Wenn Astronauten auf Saturday Night Fever treffen: Blind Butcher mit der Weidliband an den Stanser Musiktagen. (Bild: Lina Friedrich)
Kultur Rezension Musik

Wenn Astronauten auf Saturday Night Fever treffen: Blind Butcher mit der Weidliband an den Stanser Musiktagen. (Bild: Lina Friedrich)

Die charmanteste Star-Trek-Adaption aller Zeiten

6min Lesezeit

Blind Butcher trat am Freitag an den Stanser Musiktagen gemeinsam mit der Weidliband auf. Die aussergewöhnliche Formation präsentierte im ausverkauften Theater an der Mürg «The Intergalactics»: eine abstrakt-musikalische Reise in ferne Galaxien und eine Serotoninspritze in Konzertform.

Lina Friedrich

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl, wenn man bei einem Konzert von einem Bein aufs andere wechselt und der Nacken spannt, weil man nicht mehr stehen mag und die ganz falsche Tasche für einen solchen Event ausgesucht hat. Nur einmalige Konzerte schaffen es, diese Unzufriedenheit auszuradieren – «The Intergalactics» am Freitag an den Stanser Musiktagen war eines davon.

Gleich zu Beginn rufen die Kostüme des Luzerner Musikerduos Blind Butcher (Roland Bucher und Christian Aregger) leises Kichern hervor, denn getreu dem Konzertmotto tragen sie einerseits einen hautengen Metallic-Anzug mit Ausschnitt für die Ohren und andererseits einen gelben Lampenschirm, vielleicht. Man weiss es nicht.

Ausserdem auf der Bühne: Kevin Schaumlechner im Astronautenanzug. Der junge Mann mit geistiger Beeinträchtigung wird im Wohnheim Weidli betreut, an diesem Abend steht er auf der Stanser-Musiktage-Bühne und strahlt. Und sein Auftritt wird mit Begeisterung quittiert: Wie jedes Mitglied der Weidliband wird er bei jedem Auftauchen auf der Bühne mit Klatschen und Zurufen begrüsst. Wie sehr sich die Musiker hierüber freuen und wie unverfälscht sie mit dieser Freude umgehen, ist an einem Format wie diesem so einzigartig. Wer kann schon von sich behaupten, mal an einem Konzert gewesen zu sein, an dem der Schlagzeuger sich mitten im Lied die Freiheit herausnimmt, die Stöcke hinzulegen und Kusshände ins Publikum zu werfen?

Unverhofftes Lokalkolorit

Dieser Schlagzeuger heisst Dani Murer (als galaktischer Feuerwehrmann), ohnehin schon eine Legende in Stans. Wer Bus fährt, ist ihm bestimmt schon begegnet. Denn da sitzt er jeweils und erzählt von Menschen und Orten, die ihn bewegen. So nun auch im Lied «Wolfenschiessen», das die Intergalaktischen aufführen. Ursprünglich hiess dieses Lied ganz anders, doch Dani Murer schmückte es spontan mit Geschichten aus Wolfenschiessen aus, einem kleinen Dorf im Engelbergertal, und Blind Butcher entschieden sich: Das hat Charme, das behalten wir drin. Nur blieb Dani Murer natürlich nicht bei Wolfenschiessen hängen, sondern erzählte über andere Nidwaldner Dörfer und Personen.

Seinen Monolog an den Musiktagen widmet er hauptsächlich den «Schipferi-Meitli», einem Volksmusikduo aus Buochs, das er bewundert. Dass dies der Spontaneität des Abends entsprang, ist am Schmunzeln von Roland Bucher am Schlagzeug gegenüber abzulesen. Auch aus den Gesichtern der Zuschauer verschwindet das Lächeln nicht mehr; die Stimmung im Saal ist unvergleichlich warm und gelöst.

