Shen Te (Sandra Kull) und Yang Sun (Thomas Kühl) träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Sie von der Liebe, er von der Fliegerei. (Bild: Daniela Herzog)
Kultur Theater Rezension

Shen Te (Sandra Kull) und Yang Sun (Thomas Kühl) träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Sie von der Liebe, er von der Fliegerei. (Bild: Daniela Herzog)

Anschubfinanzierung zum guten Handeln

5min Lesezeit

Farbenfroh, lebendig und äusserst aufwendig: Die Zuger Spiillüüt inszenieren Brechts Parabel «Der gute Mensch von Sezuan» erstmals in einer Mundartfassung des Regisseurs Peter Niklaus Steiner. Dabei ist nicht nur der Burgbachkeller gut gefüllt, sondern auch der kleine Tabakladen von Shen Te.

Kann ein Mensch gleichzeitig sich selber und anderen gegenüber gütig sein? Gibt es überhaupt noch gutes Handeln in einer korrumpierten Welt? Wie lassen sich Nächstenliebe und Kapitalismus vereinbaren? Brecht scheute sich schon vor 75 Jahren nicht, solch grosse Fragen in seinen Stücken zu thematisieren.

In seinen äusserst vielschichtigen und dichten Stücken schaffte er es auf unterschiedlichen Ebenen und mit zahlreichen Stilmitteln, das Publikum zu aktivieren und zum Denken anzuregen. Die Zuger Spiillüüt nehmen die Geschichte der Prostituierten Shen Te wieder auf und inszenieren Brechts vereinfachte Broadway-Fassung im Zuger Burgbachkeller.

Shen Te scheint der einzige gute Mensch in der Provinz Sezuan zu sein. Sie ist es auch, die den drei Göttern Unterkunft gewährt. Als Dank erhält sie 1’000 Silberdollar und kauft sich davon einen Tabakladen, wo sie viel Gutes tun will.

Als dann die halbe Verwandtschaft bettelnd und schmarotzend in den Laden kommt und Shen Te vor lauter Güte fast zerrissen wird, schafft sie sich den Cousin Shui Ta als Alter Ego an, der wirtschaftlich und rational zu handeln vermag.

Tolle schauspielerische Leistung

Regisseur Peter Niklaus Steiner gelingt es, mit viel Gespür und Liebe zum Detail den Laienschauspielerinnen und -schauspielern die Figuren auf den Leib zu schneidern. Sandra Kull brilliert in ihrer Doppelrolle als Shen Te und Shui Ta und wandelt sich immer wieder von der weichen, grazilen Prostituierten zum kühlen, kantigen Geschäftsmann, der in Michael Jacksons Moonwalk-Style auch mal geschliffen über die Bühne tanzt.

Die Götter begegnen zum ersten Mal dem Wasserverkäufer Wang (v.l.: Helmut Angerler, Beatriz Mondin, Rémy Frick).
Die Götter begegnen zum ersten Mal dem Wasserverkäufer Wang (v.l.: Helmut Angerler, Beatriz Mondin, Rémy Frick). (Bild: Daniela Herzog)

Kostümbildnerin Agatha Imfeld unterstreicht den Rollenwechsel mit den passenden Kleidern. Der gutmütigen Shen Te verpasst sie ein orange leuchtendes Kleid, Netzstrümpfe und Pumps, dem kalkulierenden Shui Ta den massgeschneiderten schwarzen Anzug mit gaunerhaftem Fedorahut. Doch nicht nur Shen Te hat ein Alter Ego. Auch der Wasserverkäufer Wan – ausdrucksstark und witzig gespielt vom Zuspi-Präsidenten Rémy Frick – hat zwei Gesichter.

Toll ist die Szene zu Beginn des Stücks, in welcher er sich von den Göttern davonschleicht, weil er glaubt, ihnen keine Unterkunft gewähren zu können. Langsam verschwindet er von der Bühne, mal überfreundlich die Götter anlächelnd, mal sorgenvoll und voller Selbstvorwürfe sich von ihnen abwendend. Als singender Wasserverkäufer im Regen entwickelt er sich zum Running Gag des Abends und sorgt für einige Lacher im Publikum.

Zu viel vorgenommen

Brechts episches Lehrstück vereint eine Vielzahl von Orten, Personen und dramaturgischen Techniken. Bald werden Dialoge gesprochen, bald wird gesungen und hin und wieder wendet sich auch jemand ans Publikum. Um diese verschiedenen Ausdrucksmittel zu differenzieren, lässt Steiner auch mal synchron sprechen. Leider funktioniert das bei den Göttern noch nicht so gut, weshalb diese Einlagen manchmal schwer verständlich sind.

Der Präsident der Zuger Spiillüüt Rémy Frick verkörpert den umtriebenen Wasserverkäufer Wan mit toller Mimik.
Der Präsident der Zuger Spiillüüt Rémy Frick verkörpert den umtriebigen Wasserverkäufer Wan mit toller Mimik. (Bild: Daniela Herzog)

Auch in Sachen Bühnenbild hat sich das Team viel vorgenommen, vielleicht zu viel. Die unterschiedlichen Szenen sind zwar von der Bühnenbildnerin Sandra Kull stimmungsvoll inszeniert, sehr schön beispielsweise der Stadtpark mit den hohen Bäumen. Doch mit den milchigen Glastrennwänden, der Ladeneinrichtung und den zahlreichen Leuten ist die Bühne manchmal sehr voll, sodass man fast die Übersicht verliert. Weniger wäre hier mehr.

Mit offenen Fragen zurückgelassen

Fast schon märchenhaft sind die wiederkehrenden Begegnungen Wans mit den umherwandelnden Göttern. Zu zauberhaften, liebreizenden asiatischen Klängen, eigens komponiert vom musikalischen Leiter Guido Weber, erscheinen die drei in farbigen asiatischen Gewändern eingehüllten Götter dem Wasserträger in seinen Träumen.

Auf der Suche nach guten Menschen sind sie zum Schluss aber sichtbar angeschlagen, gehen an Krücken und tragen schmerzhafte Wunden. Als dann Shen Te zum Schluss eingesteht, die Gebote der Götter, zu sich selber und zu anderen gut zu sein, hätten sie innerlich zerrissen, hören die Götter nicht hin. Es sei alles in bester Ordnung.

Auf einer rosaroten Wolke ziehen sie sich geschickt aus der Affäre und lassen nicht nur Shen Te mit vielen offenen Fragen zurück, sondern auch das Zuger Publikum, das die Zuger Spiillüüt mit einem herzlichen Applaus verabschiedet.

Bis 17. Februar, Burgbachkeller Zug

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