«Haetti» anno 1968 in seinem damaligen Atelier in Buonas. Der «Stumpe» durfte natürlich nicht fehlen. (Bild: Kunstbuch W. Haettenschweiler)
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«Haetti» anno 1968 in seinem damaligen Atelier in Buonas. Der «Stumpe» durfte natürlich nicht fehlen. (Bild: Kunstbuch W. Haettenschweiler)

Rebellisch, vielseitig und ein Zuger Stadtoriginal

10min Lesezeit

Er hat das Zuger Erscheinungsbild stark geprägt: Der Grafiker und Schriftgestalter Walter F. Haettenschweiler. Seit über einem Jahr wird sein Nachlass erfasst. Im Fokus stehen soll in einer Ausstellung bald auch unbekanntere Kunst des Stumpen rauchenden Stadtoriginals – obwohl Haettenschweiler eigentlich gar nie Künstler sein wollte.

Die Menge an Material ist bemerkenswert. Es stapeln sich Dokumente, Bücher, Schachteln, Bilder, Postkarten, Briefmarken und Designs. Regale platzen aus allen Nähten. Wir befinden uns an der alten Steinhauserstrasse in Cham, wo die Familie Haettenschweiler für den Nachlass ihres im Oktober 2014 verstorbenen Vaters Walter, Zuger Grafiker und Künstler, ein Archiv angemietet hat.

Ausstellung Walter F. Haettenschweiler

Bevor die Werke aus dem Nachlass verteilt werden, findet nochmals eine Ausstellung ausgesuchter Werke statt.

Ort: Kunsthandlung & Galerie Renggli, Ober-Altstadt 8, 6300 Zug

Vernissage: Samstag, 27. Januar, von 17.00 bis 19.00 Uhr

Finissage: Samstag, 17. Februar, von 13.00 bis 16.00 Uhr

Die Ausstellung ist während dieser Zeit von Dienstag bis Freitag (14.00–18.30 Uhr) und am Samstag (10.00–16.00 Uhr) geöffnet. An der Vernissage werden Prof. Rudolf Barmettler, Dozent für Schrift und Typografie an der ZHdK, sowie der Zuger Kulturschaffende Remo Hegglin sprechen.

Seit über einem Jahr nun wühlt sich Tochter Sasha, ihres Zeichens Designerin, gemeinsam mit dem Kunstforschenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), Michael Hiltbrunner, durch den Nachlass. Alles wird erfasst und bewertet – ein Grossteil wird nach der Ausstellung in Zug Ende Januar (siehe Kasten) an das Staatsarchiv Zug, an das Museum Burg Zug wie auch ins Museum für Gestaltung in Zürich und an die ZHdK gehen.

Wir besuchen die beiden einen Vormittag bei der Arbeit und lassen uns das Stumpen rauchende Stadtoriginal erklären, das Stammgast und Schachspieler im früheren Café Ritz am Landsgemeindeplatz war.

Viel «Haetti» lässt sich in Zug entdecken

Berühmt geworden ist der Zuger vor allem als Grafiker und Schriftgestalter. An die 80 Schriften hat er zu Lebzeiten entworfen, hinzu kommen zahlreiche Logos für Firmen, Vereine und andere Organisationen. Das Erscheinungsbild von Zug hat er mehr geprägt, als man vermuten mag: Ob Oswald, Multiforsa, Confiserie Speck, die Zuger Kantonalbank, Risi, Hodel oder die ehemalige Marc Rich AG – die Liste der Kunden, für die Haettenschweiler Logos, Prospekte und Schriftzüge designte, ist lang.

Schachteln und Büchsen mit designten Logos und Schriften: Unter anderem auch für Oswald, Multiforsa und die Speck-Confiserie.
Schachteln und Büchsen mit designten Logos und Schriften: unter anderem auch für Oswald, Multiforsa und die Confiserie Speck. (Bild: lob)

Mitte der 50er-Jahre machte sich der Künstler mit seinem «Studio für Werbung und Design» selbstständig, fast 50 Jahre lang betreute er damit Kunden. «Ob grosse oder kleine, das war ihm nicht so wichtig», erzählt Tochter Sasha. Wichtig sei ihm die Vielfalt gewesen. Deshalb betreute er, das zeigt ein Blick in die Unterlagen, gut an die 100 verschiedenste Kunden allein im Kanton Zug. Für viele habe er sogar Geburtstags- und Hochzeitskarten erstellt, auch Freundschaften hätten sich so einige ergeben.

«Gereut hat es ihn, dass nie eine Kosmetikfirma darunter war», sagt sie weiter schmunzelnd. Besonders ist, dass er für die Aufträge oft nicht nur die Logos und Werbesprüche, sondern auch die Illustrationen machte. «Langläufig gilt die Meinung, dass Grafiker oft nicht selbst illustrieren», erklärt Michael Hiltbrunner. «Teilweise stimmt das auch», fügt der Kunsthistoriker an – «aber bei Walter Haettenschweiler war dies durchaus nicht der Fall.»

Heimatbezogen mit rebellischem Stil

In den 60er-Jahren entwickelte sich, vor allem geprägt von Zürcher Exponenten, die Grafikrichtung «Swiss Style», die sich durch sachliches und schlichtes Design auszeichnete. «Heute wird ‹Haetti› als Vertreter der Richtung genannt, nur damals passte er nicht wirklich ins Schema», sagt Hiltbrunner. Weil es zu der Zeit kaum Sammlungen von Schriften gab, diese noch mühsam abgepaust wurden oder es nur einzelne Buchstaben gab, realisierte Haettenschweiler für das vom Fotografen und Typografen Armin Haab mit Alex Stocker herausgegebene Buch «Lettera» mehrere Schriften. Es sollte eine Mustersammlung werden, die eigene Werke, aber auch Schriften aus der ganzen Welt enthielt.

