Die Luzernerin Heidi Happy bei einem Auftritt im «Schtei» in Sempach. (Bild: zvg)
Kultur Musik

Die Luzernerin Heidi Happy bei einem Auftritt im «Schtei» in Sempach. (Bild: zvg)

Das Lokal, in dem Musiker vor den Zuhörern erschrecken

9min Lesezeit

Musik in einer Höhle: Mitten in Sempach organisiert ein Team um Marco Sieber monatlich Konzerte in einem der ungewöhnlichsten Lokale im Kanton. Das spezielle Ambiente hat sich rumgesprochen und findet auch ein Publikum aus der Stadt. Nun steht für den Mini-Raum eine grosse Veränderung an.

Der «Schtei» in Sempach ist einer der ungewöhnlichsten und gleichzeitig charmantesten Kulturräume des Kantons. «Im Schtei» heisst er ausgeschrieben und befindet sich mitten im Städtchen Sempach in der kleinen Kronegass.

Von aussen könnte man diesen «Kulturmonolithen» übersehen. Kein Wunder, der «Schtei» befindet sich im Untergrund. Über eine unscheinbare kurze Treppe geht’s hinunter, durch eine Holztüre – und man findet sich in einer nackten Sandsteinhöhle wieder. Früher wurde hier Käse und Wein gelagert, bis 1997 vier Sempacher den Raum entdeckten und ihn zu einem Kulturlokal umnutzten.

In dieser kühl-heimeligen Atmosphäre veranstaltet die gleiche Gruppe nun seit 20 Jahren ununterbrochen Konzerte, in der Regel eines im Monat. Das anfängliche Viererteam ist mittlerweile auf zwölf Personen angewachsen, die ehrenamtlich mithelfen.

Hier hört man noch zu

Die Stimmung ist hier einzigartig. Das ist für einmal keine Floskel, und das bestätigt, wer hier aufgetreten ist. Hier hört man noch zu. «Das ist der grosse Unterschied zwischen Konzertlokalen auf dem Land und in der Stadt, bei uns wird einfach nicht geschwatzt», sagt Marco Sieber. Er ist Fotograf und Theaterschaffender, zudem Sprachrohr für die Kulturlandschaft. Ohne ihn würde im «Schtei» nichts laufen: Er bucht Bands, hält die Website à jour, ist für Werbung besorgt.

Wieso hier so gesittet zugehört wird, kann auch er nur vermuten. Das liege sicher zum einen an der Grösse, jeder im Publikum ist exponiert. Und wer das Konzert besucht, nimmt in der Regel einen grösseren Weg auf sich. Besucher kommen nicht nur aus Sempach, sondern auch aus umliegenden Gemeinden oder reisen aus der Stadt Luzern an.

Lesley Meguid und MyKungFu (Domi Schreiber) bei einem Auftritt im «Schtei».
Lesley Meguid und MyKungFu (Domi Schreiber) bei einem Auftritt im «Schtei». (Bild: zvg)

Musiker schätzen den Raum – und das Znacht

Boy, Gustav, Jaël, Anna Känzig oder Michael von der Heide: Immer wieder finden Musiker in den «Schtei», die sonst in grösseren Locations auftreten. Das hat mit den Kontakten von Marco Sieber zu tun, aber ebenso mit dem guten Ruf, dem Ambiente und der fast schon legendären Verköstigung der Musiker. «Bei den Musikern ist unser Ruf fast besser als beim Publikum», sagt Marco Sieber. «Sie schätzen es extrem, dass hier zugehört wird. Das sagen uns alle.» Darum weist er beim Znacht vor dem Auftritt manchmal darauf hin. «Einige Musiker sind erschrocken, weil sie sich eine solche Konzentration nicht mehr gewohnt sind.»

Serie: Kultur abseits der Stadt

In einer Serie stellt zentralplus Luzerner Kulturräume vor, die von Städtern oft links liegengelassen werden. Zu Unrecht, denn die Kultur auf dem Land ist lebendig, vielfältig und findet an charmanten Orten statt.

Die nächsten drei Veranstaltungen im «Schtei»: Freitag, 2. Februar, Gus MacGregor. Samstag, 3. März, The Company of Men (Chris Wicky und Greg Wicky). Freitag 20. April, Buschi & Anni.

Musiker kommen also gerne und fragen teils selber an. Das Publikum jedoch findet den Weg in den «Schtei» nicht von alleine. Es braucht immer wieder neuen Effort, in der Kronegass gibt’s kaum Laufkundschaft, und so kämpft der Keller immer wieder erneut um sein Publikum.

Das Stammpublikum ist klein, trotzdem habe die durchschnittliche Zuschauerzahl in den letzten Jahren zugenommen. Im Schnitt sind's im «Schtei» zwischen 30 und 40 Zuschauern, ab 70 Personen wird’s eng. Ganz ausverkauft ist der Raum eher selten, manchmal kommen auch nur 20 Leute. Ein paar wenige Fans besuchen praktisch jeden Anlass.

Werbeaufwand nimmt zu

Interessanterweise reiste das Publikum früher mehrheitlich aus der Stadt Luzern an, was sicher mit der eher urbanen Ausrichtung der Musik zu tun hat. Inzwischen kommen die Zuhörer vermehrt aus anderen Regionen, sogar aus Zug gebe es Stammgäste.

