Präzise, aber mit Spielfreude: Hanreti im Neubad-Keller. (Bild: jwy)
Kultur Musik Rezension

Präzise, aber mit Spielfreude: Hanreti im Neubad-Keller. (Bild: jwy)

Hanreti blühen vor kleinem Publikum auf

6min Lesezeit

Innert drei Jahren haben sie drei Alben veröffentlicht. Die Luzerner Band Hanreti präsentiert im Neubad ihr neustes Werk «Deep Sea Dream». Am Donnerstag war Plattentaufe – die erste von drei.

Was für ein Kontrast. Vor gut einem Jahr tauften Hanreti in der Schüür ihre zweite Platte «Cuetrigger». Damals: volles Haus, drei Schlagzeuger, grosse Sause.

Jetzt: 50 statt 500 Leute, kleiner Neubad-Keller, Donnerstagabend. Doch der kleine Rahmen entspricht der Band eigentlich viel besser. Hanreti spielten ein vollends überzeugendes Konzert, während doch die letzte Plattentaufe den Zuhörer eher ratlos zurückliess.

Jede Plattentaufe ein Ereignis

Hanretis aktuelles Album «Deep Sea Dream» ist bereits im Oktober erschienen, in der Zwischenzeit spielten sie mit dem neuen Material bereits eine Handvoll Konzerte. Dass sie das Werk erst jetzt mit einigen Monaten Verspätung in Luzern präsentieren, passt zu dieser eigenwilligen Truppe. Denn der übliche Fahrplan – Platte rausbringen, taufen und dann auf Tour – ist nicht Hanretis Ding. «Bei jeder Plattentaufe soll etwas passieren, das nur dort passiert. Nicht einfach ein Konzert, das per Zufall die Plattentaufe ist», sagte Sänger Timo einst zu zentralplus.

Nun taufen sie also ihre aktuelle Platte unter dem Label «Basement Series» über drei Abende verteilt vor einem kleinen Publikum in familiärer Atmosphäre (geschätzte 80 Prozent der Anwesenden waren selber Musiker). Am Freitag und Samstag geht’s mit jeweils anderen Vorbands weiter.

Mehr als 50 Personen darf der Neubad-Keller im Moment ohnehin nicht schlucken, was das Ganze für das Publikum platztechnisch sehr angenehm macht. Man kann sich ungehindert vom Bühnenrand zur Bar und hinauf auf die Galerie bewegen.

Entspannte Songs

Die Songs auf «Deep Sea Dreams» atmen die Sonne. Sie kommen entspannt daher, strahlen Wärme aus und gehen flugs in Gehörgänge und Beine. Statt Sonne gab's im Keller Reflektionen von sieben Discokugeln dicht über den Köpfen der Musiker.

Hanreti im Neubad-Keller mit Sänger Timo Keller.
Hanreti im Neubad-Keller mit Sänger Timo Keller. (Bild: jwy)

Sänger, Songschreiber und Produzent Timo Keller ist ein Getriebener seiner Einflüsse, die er quer durch die Musikgeschichte aufsaugt. Ein Entdecker, der seine kindliche Neugier in erstaunlich eingängige und zeitlose Folk-Pop-Songs verarbeitet – mit Einflüssen von Funk, Soul und Jazz.

Hanreti begannen ihr Set zur fortgeschrittenen Stunde minimalistisch, präzise und tasteten sich langsam an die Songs. Von Anfang zeigte sich, welche grossartige Band ihn begleitet: Schlagzeuger Mario Hänni, Bassist Rees Coray und Gitarrist Jery Sigrist. Allesamt Musiker, die auch in anderen Projekten aktiv sind. Zudem wurden sie von Lukas Weber an der Perkussion unterstützt.

Chirurgische Präszision

Das ist eine Truppe, die ihre Spielfreude in präzise Bahnen lenkt und im richtigen Moment aufdreht. Der Bass groovte eigenwillig und stoisch, das Schlagzeug trieb stilsicher, die Perkussion unterstützte mit chirurgischer Präzision und die Gitarre ist etwas vom Feinsten, das man im Moment in Luzern auf die Ohren bekommt.

Es ist das Klanggerüst, auf dem sich Timo Keller – Bandleader wider Willen – träumerisch und gedankenverloren seiner Stimme, der Akkustikgitarre und Tasten widmen konnte. Oft mit geschlossenen Augen, stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Zwischenmoderationen hat er fast gänzlich an Schlagzeuger Mario Hänni weiterdelegiert, was dieser mit trockener Bravour erledigte.

Die neuen Songs drehen sich um drei Hauptpersonen: Poncho, den Einzelkämpfer. Rambler, den Tagträumer. Und Marie, die weltoffene Herzlichkeit. Jede Person steckt in Timo Keller, sagt er, je nach Tagesform mal mehr, mal weniger. Wann man sich hier der abgedroschenen Phrase «ehrliche Musik» bemüht, stimmt es.

Es passte irgendwie sehr gut zu Hanreti, dass sie einige Songs des neuen Albums gar nicht erst anspielten an diesem ersten von drei Konzerten, aber das kann ja noch werden. Vermisst hat man jedenfalls nichts an diesem Abend. Das Set stimmte, die Band ist gut geschmiert und versprühte ansteckende Spielfreude und Coolness.

Teil 2 und 3 folgen

Als Support trat früher am Abend eine Band namens Moving Target auf, von der die meisten noch nie gehört haben. Aber die Gesichter sind bekannt: Mitch Gsell am Gesang und Gitarre (einst bekannt von Guy Vincent), Patrik Zosso an allerlei Elektronik (einst ein Teil von Marygold), dazu am Schlagzeug Arno Troxler (zum Beispiel bei Monotales, Kopf des Jazzfestival Willisau).

Die Vorband am Donnerstag: Moving Target mit Patrik Zosso (links), Mitch Gsell und Arno Troxler (rechts).
Die Vorband am Donnerstag: Moving Target mit Patrik Zosso (links), Mitch Gsell und Arno Troxler (rechts). (Bild: jwy)

Man wusste die ziemlich borstigen Beats und Sounds nicht so recht einzuordnen. Zwar hatte es seinen Reiz, wie die verworrenen Beats auf die klare Soulstimme von Gsell prallten, aber doch klang das Ganze noch unausgegoren. Ein Work in progress, von dem man nicht weiss, wohin er noch führt.

Weiter geht’s am Freitag und Samstag mit Teil 2 und 3 der Hanreti-Plattentaufe im Neubad-Keller. Als Gäste dabei sind Sweet Old (Sämi Gallati, Silvan Schmid und Jeremy Sigrist) und Tropaz (Thomas Tavano, Christian Winiker und Tobias Hunziker).

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