Hans Gut (links) und Norbert Bossart vor dem Kellereingang. (Bild: jal)
Kultur Musik

Hans Gut (links) und Norbert Bossart vor dem Kellereingang. (Bild: jal)

Den Drogenhunden folgten Züri West und Hazel Brugger

10min Lesezeit

Im Schlachthaus, am Stammtisch oder im Coiffeursalon: Die Projektmacher von «Träff Schötz» suchen sich für ihre Anlässe oft sonderbare Lokale aus. Seinen Anker hat der Kulturverein in einem alten Haus fernab vom Dorf. Wo die Bühne jedes Mal hergeschleppt werden muss, die Künstler beim Bauern essen und nie etwas zweimal geschieht. Da staunt selbst Shootingstar Faber.

Zwischen dem Gefängnis im Wauwilermoos und dem Fussballplatz, zwischen einem Bauernhof und einem Kanal versteckt sich die Ronmühle in Schötz. Eigentlich beheimatet das alte Holzhaus ein kleines Museum, das «Asyl für kulturelles Strandgut», einmal monatlich geöffnet, 7000 Objekte, zusammengetragen vom inzwischen verstorbenen Posthalter Paul Würsch.

Der Keller der Ronmühle beheimatet aber auch ein zweites kulturelles Bijou: Es ist das Zuhause des Träff Schötz. Der Verein organisiert seit 34 Jahren Konzerte, Lesungen, Kabaretts, Projekte – und vieles, was in keine Schublade passt – im Luzerner Hinterland. Rund 100 Gäste fasst der hohe Raum mit seinen schönen Steinmauern.

Obwohl der Ronmühle-Keller die Homebase des Vereins ist, hat dieser kein eigenes Lokal. Stühle, Bühne, Licht- und Tontechnik müssen bei jedem Anlass wieder in die Ronmühle geschleppt werden. Ein Jahresprogramm kennt der Träff Schötz nicht. Sie sind vielmehr Veranstalter – oder: Projektmacher, wie sie sich selber nennen.

Maximal 25 Leute, nie zweimal dasselbe

Nebst der Handvoll Veranstaltungen pro Jahr stemmen die 22 Mitglieder fast alle zwei Jahre einen Grossanlass mit bis zu 500 Besuchern. Und das nicht selten an exklusiven Orten. In einem altem Schlachthaus zum Beispiel («kulturelle Schlachtplatte»), in einem Kostümverleih und einem Coiffeursalon oder in einem Kanal, den die Truppe kurzerhand begehbar machte.

«Hier auf dem Land haben wir mehr Möglichkeiten, Freiräume zu nutzen und Räume temporär zu besetzen. In der Stadt ist man viel mehr auf die Kulturhäuser angewiesen», sagt Gründungsmitglied Norbert Bossart (52), der als Journalist sein Geld verdient.

Die Ronmühle im idyllischen Nirgendwo von Schötz.
Die Ronmühle im idyllischen Nirgendwo von Schötz. (Bild: jal)

Inzwischen wird das Engagements des Vereins auch in der Stadt Luzern registriert – und honoriert. Der Träff Schötz staubte bereits mehrere Preise ab. Zuletzt unterstützte ihn der Kanton Luzern mit einem 15'000-Franken-Werkpreis für das Festival «One Burning Man» – ein Open-Air-Spektakel mit Solokünstlern («keine Singer/Songwriter, sondern One-Man-Bands») und einer grandios abgefackelten Holzfigur (zentralplus berichtete).

Serie: Kultur abseits der Stadt

In einer Serie stellt zentralplus Luzerner Kulturräume vor, die von Städtern oft links liegengelassen werden. Zu Unrecht, denn die Kultur auf dem Land ist lebendig, vielfältig und findet an charmanten Orten statt.

Die nächsten Veranstaltungen vom «Träff Schötz»: Donnerstag, 26. Mai: Christoph Simon. Freitag, 2. November: Franz Hohler. Weitere Anlässe sind in Planung.

