Welche Geschichte steckt hinter diesen Blicken? 
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Kultur Gesellschaft

Welche Geschichte steckt hinter diesen Blicken?   (Bild: zvg)

Ein Blick und tausend Worte: 80 Menschen erzählen Intimes

9min Lesezeit

Was passiert, wenn man fremde Menschen nach ihrer Geschichte fragt? Die gebürtige Luzernerin Sandra Bühler hat mit ihrer Freundin Sandra Schmid genau das gemacht. Aus den Begegnungen ist ein Bildband entstanden – dabei sind mehr als einmal Tränen geflossen.

«Ich war ein Verdingbub. Unbedeutend, inexistent, ein Niemand. Während der Kriegsjahre hatte das Volk Angst und die Regierung andere Sorgen. Sie schauten alle weg.»

So beginnt die Geschichte des Luzerners Karl von Wil, der als Jugendlicher in mehreren Heimen lebte, unter anderem im Sonnenberg, einer Erziehungsanstalt, die nach einer aufdeckenden Reportage in den 40er-Jahren geschlossen wurde.

Karl ist einer der Menschen, die im Buch von Sandra Bühler und Sandra Schmid porträtiert werden. «Menschen wie Du und ich» heisst das 168-seitige Werk, das am 26. Mai erscheint. Es gibt Einblick in die Geschichte von rund 80 Personen; eines Amerikaners, der 21 Jahre lang unschuldig im Todestrakt sass, einer Schweizerin, die 2004 den Tsunami in Thailand überlebte, eines Obdachlosen aus Los Angeles oder der jüngsten Nonne der Schweiz.

Eine Frage, die zum Kern vordringt

Der Ausgangspunkt aller Porträts: Was hat dich im Leben am meisten geprägt? Eine einfache Frage. Doch eine, die aufs Existenzielle zielt. «Wir wollten tun, was man als Kind immer machte: einfach mal fragen», sagt Sandra Bühler, die in Ebikon aufgewachsen ist. «Erwachsene wagen sich das oftmals nicht mehr. Diese Angst möchten wir nehmen.» 

Auf einer Seite erzählen die Akteure jeweils ihre Geschichte, auf der gegenüberliegenden prangt ein ausdrucksstarkes Foto der Person, alles in Schwarz-Weiss. «Was denkt man über diesen Mann, der im Gesicht tätowiert ist?», fragt Sandra Bühler. Wohl kaum das, was ihn am meisten prägt: die Leukämie. «Wir wollen Stereotype durchbrechen und dazu verleiten, hinter die Fassaden zu schauen.» Der erste Eindruck solle nicht in einem Vorurteil enden.

Während insgesamt vier Jahren immer mal wieder waren die beiden Sandras für die Porträts unterwegs, reisten nach Amerika, nach Afrika, nach Asien – und durch die Schweiz. Mit einigen Menschen vereinbarten sie bereits im Vorfeld einen Termin, andere sprachen sie spontan auf der Strasse an. Die Gespräche seien alle sehr intensiv gewesen, erzählt Sandra Bühler. «Mehrmals sind Tränen geflossen. Und immer spürten wir am Ende, dass dem Gegenüber mit dem Erzählen seiner Geschichte eine Last abfällt.» 

Die ungefilterte Offenheit bezeichnet Sandra Bühler als «Geschenk». Doch wie haben sie so schnell das Vertrauen der Menschen gewonnen? Erstaunlich einfach, sagt sie. «Das Gegenüber spürt, wenn man sich ehrlich für sein Leben interessiert und nicht nur für die Schlagzeile», sagt die 30-Jährige. Nur wenige Male scheiterte ein Gespräch. Etwa mit einem Mann im Rollstuhl, der zwar von seinem Schicksal erzählte, dabei aber stets oberflächlich blieb. «Er konnte nicht darüber reden, er hatte es noch nicht verarbeitet.»

Ist mein Wissen die ganze Wahrheit?

