Florian Burkhardts Leben hat seit dem Film «Electroboy» wieder an Fahrt aufgenommen. (Bild: Gian Losinger)
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Florian Burkhardts Leben hat seit dem Film «Electroboy» wieder an Fahrt aufgenommen. (Bild: Gian Losinger)

«Ich habe mich mit Jesus verglichen»

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Florian Burkhardt scheint wieder in Fahrt zu kommen. Nach seinem Absturz und dem Film «Electroboy» hat der Luzerner ein neues Leben aufgebaut. Nun ist sein zweiter Roman, «Das Gewicht der Freiheit», erschienen. Doch die frisch gewonnene Aufmerksamkeit bringt auch neue Fragen und Krisen mit sich.

Wir treffen uns im Bourbaki am Löwenplatz, hier trinkt Florian Burkhardt seinen Kaffee am liebsten, wenn er seine Heimatstadt besucht. Wie beim letzten Treffen vor weniger als einem Jahr ist der 43-Jährige gemeinsam mit seinem Freund aus Bern angereist. Alleine zu reisen, das verunmöglichen ihm noch immer seine Angststörungen, unter welchen er seit Jahren leidet.

Nach seiner unfassbaren Karriere als Snowboard- und Internetpionier, internationales Topmodel und Partykönig hat er nach dem grossen Absturz und dem Film 2014 begonnen, sein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

zentralplus: Im letzten April titelten wir: «Runter von der ständigen Überholspur». Nun erscheint am 1. Februar Ihr zweiter Roman, am 2. Februar Ihre erste Single seit 10 Jahren. Dazu stehen Sie derzeit wieder ganz schön oft vor der Kamera. Fallen Sie etwa in alte Muster zurück?

Florian Burkhardt: Das hatte ich mir auch überlegt. Aber es hat sich einfach so ergeben, wie so oft in meinem Leben. Das zweite Buch war ja bereits fertig, als das erste erschien. In der Zwischenzeit habe ich in Bern den Produzenten Luk Zimmermann kennengelernt und wir entschieden, gemeinsam an einem Album zu tüfteln. Er sitzt da in seinem Studio an der Aare und produziert Hits. Ich sitze im Bett an meinem Laptop und mache Musik – die Kombination und die Konfrontation waren für uns spannend.

zentralplus: Was ist am heutigen Erfolg anders als bei Ihren früheren Karrieren?

Burkhardt: Es ist neu für mich, in Gruppen zu arbeiten. Auch das Buch war – mit Lektorat, Design, Korrektorat, Grafik usw. – eine Gruppenarbeit. Ich bin kein Einzelkämpfer mehr und das ist eine wunderbare Erfahrung. Obwohl es auch Angst macht, Menschen zu enttäuschen. Ich weiss ja nicht, ob sich das Buch verkauft, ob die Single ankommt …

Seit 2017 wird Florian Burkhardt auch wieder als Model gebucht. (Bilder: Juventino Mateo Leon)
Seit 2017 wird Florian Burkhardt auch wieder als Model gebucht. (Bilder: Juventino Mateo Leon)

zentralplus: Wie meistern Sie all die Auftritte, Pressetermine, Shootings mit Ihren Angststörungen?

Es läuft:

Heute sagt Florian Burkhardt: «Mein Leben ist eine Ikarus-Geschichte: Ich hob ab, kam der Sonne zu nahe und verbrannte.»

Literarisch: In seinem autobiografischen Roman «Das Gewicht der Freiheit», erschienen am 1. Februar 2018 im Wörterseh Verlag, nimmt er uns mit in die scheinbar grenzenlose Freiheit. In einer Reihe von Erfolgsstorys erfand er sich immer wieder neu, wechselte Milieus und Karrieren, lebte ein schillerndes, hyperaktives Leben, in dem er beinahe Filmstar geworden wäre, und eroberte als international gefragtes Topmodel die Laufstege dieser Welt. Er lief unter anderem für Dolce & Gabbana, Prada, Gucci und stand vor den Kameras von David La Chapelle und Albert Watson. Auf der Spitze des Erfolges brach er mit der Welt der Schönen und Reichen, zog sich in die Schweiz zurück, wurde Internetpionier und surfte auf der Dotcomblase. Doch dann, mit 27 Jahren, erkrankte er an einer Angststörung, setzte monatelang keinen Fuss vor die Türe und wies sich schliesslich selbst in die psychiatrische Klinik ein. Von dieser Reise handelt dieses Buch, das in seiner Atemlosigkeit, Direktheit und Ehrlichkeit einem Roadmovie gleichkommt.

Musikalisch: Die erste Single von «Electroboy» seit zehn Jahren heisst «Nur eine Maschine» und wird am 1. Februar in Zürich getauft. Man spüre darin den Sound durchschimmern, der ihn und Luk Zimmermann – beide sind in den 40ern – geprägt hat: die erste Synthesizer-Musik, Elektropop, die 80er und die Neue Deutsche Welle.