Ein Open Air, bei dem übrigens erst am frühen Morgen ein Anruf wegen des Lärms eintraf – «so was ist in der Stadt nicht möglich», sagt Vereinspräsident Hans Gut. Doch auch wenn ein Festival wie ebenjenes ein Erfolg war: Es bleibt einmalig. Der Träff Schötz: ein Verein von Anti-Wiederholungstätern. «Es wäre einfacher, wenn wir jeweils die Schublade mit den alten Plänen ziehen könnten, aber das ist nicht unser Konzept», sagt Bossart. Dinge mehrmals zu organisieren langweilt den Träff Schötz genauso wie kommerzielle 08/15-Anlässe. «Uns interessiert es nicht, wenn Künstler einfach ihr Programm abspulen, sondern wenn der Anlass selber zum buchstäblich einmaligen Kulturerlebnis wird.» Wie etwa der Gaukler-Träff im Baumgarten auf dem Buttenberg, die sagenhaften Höhenfeuer auf den drei Hügeln im Dorf oder die Beizentour mit Liedermachern aus allen Landesteilen.

Rückblick auf das «One Burning Man»-Festival im Sommer 2017:

 

Angefangen hat alles 1984 mit dem 800-Jahr-Jubiläum der Gemeinde Schötz, bei dem Jugendliche ein Rockkonzert mit Luzerner Bands organisierten. Die rockigen Töne machten Lust auf mehr, denn die Jungen hatten es satt, für Konzerte immer in die Stadt reisen zu müssen. Sie gründeten kurzerhand den «Träff Schötz».

Der Gemeinderat und mancher im Dorf war zu Beginn skeptisch, erinnert sich Norbert Bossart. Was, wenn es Vandalenakte gibt? Was, wenn Drogen in Umlauf kommen? «Wir mussten Securitas haben – mit Hunden», sagt Bossart und muss heute schmunzeln über die damaligen Vorurteile. «Was man nicht kennt, hat halt Angst gemacht.» 

«Plötzlich kommt jemand mit einer hirnverbrannten Idee, und dann entsteht irgendwas.»

Norbert Bossart, Mitglied Verein Träff Schötz

Inzwischen sind die Befürchtungen der Freude, ja man könnte fast sagen, dem Stolz des Dorfes gewichen. Für seine Projekte kann der Verein jeweils auf die Unterstützung des Gewerbes und Einheimischer zählen. Etwa, indem ein Unternehmer kostenlos einen Kran für die besondere Beleuchtung des Festivalgeländes aufstellt oder eine Lehrlingsabteilung einen gegen zehn Meter hohen Burning Man baut. «Der Verein hat zur Verwurzelung und zur Lebensqualität in der Region beigetragen», sagt Bossart. So auch bei Hans Gut, der 13 Jahre in Amerika lebte, und nach seiner Rückkehr sofort wusste, dass er beim Träff Schötz wieder einsteigt.

«Wir betreiben bestes Standort-Marketing für die Landschaft – das muss dem Kanton etwas wert sein», sagt Bossart und kritisiert damit den Rückgang der öffentlichen Kulturförderung. Auf diese kann der Verein bei seinen Grossanlässen ab und zu zählen. «Heute werden mehrheitlich Projekte gefördert und genau in dieser Nische sind wir tätig», sagt der 51-jährige Hans Gut, Geschäftsleitungsmitglied eines Maschinenbauunternehmens in der Region.

Wer erkennt ihn? Vor 30 Jahren war Kuno Lauener mit Züri West in Schötz zu Gast.
Wer erkennt ihn? Vor 30 Jahren war Kuno Lauener mit Züri West in Schötz zu Gast. (Bild: zvg)

Die normalen Anlässe finanziert der Verein über die Eintritte. Für die Saalmiete zahlen die Betreiber nichts, am teuersten ist oft die Technik. Die Künstler hat man hingegen oft, wenn ihre Gage noch bezahlbar ist. Züri West 1988 zum Beispiel, Hazel Brugger vor ihrem grossen Durchbruch 2014 oder Faber vor zwei Jahren.