Die gebürtige Luzernerin hat auch in der Zentralschweiz berührende Geschichten aufgespürt. Nebst dem eingangs erwähnten Karl von Wil erzählt das Buch die Geschichte von Sothy Lao, die aus Kambodscha vor den Roten Khmer geflüchtet ist und heute in Luzern lebt. Es schildert die Erlebnisse von Katharina Meredith aus Zug, die als Kind in die Sekte «Licht-Oase» geraten ist und jahrelang misshandelt wurde – allesamt weder plakativ noch pathetisch.

Was hat Sie am meisten geprägt? Das wollte die Ebikonerin Sandra Bühler von Menschen aus aller Welt wissen.
Was hat Sie am meisten geprägt? Das wollte die Ebikonerin Sandra Bühler von Menschen aus aller Welt wissen. (Bild: jal)

Das Buch schürft tief, hinab zum Sinn des Lebens. Und zeigt auf, was rund um den Globus verbindet. «Alle Menschen haben ähnliche Bedürfnisse: glücklich sein, akzeptiert werden, angehört werden.»

Nicht alle Geschichten seien derart einschneidend, es gebe auch positive Ereignisse, etwa die Geburt eines Kindes oder jene, die Sandra Bühler besonders beeindruckt hat: eine 103-jährige Lebefrau aus Basel, die Albert Einstein kannte, über eine Million Franken erbte und wieder verschenkte und kein Blatt vor den Mund nahm. 

Das Video der damals 103-jährigen Margrit:

 

Sandra Schmid und Sandra Bühler haben sich in der Ausbildung zur Polygrafin kennengelernt und gründeten vor acht Jahren ein gemeinsames Grafikbüro. Die Idee zum Projekt schwebte ihnen seit mehreren Jahren im Kopf herum. Bis sie entschieden, sie zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Ein Herzensprojekt, sagt Sandra Bühler, die in Zug als Multimediamanagerin bei einem Finanzberatungsunternehmen arbeitet. Inzwischen lebt sie in Zürich, ihre «Homebase» sei aber nach wie vor Luzern.

Eine Botschaft haben die Herausgeberinnen, doch diese sei keineswegs politisch. «Wir möchten zum Denken anregen und plädieren für den Mut, sich nicht vom ersten Blick trügen zu lassen.» Deshalb lege der Titel den Fokus auf das Menschliche. Ihr kleiner Beitrag für eine bessere Welt? Sandra Bühler schmunzelt, es scheinen ihr zu grosse Worte zu sein. «Sagen wir es so: Wir setzen einen Impuls und wenn er irgendwo ankommt, ist das sehr schön.»

Gin, Garten, Gitarre

Unzählige Feierabende und Wochenenden haben sie in den letzten Wochen und Monaten ins Projekt investiert. Doch sie möchten keine Minute missen, wenn sie bald ihr erstes Buch in den Händen halten. In der ersten Auflage werden 1000 Exemplare gedruckt, gerne würden sie zudem einen Verlag im englischsprachigen Raum finden. «Und danach werden wir Gin produzieren, Gitarre lernen oder gärtnern – Hauptsache etwas, das nicht am Bildschirm passiert», sagt Sandra Bühler und lacht.

Dank des Buches geht sie inzwischen direkter auf andere zu. «Wenn es jemandem nicht gut geht, mache ich nicht mehr einen Eiertanz, sondern spreche das an – und wenn das Gegenüber einen Köder hinwirft, traue ich mich, anzubeissen», sagt sie. Immer wieder kommt zudem der empathische Reflex, die Motive des Gegenübers verstehen zu wollen. «Mich schockiert so schnell nichts mehr.» 

Am Ende geht es zurück zur Ausgangsfrage: Was hat dich im Leben am meisten geprägt? Sandra Bühler zögert keine Sekunde: «Das Buchprojekt. Es hat mich so viel gelehrt wie nie etwas zuvor im Leben.»

Eindrücke von den Begegnungen der beiden Frauen unterwegs gibt es in der Galerie:

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