Es war die Lust, «an der Welt teilzuhaben»: Hildegard Schär auf der Bühne im Bau 4. (Bild: jwy)
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Es war die Lust, «an der Welt teilzuhaben»: Hildegard Schär auf der Bühne im Bau 4. (Bild: jwy)

Sie versteht etwas von Holz – und von Jazz

9min Lesezeit

Im hintersten Hinterland des Kantons gibt’s regelmässig modernen Jazz auf die Ohren. Was bewegt zwei Holzbauunternehmer, viel Zeit und Geld in Jazzkonzerte zu stecken?

Hier endet der Kanton Luzern. Ennet des Bachs ist schon Berner Boden. Wir sind tief im Hinterland angekommen und besuchen eine Topadresse für improvisierten Jazz: den Bau 4 in Altbüron. Der Raum steht auf einem Werkplatz und ist kein eigentliches Kulturlokal, sondern wird von der Firma Schaerholzbau betrieben.

Hier versteht man etwas von Holz, das ist offensichtlich: Der helle Holzbau ist grosszügig, schlicht und modern. Durch eine grosse Fensterfront schaut man ungestört ins Grüne eines Naturschutzgebiets.

Dass hier, zwischen Willisau und Langenthal, ein innovatives Musikprogramm geboten wird, ist alles andere als selbstverständlich. Es ist Hildegard und Walter Schär zu verdanken, zwei Unternehmern mit Herzblut für Jazz. 2005 veranstalteten sie ihr erstes Konzert und haben seither nicht mehr damit aufgehört.

Woher kommt das? «Am Anfang war es einfach die Lust, an der Welt teilzuhaben», sagt Hildegard Schär. Es sind die Musiker, die diese andere Welt hier aufs Land bringen.

Am Rande des Werkplatzes neben einer grossen Produktionshalle steht der Bau 4.
Am Rande des Werkplatzes neben einer grossen Produktionshalle steht der Bau 4. (Bild: jwy)

Vor 26 Jahren hatten sie eine kleine Zimmerei im Nachbardorf übernommen. Heute arbeiten an den vier Standorten Altbüron, Grossdietwil, Horw und Malters über 90 Leute. Vor 12 Jahren bauten sie den jetzigen Werkplatz mit dem Bau 4, der gleich neben der grossen, umtriebigen und lauten Produktionshalle steht. Hier aber: absolute Stille, Blick auf den Bach.

Betrieb und Kultur als Einheit

Im Bau 4 hat’s eine grosszügige Bühne, eine gut ausgestattete Küche und Bar und eine tolle Akustik. Rund 100 Leute finden hier Platz. Dass man im kleinen Altbüron nicht so viele Jazzbegeisterte findet, ist klar. Im Schnitt kommen um die 40 Leute, sie reisen auch aus den angrenzenden Kantonen Bern und Aargau an. Die Lage ist strategisch interessant. «Wir haben einen Bekanntenkreis über die Kantonsgrenze hinaus», sagt Hildegard Schär.

Serie: Kultur abseits der Stadt

In einer Serie stellt zentralplus Luzerner Kulturräume vor, die von Städtern oft links liegen gelassen werden. Zu Unrecht, denn die Kultur auf dem Land ist lebendig, vielfältig und findet an charmanten Orten statt.

Die nächsten drei Veranstaltungen im Bau 4: Samstag, 24. Februar, Marc Perrenoud Trio. Samstag, 10. März, This is Pan, Freitag 23. März, Badezimmer (Theater).

Auch bei den jazzerprobten Willisauern und bei einigen Stadtluzernern hat sich das Programm herumgesprochen. Ein Stammpublikum ist häufig im Bau 4 anzutreffen, aber Hildegard Schär hofft immer auch auf neue und jüngere Konzertbesucher.

Auf dem Werkplatz bewegen sich Maschinen und es türmt sich das Holz. Im Bau 4 steht ein Flügel und es stapeln sich die Stühle. Hildegard Schär betrachtet Betrieb und Kultur als Einheit: «Solange Schaerholzbau als Handwerks- und Dienstleistungsbetrieb funktioniert, können wir uns diese Konzerte leisten.» Sie spricht über die Konzerte, als wäre es das Normalste der Welt, dass ein Holzbauunternehmen Kulturförderung betreibt.

Keinen messbaren Nutzen

Das Kulturprogramm habe durchaus einen Nutzen, wenn auch keinen messbaren oder gar monetären. Es sei eine Möglichkeit, sich mit dem Unternehmen nach aussen zu präsentieren. «Es entsteht dadurch neue Inspiration und letztlich Innovation, und das wirkt sich auch auf die Firma aus», sagt Schär. Zudem habe man hier die Möglichkeit, nach dem Konzert mit den Musikern zu schwatzen. «Diese Nähe öffnet neue Zugänge, das schätzen Besucher und Musiker sehr», sagt sie.

Den Raum bezeichnet Hildegard Schär als Glücksfall, denn er wurde nicht speziell für Konzerte gebaut, sondern als Versammlungsraum für die Firma – und wird auch immer noch dafür genutzt. Aber weil er so gut tönt, nutzen Musiker den Raum gerne auch für Aufnahmen oder Probewochen. Und die Schärs – grosszügig, wie sie sind – stellen den Raum gerne zur Verfügung.