Burkhardt: Es geht, und damit bin ich schon zufrieden. Obwohl es extrem anstrengend ist. Ich leide seit Wochen unter Kopfschmerzen und Übelkeit. Aber ich gebe mein Bestes – für das Buch, das Team und auch für meinen Partner, der immer dabei ist, mich immer unterstützt. Jetzt sitzt er auch da drüben und langweilt sich. Er lächelt und schaut an den Tisch etwas entfernt, wo sein Freund mit einem Buch sitzt und gedankenverloren geradeaus blickt. Und ich weiss ja auch, dass diese Phase zeitlich begrenzt ist.

zentralplus: In Ihrem zweiten Roman scheinen Sie nie an andere zu denken. Haben Sie auf Ihrem Weg Menschen ausgenutzt?

Burkhardt: Ich hab den Roman als Florian von damals geschrieben und war dabei extrem ehrlich. Auch mir und meiner eigenen Überhöhung gegenüber. Ich habe mich damals mit Jesus verglichen, so war es wirklich. Falls ich damals Leute benutzt habe, hätte ich es gar nicht gemerkt. Es ging mir nur darum, den besten Agenten zu haben – ein reiner Businessgedanke. Es waren immer Deals und erst später wurde es privat. Ich habe auch nie geflirtet, um etwas zu bekommen. Ich wollte niemals einen «Sugardaddy». Deshalb habe ich auch kein schlechtes Gefühl, wenn ich zurückdenke.

zentralplus: Wie wichtig ist es Ihnen heute, aus der Masse herauszustechen?

Burkhardt: Gar nicht. Mich wohlfühlen ist mir wichtig. Ich habe ja mein Glück nicht im Grossen, sondern erst im Kleinen gefunden. In der Liebe und in den Menschen, die ich treffe. Ich bin dankbar, dass es überhaupt jemanden interessiert, was ich tue. Und dass Leute mit mir arbeiten wollen. Sie holen mich aus meiner Höhle. Wenn zum Beispiel ein Artikel über mich in einer grossen Zeitung erscheint, dann sehe ich nicht die tausenden Leser, sondern das Gespräch mit dem Journalisten, das Treffen mit dem Menschen. Ich bin da vielleicht durch meine Isolation etwas weltfremd geworden. Dafür freue ich mich über jeden «Hafechääs».

«In meinem Kopf wartet immer eine gepackte Tasche.»

zentralplus: Fallen Ihnen die Chancen einfach zu?

Burkhardt: Ich habe viel Glück. Aber ich lasse es auch zu. Wenn sich etwas ergibt, sehe ich es als Herausforderung. Ich habe es einfach versucht, mich hingesetzt und gesagt: «Jetzt sei nicht so faul.» Und habe zwei Romane geschrieben.

zentralplus: Folgt nun der dritte Roman?

Burkhardt: Das ist nicht geplant. Ich könnte ja jetzt auch noch ein «Partybuch» schreiben. Aber das interessiert mich schlicht nicht. Ich habe den Teil ausgelassen, weil der Roman für mich so stimmig ist. Zudem hab ich jetzt das Album und natürlich meine Kolumne im Strassenmagazin «Suprise». Für mehr hab ich nicht die Energie.

zentralplus: Wie läuft es mit dem Ankommen, Heimkommen und damit, zu Ihren Wurzeln zurückzukehren?

Burkhardt: Das hat noch nicht wirklich stattgefunden. Es wird zwar besser, aber ich habe meine Wohnung in Bern noch immer nicht wirklich eingerichtet. In meinem Kopf wartet immer eine gepackte Tasche. Viele Menschen haben Freunde aus dem Studium oder gar aus Schulzeiten. Das habe ich nicht. Bei jedem Neuanfang veränderte sich mein Umfeld komplett. Jetzt in meinem Stammlokal in Bern kenn ich immer mehr Leute – es blüht wieder ein Freundeskreis. Doch es ist eine stetige Unruhe in mir.

Florian Burkhardt in seinem Stammcafé in Bern. (Bilder: Gian Losinger)
Florian Burkhardt in seinem Stammcafé in Bern. (Bilder: Gian Losinger)

zentralplus: Wo sehen Sie sich im Alter?

Burkhardt: Es kann gut sein, dass ich wieder nach Luzern ziehe und am Rotsee wohne. Luzern war für mich immer ein Traum. Schon als abgeschottetes Kind. Es war die grosse spannende Stadt, die ich entdecken wollte.

«Ich muss nicht mehr. Nicht mehr sexy sein, nicht mehr ‹Electroboy› sein.»

zentralplus: Haben Sie Angst vor dem Altern?

Burkhardt: Er lacht. Nicht mehr. Ehrlich gesagt hatte ich im vergangenen Frühling eine echte Krise. Meine Haare wurden grau, die Geheimratsecken grösser, und auch das Bäuchlein. Dieser «Verfall» hat mich richtig gestresst, das gebe ich zu. Ich empfand mich plötzlich viel älter als noch kurz zuvor und dann war das ständige Gefühl, als alter Sack noch immer an dem 21-jährigen Schönling auf dem Cover gemessen zu werden.

zentralplus: Stresste Sie also besonders die erneute mediale Aufmerksamkeit vor Ihrem ersten Roman?