Nur bei den Sempachern selber muss Marco Sieber immer noch Überzeugungsarbeit leisten, obwohl er selber wieder seit ein paar Jahren in der Gemeinde wohnt. «‹Im Schtei› ist trotz 20 Jahren noch nicht gut verankert in Sempach», gibt er zu. «Wir müssen heute viel mehr Werbeaufwand betreiben.» Website, Social Media, Plakate, Halbjahres-Faltprogramm, da agiert der kleine «Schtei» ganz professionell.

Das «Im Schtei»-Gründerteam 1997 und 20 Jahre danach:

Was Marco Sieber immer wieder verwundert und auch belustigt: «Wir werden in Sempach immer noch als jung wahrgenommen, und so kommen gewisse Leute nicht zu uns, weil sie das Gefühl haben, sie seien zu alt.» Als 20-Jährige haben sie hier angefangen – und diesen jugendlichen Spirit scheinen sie in gewissen Köpfen nicht mehr loszuwerden.

«Wir sind nicht jung und nicht innovativ!», sagt der heute 40-jährige Sieber und lacht. «Wir kämpfen immer noch gegen dieses Klischee.» «Im Schtei» sei alles andere als innovativ – und will es auch gar nicht sein: «Wir bieten einfach ein regelmässiges Konzertprogramm auf dem Land – eine verlässliche kulturelle Grundversorgung.»

Klein genug

Wie hat es der «Schtei» geschafft, seit 20 Jahren zu bestehen? Ganz einfach: Man glaubt an die Sache und hat sich nie übernommen. «Wir sind klein genug, dass niemand auf die Idee kommt, das zu professionalisieren», erklärt Marco Sieber.

Vieles ist über die Jahre gleich geblieben: Etwa die fast schon ikonografischen schwarz-gelben Plakate von Erich Brechbühl (ebenfalls im Gründerteam).

Die Idee entstand aus der Not heraus: Billig und einfach mussten die Plakate zu drucken sein, dennoch hob sich das knallgelbe Papier von der Masse ab. Inzwischen erkennt man die «Schtei»-Plakate von weitem, auch wenn sie nicht immer gleich gut lesbar sind. «Wir fallen auf, weil wir seit Jahren das Gleiche machen», sagt Sieber.

Sechs «Schtei»-Plakalte, alle im typischen Gelb.
Sechs «Schtei»-Plakalte, alle im typischen Gelb. (Bild: zvg/Erich Brechbühl)

Ein Glücksfall naht

Doch das angebrochene 21. Jahr dürfte das Letzte in diesem Rahmen sein, es kommt eine grosse Veränderung auf den «Schtei» zu: Das alte Haus neben dem Keller wurde verkauft und wird abgerissen. Was wie eine Bedrohung klingt, löst bei Marco Sieber Euphorie aus. «Für uns konnten alle Wünsche erfüllt werden, das ist ein Glücksfall», sagt er. Doch noch ist nicht alles im Trockenen, das Projekt steckt erst in der Planung.

Aber die Aussicht ist gut: Die Korporationsgemeinde hat das Haus gekauft und will den Raum weiter dem Schtei-Team zur Verfügung stellen. «Wenn ein Investor das Haus gekauft hätte, wär da wohl eine Tiefgarage hingekommen», sagt Sieber.

Diese zwölf Leute halten den «Schtei» am Laufen – Marco Sieber hinten mit Brille.
Diese zwölf Leute halten den «Schtei» am Laufen – Marco Sieber hinten mit Brille. (Bild: zvg)

Der «Schtei» ist jetzt in die Neubaupläne integriert und erhält ein Upgrade: Der kleine Kulturraum, wo jahrelang auf engstem Platz improvisiert wurde, bekommt ein grösseres Foyer, eine Garderobe, einen Backstage, ein neues Lager und endlich sanitäre Anlagen (bisher musste man für diese Bedürfnisse ins benachbarte Restaurant).

Der «Schtei im Exil»

Für die Bauzeit wird der «Schtei» vorübergehend ausziehen müssen – voraussichtlich ab November für einige Monate. Oder länger, das alte Gebäude könnte noch die eine oder andere Überraschung bereithalten.

Auch dafür hat Marco Sieber bereits Ideen, er will die Übergangszeit als «Schtei im Exil» nutzen. Mit Veranstaltungen in anderen Räumen, vielleicht auch mal was Grösseres. «Zum Glück gibt es in Sempach einige Räume, die der Korporationsgemeinde gehören», sagt Sieber. Er denkt an die Zehntenscheune, wo er schon Jugendtheater inszenierte, an die Kirche St. Martin auf Kirchbühl, eine der ältesten im Kanton. Oder Orte ausserhalb von Sempach, etwa das Stiftstheater Beromünster oder andere Veranstalter auf dem Land.

Die Sandsteinhöhle selbst aber, die soll so bestehen bleiben. Sie hat dem Raum schliesslich ihren Namen gegeben. «Das Ambiente ist das, was unser Lokal einzigartig macht», sagt Marco SIeber.

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