Alle wollten Polo – nur der Träff Schötz nicht

Der Verein besteht nicht aus dem klassischen Freundeskreis, der auch die Freizeit oft gemeinsam verbringt, sondern ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Leuten zwischen 20 und 55 Jahren. Sie alle vereint das Interesse an der Kultur auf dem Land, die sich keinem fixen Programm verpflichtet. «Plötzlich kommt jemand mit einer hirnverbrannten Idee, und dann entsteht irgendwas», sagt Bossart. «Denn niemand von uns möchte ein Standard-Programm, das würde nicht funktionieren», sagt Hans Gut. Zurzeit zählt der Verein 22 Mitglieder, und das ist gut so. Das Ziel während all der Jahre war es, klein zu bleiben, maximal 25 Leute. «Nur so kann jeder mitreden und hinter allem stehen», sagt Hans Gut. «Und mit dieser Grösse kann man sich auch noch in der Beiz treffen», ergänzt Bossart.

«Oft kommt nicht nur die typische Kulturszene, sondern sitzt auch der Schreiner oder die Coiffeuse im Publikum.»

Hans Gut, Präsident Träff Schötz

Einen grossen Bruch gab es in den 34 Jahren nicht, wenn auch einige schwierige Momente. Etwa, als man ein Konzert des kürzlich verstorbenen Hanery Amman, des Urhebers von «Alperose», organisierte. «Den wollte niemand hören, alle wollten den Polo Hofer, doch wir wollten den Hanery», sagt Bossart. Das Resultat: kaum Leute, ein finanzieller Verlust, frustrierte Vereinsmitglieder. Und doch war Aufhören nie ein Thema. «Auch, weil nie jemand Geld verdient hat», meint Bossart. Und, weil man nach strengen Projekten mal eine Verschnaufpause einlegt.

So wie nach dem Burning-Man-Festival diesen Sommer, nach dem «die Puste draussen war». Doch inzwischen geistern bereits wieder die nächsten «Spinner-Ideen» durch die Köpfe der Träff-Schötz-Mitglieder. Und auch die ersten Anlässe für 2018 sind aufgegleist.

Wo selbst Google Maps verwirrt ist

Und so dürften schon bald wieder Kulturaffine den Weg ins Hinterland finden. «Nur das Schötzer Publikum würde nie reichen», sagt Hans Gut. Oft sind die Zuschauer bunt gemischt, nun, da über Social Media genauso geworben wird wie über die handgemalte Tafel am Ortseingang. «Oft kommt eben nicht nur die typische Kulturszene, sondern da sitzt auch der Schreiner oder die Coiffeuse im Publikum.»

Träff Schötz auf dem Weg zur Preisverleihung des Werkbeitrages 2012 im Südpol:

Auch Städter finden den Weg nach Schötz. Was etwas erstaunen mag, ist die Ronmühle mit dem öffentlichen Verkehr doch nicht besonders gut erschlossen – also eigentlich gar nicht. Man verlässt den Bus im Dorfkern und muss danach zehn Minuten durch ein Wohngebiet und nachher durch die Pampa laufen, wo selbst Google Maps verwirrt zu sein scheint. «Da hat selbst der Zürcher Singer/Songwriter Faber nur noch gestaunt», sagt Bossart und lacht.

Doch im Gegenzug hätten viele Künstler Freude, wenn der Bauer nebenan ihnen in seiner Küche das Nachtessen auftische und sie sich anschliessend in den speziellen Räumen des Museums umzögen. «Die Ronmühle hat eine spezielle Ausstrahlung», sagt Bossart mit glänzenden Augen, «es ist ein Kraftort für die Kultur.»

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