Burkhardt: Bestimmt auch. Ich fühlte mich aber auch ganz persönlich plötzlich unattraktiv. Dann zog ich nach Bern und kannte da beinahe niemanden, war völlig abhängig von meinem Freund. Da brauchte ich etwas Zeit, um das mit mir auszumachen, mich wieder wohlzufühlen und mir etwas zu gönnen. Gerade jetzt, wo ich auch wieder als Model gebucht werde.

Zurück im Rampenlicht. (Bilder: Christoph Schaller)
Zurück im Rampenlicht. (Bilder: Christoph Schaller)

zentralplus: Wie sehr passt dieser Job noch?

Burkhardt: Ich bin jeweils froh, dass die Fotografen nach dem Shooting zufrieden sind, denn ich merke am Anfang, dass sie eigentlich den aufregenden jungen Florian erwarten und nicht den unscheinbaren Mann, der ich geworden bin. Doch der Gedanke ist im letzten Jahr von einer Belastung zu einer Entlastung geworden. Ich weiss jetzt: Ich muss nicht mehr. Nicht mehr sexy sein, nicht mehr «Electroboy» sein. Jetzt darf ich der sein, zu dem ich mich entwickelt habe. Mehr als eine Hülle.

«Es braucht die Fallhöhe, den Absturz, die Dramatik.»

zentralplus: Wie sehr hat sich Ihr Leben seit dem Film «Electroboy» im Jahr 2014 verändert?

Burkhardt: Der Film hat so viel ausgelöst und ermöglicht. Meine beiden Romane, auf die ich unheimlich stolz bin, das Album, an dem ich arbeite, die Aufträge, die ich wieder erhalte – das alles sind eigentlich Babys, die es ohne den Film wohl nie gegeben hätte. Ohne ihn würde ich vielleicht noch immer in Berlin sitzen und gar nichts tun.

zentralplus: Mit Ihrer Geschichte unvorstellbar.

Burkhardt: Und doch bin ich so dankbar um jeden Termin, jedes Interesse, jedes Gespräch. Denn es gibt so viele Bücher, so viele gute Autoren, die in der Öffentlichkeit nie die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Mir ist auch bewusst: Wäre ich ein erfolgreiches Model geblieben, wäre meine Geschichte völlig uninteressant. Es braucht die Fallhöhe, den Absturz, die Dramatik.

zentralplus: Sie hatten im vergangenen April noch darauf gehofft, dass Ihr erster Roman «Das Kind meiner Mutter» bei Ihren Eltern etwas auslösen würde. Hat sich da etwas getan?

Burkhardt: Sehr viel sogar. Es hat mich erst erschreckt, wie heftig ihre Reaktionen waren. Denn ich hatte es eigentlich nicht mehr erwartet. Doch offenbar hat es diesen Knall gebraucht, weil das Eis so dick war. Die ersten Tage waren sie jedenfalls stinksauer. Besonders meine Mutter.

«Auch das Irrenhaus war zu der Zeit super – für meine Entwicklung.»

zentralplus: Verständlich.

Burkhardt: Natürlich. Das musste sie auch sein. Denn der kleine Florian hat erzählt, wie sehr er sie gehasst hat. Ich war ihr Lebensinhalt und dann schreibe ich: Du warst eine furchtbare Mutter. So etwas muss man auch erstmal verdauen. Doch es hat viele Gespräche ausgelöst. Und meine Eltern haben tatsächlich sagen können: «Wir wollten nur das Beste für dich. Doch wir sehen, dass es dir nicht gutgetan hat.» Diese Einsicht ist ein riesiger Schritt. Natürlich ist unsere Beziehung noch immer nicht einfach, doch sie ist herzlicher geworden. Wir sehen uns regelmässig, telefonieren häufiger und dieses ganze Heile-Welt-Spiel wurde endlich gebrochen.

zentralplus: Könnten Sie sich entscheiden, würden Sie es nochmals genauso machen? Würden Sie nochmals nach L. A. fliegen, Topmodel und «Electroboy» werden?

Burkhardt: Ja, würde ich. Ich bereue nichts. Damals im Moment war es grossartig. Alles. Auch das Irrenhaus war zu der Zeit super – für meine Entwicklung. Heute habe ich so viele Ängste, damals war ich der angstloseste Mensch überhaupt. Ich kann mir das kaum noch vorstellen. Der Florian von damals ist für mich beinahe gänzlich zu einer Romanfigur geworden.

Bilder aus Florian Burkhardts Zeit als intenational gefeiertes Model. (Bilder: Lorenzo Marcucci 1997)
Bilder aus Florian Burkhardts Zeit als international gefeiertes Model. (Bilder: Lorenzo Marcucci 1997)

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