Beizenstühle und viel Holz dominieren den Bau 4.
Beizenstühle und viel Holz dominieren den Bau 4. (Bild: jwy)

Im Februar werden zwei amerikanische Musiker drei Wochen hier sein, proben und wohnen. Es gibt eine Dusche, WCs, eine Küche und Matratzen – in der Nacht kann man so lange proben, wie man will. «Man ist hier völlig abseits und für sich, das wird geschätzt», sagt Schär.

Immer mehr Aufwand

Konzertraum, Probelokal, Residenz: Sie weiss, dass ein solcher Raum, der frei bespielbar ist, ein totaler Luxus ist. In der Stadt wäre das kaum möglich in dieser Grösse und dieser Flexibilität. «Hier können wir uns das leisten, auch weil es einfach und günstig gebaut ist.»

«Das hat für uns eine Wirkung, die unbezahlbar ist.»

Hildegard Schär

Hildegard Schär glaubt fest an ihr Engagement und es macht ihr nach wie vor Spass, sonst hätte sie schon längst aufgehört. Denn man darf den Aufwand nicht unterschätzen, sie investiert etwa ein 50-Prozent-Pensum in die Konzerte, die ein- oder zweimal pro Monat stattfinden. Im Betrieb selbst ist sie nicht mehr operativ tätig.

Und klar habe es zwischendurch Krisen gegeben – zudem nimmt der Aufwand zu, immer mehr Anfragen flattern rein. Denn die Impro-Jazz-Szene ist klein und sehr vernetzt. Und so hat sich der Ruf des Bau 4 schon bis nach Berlin verbreitet. «Es fragen viele gute Musiker an, die absolut in unser Konzept passen, aber wir können unmöglich alles machen», sagt sie. Mehr als 15 bis 17 Anlässe im Jahr liegen nicht drin. Sie muss Leuten zwangsläufig vor den Kopf stossen, das ist ihr unangenehm, man spürt es. Aber sie weiss auch: «Wir tun hier ja wirklich viel und fördern die Musik.»

Nach Hause kommt man immer irgendwie

Hildegard Schär erledigt alles selber, da kommt viel Administratives zusammen: Anfragen beantworten, Bands anhören, Musiker buchen oder absagen, Bar und Getränke – und wenn’s die Situation erfordert, fährt sie Gäste nach dem Konzert in den nächstgrösseren Ort, damit sie einen Zug erwischen. Altbüron ist nicht eben gut ans ÖV-Netz angeschlossen. «Ich sage Gästen von auswärts immer: Sie können ohne Probleme mit dem ÖV anreisen, für die Rückreise ergibt sich immer eine Möglichkeit.»

Ohne Unterstützung ihres Mannes, der in der Firma als Geschäftsführer agiert, wäre das Engagement im Bau 4 nicht möglich. Zudem stehen ein paar helfende Hände während der Konzerte zur Seite.

Beliebte Bühne bei Musikern: Saxofonist Simon Spiess mit Band.
Beliebte Bühne bei Musikern: Saxofonist Simon Spiess mit Band. (Bild: zvg/Doris Hüsler)

Wenn die Band spezielle Wünsche an Instrumente oder Technik hat, helfen befreundete Häuser und Musiker aus: etwa Arno Troxler vom Jazzfestival Willisau mit Schlagzeugen oder Adi Rohner vom Stimmenfestival Ettiswil mit seinem Kontrabass oder einem Bass-Amp. «Das ist das Schöne an der Luzerner Kulturlandschaft, dass man solche Leute um sich herum hat und sich gegenseitig hilft», sagt Schär.

Ein Drittel durch Eintritte gedeckt

Es verdient niemand etwas mit den Konzerten, im Gegenteil: Der Betrieb legt einen guten Batzen drauf für die Konzerte. Mit den 25 Franken Eintritt ist das niemals kostendeckend – «etwa ein Drittel ist damit gedeckt, mehr nicht», sagt sie. Da kommt über die Jahre ein rechter Betrag zusammen, aber sie ist überzeugt: «Das hat für uns letztlich eine Wirkung, die unbezahlbar ist.»

Das Ehepaar Schär ist immer noch mit Engagement dabei. Trotzdem ist es nicht sicher, wie lange es die Konzerte in dieser Form geben wird. Denn sie stecken in der Nachfolgeregelung, ihre beiden Söhne übernehmen 2019 die Firma. 

Seit sie angefangen hatten mit Konzerten, pochten sie auf ihre Freiheit: aufhören zu können, wann immer sie wollen. «Wir sind niemandem etwas schuldig», sagt sie, Fördergelder habe sie für die Konzerte nie beantragt. «Wenn die Firma mal zu wenig Arbeit gehabt hätte, dann hätten wir wohl auf die Konzerte verzichtet», sagt sie – doch so weit kam es nie.

Letzte Frage: Gehören denn auch die Arbeiter im Betrieb zum Jazzpublikum? Hildegard Schär lacht. «Viele Mitarbeiter finden komisch, was wir hier machen.» Aber vereinzelt schauen auch Mitarbeiter vorbei.

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