Extraordinäre Kostüme und mehr

Dazu tragen auch die anderen Mitglieder der Weidli-Gang bei. Ueli Weber frönt im 80er-Jahre-Look dem Saturday-Night-Fever: Er trägt einen riesigen, federbesetzten Hut und enge, goldene Glitzerhöschen. Sein Outfit – ein Spiegel seines Enthusiasmus. Wenn er zum Beispiel ein Instrument bedient, bei dem mit Handauflegen eigenartige, galaktische Töne produziert werden können: Immer wieder wirft er die Hände in die Luft, lacht das Publikum an und wippt mit seinem immensen Federhut.

Unverfälscht: Wenn sich der Schlagzeuger mitten im Lied die Freiheit herausnimmt, die Stöcke hinzulegen und Kusshände ins Publikum zu werfen.
Unverfälscht: Wenn sich der Schlagzeuger mitten im Lied die Freiheit herausnimmt, die Stöcke hinzulegen und Kusshände ins Publikum zu werfen. (Bild: Lina Friedrich)

Etwas ruhiger geht Elvira Waser das Ganze an. Sie zieht mit stoischem Ausdruck «fadegrad» den Beat auf ihrem Schlaginstrument durch und mustert dabei einzelne Zuschauer. Nora Gander, die sich Outfit-technisch für ein Crossover zwischen Weltraumprinzessin und Hochseekapitänin entschieden hat, spielt auf ihrem Handörgeli ganz besonnen, wohingegen sie sich an einem Steh-Perkussionsinstrument kaum halten kann: Ihr Hüftschwung reisst das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, alle auf der Bühne grinsen, alle im Saal auch.

Die Lieder von Blind Butcher, eine experimentelle Mischung aus Rock, Latin-Elementen, Sprechgesang und mitreissender Perkussion, bieten eine tolle Plattform für die Integration aller Weidliband-Mitglieder, die sich am Schlagzeug, den Galaxie-Instrumenten, dem Mikrofon und ihren eigenen Instrumenten abwechseln.

Zur anfänglich dunklen Bühne mit Gestühl, Mikrofonen, zwei Schlagzeugen und allerlei kurligen Instrumenten kommen immer mehr Papp-Props dazu: ein Raumschiff, eine Wolke, eine Erdnuss. In ein stimmiges und abwechslungsreiches Licht getaucht, verwandelt sich der Theatersaal in eine Spielwiese für Weltraumklänge, Marsmusik und ganz viel Freude. Kevin Schaumlechners erstaunlich hohen Luftsprünge, Nora Ganders und Ueli Webes Tanzeinlagen, Elvira Wasers Gradlinigkeit und Dani Murers vielfältige Beiträge aus seinen eigenen Interessenfeldern vereinen sich mit dem Duo Blind Butcher zu einem einzigartigen Ganzen; Kostüme, Licht und Bühne runden das skurril-warmherzige Bouquet ab.

Ansteckende Begeisterung

Die Freude, die die Musiker an ihrem Schaffen haben, greift raumfüllend auf den Saal über. Dieser ist zum Bersten voll, Medienschaffende und Spontanzuschauer drängen sich an den Seitengängen entlang.

Die Tatsache, dass Dani Murer auch mal wütend wird und beim «Chlefele» (Volksmusikinstrument aus zwei Holzlöffeln) und bei seiner Fahnenschwing-Einlage nicht sonderlich gut gelaunt ist, trägt zur Unverfälschtheit des Ganzen bei. Mit grossem Beifall und aufmunternden Pfiffen kann das Publikum seine Stimmung wieder heben. Eine Interaktivität zwischen Bühne und Saal, die sich durchs ganze Konzert zieht, eben weil die Weidliband den Kontakt zum Publikum auf so natürliche Weise sucht.

Der stets spürbare Sinn für Gemeinschaft und die Zuneigung zwischen allen Musikern auf der Bühne hinterlässt einen warmen Nachhall. Am Ende gibt es minutenlang Standing Ovations, denn Kultur Inklusiv hat mit dieser Paarung etwas ganz Besonderes realisiert. Blind Butcher und die Weidliband haben Stans reihenweise verzaubert.

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