «Juke Box Hero» oder «Waiting For a Girl Like You».

«Umarmt euch!»

Kelly Hansen, Foreigner-Sänger und geborener Animator 

Zum krönenden Abschluss gab es Foreigners grössten Hit, die Ballade «I Want to Know What Love Is». Und da setzte Sänger Hansen zur messianischen Botschaft an, wie schwer das Leben doch oft sei, und dass Liebe dagegen eine grosse Medizin biete: «Umarmt euch! Legt die Arme um die Person zur Rechten und zur Linken, vorne und hinten!» Das schon lange euphorisierte KKL-Publikum liess sich nicht zweimal bitten: Man war ein Herz und eine Seele.

Wer das auch erleben möchte: Für das Konzert von heute gibt es noch ein paar wenige Restplätze. 

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Kultur