Walter Haettenschweilers Tochter Sasha (links) und der Kunstforschende Michael Hiltbrunner sichten zurzeit den grossen Nachlass.
Walter Haettenschweilers Tochter Sasha (links) und der Kunstforschende Michael Hiltbrunner sichten zurzeit den grossen Nachlass. (Bild: lob)

Daraus wurde unter dem Namen «Lettera» zwischen 1954 und 1972 schliesslich eine vierbändige Serie von Haettenschweiler und Haab, die in mehreren Sprachen und Auflagen auf verschiedenen Kontinenten verkauft wurde. «Geradlinige Schriften ohne viel Schnörkel waren damals im Trend», sagt Michael Hiltbrunner. «Was da drin an Schriften von Walter Haettenschweiler selbst war, das war teilweise fernab von gradlinig, sondern verspielt und untypisch – zum Teil schlicht reine Provokation, wenn man sie mit dem Swiss Style verglich», lacht Hiltbrunner.

Am Tisch, umgeben von Grafiken und Illustrationen.
Am Tisch, umgeben von Grafiken und Illustrationen. (Bild: zvg)

Bis auf mehrere kleine Aufenthalte in Frankreich hat er Zug nie verlassen. «Es hat ihn fürs Arbeiten nie wirklich in die Fremde gezogen», erzählt auch Sasha Haettenschweiler. Obwohl der Vater schon gereist sei und Einflüsse mit in die Werke gebracht habe. Anders als andere Zeitgenossen pflegte Haettenschweiler auch nicht einen einzelnen, unverkennbaren Stil. In einem Interview im Zuge von «wiiter verzelle», welche die Geschichten von Zugern auf Video erzählt, erklärte das Multitalent denn auch, dass er das nicht gewollt habe: Bei einigen Kreationen habe man vermutlich gar nicht erkannt, dass er dahinterstecke. Er habe jeweils versucht, sein Schaffen auf den Kunden bestmöglich anzupassen – und nicht primär einen eigenen oder eben unverkennbaren Stil reinzubringen.

Fokus auf Kunst abseits der Schriften

Doch nicht nur Schriften und Logos, auch weiteres Schaffen des Verstorbenen findet oder fand sich im Kanton – wie etwa die Plastik des ehemaligen Restaurants Löwen in Steinhausen sowie das Holzrelief «Jesus und die 12 Apostel» in der reformierten Kirche Zug. Und wenn wir uns im Raum umsehen, staunen wir nicht schlecht, was im Laufe der Zeit alles entstanden ist. Obwohl Haettenschweiler auch noch fünf Kinder hatte, die heute – wie auch Tochter Sasha – zum Teil gestalterisch tätig sind.

Im Nachlass finden sich noch diverse Vorlagen für die designten Briefmarken.
Im Nachlass finden sich noch diverse Vorlagen für die designten Briefmarken. (Bild: lob)

«Haetti» malte auch leidenschaftlich. In jungen Jahren mehr, dann als Ausgleich zum Grafikjob. «Schliesslich musste er sich auch noch um die Familie kümmern», bemerkt Tochter Sasha. Zum Hauptberuf machen wollte er die Kunst indes nicht.

In einigen Interviews betonte er, dass er eigentlich nie habe Künstler sein wollen. Der «Brotjob», das waren die Grafiken. Dennoch scheint es, als sei es dem kreativen Kopf wichtig gewesen, dass auch die gemalten Werke Beachtung finden. Ganz im Stile eines findigen Geschäftsmanns platzierte er bei seinen Kunden einzelne Bilder. Oder malte, wie beim Firmensitz der ehemaligen Marc Rich AG, gleich Wandbilder. 2000 erschien auch ein Kunstbuch über seine Werke.

1996 enstand dieses Gemälde mit dem Namen «Hirzel Höchi.»
1996 entstand dieses Gemälde mit dem Namen «Hirzel Höchi». (Bild: Kunstbuch W. Haettenschweiler)

International bekannter als in der Heimat

Durch die Schriftensammlung Lettera wird der «Zuger Seebueb», wie er im Kunstbuch beschrieben wird, international ein Begriff. Die Zeitschriften «Twen» und «Paris Match» verwendeten unter anderen seine Kreationen. Unvergessen machte ihn auch der Softwaregigant Microsoft. Etliche Jahre nachdem Haettenschweiler die Schrift «schmalfette Grotesk» entwarf, nahm Microsoft sie in den Katalog auf und benannte sie nach seinem Zuger Schöpfer. «Die Schrift ist so zeitlos – und somit gutes Design –, dass der Computergigant Microsoft sie viele Jahre nach ihrer Erfindung zur Systemschrift machte», las sich im Nachruf der NZZ. Mehr als die Bekanntheit durch den Namen hatte er nicht davon – das Copyright war inzwischen abgelaufen.

So sieht die Haettenschweiler-Schrift aus, die sich im Katalog von Microsoft befindet.
So sieht die Haettenschweiler-Schrift aus, die sich im Katalog von Microsoft befindet. (Bild: Screenshot microsoft.com)

Auch hierzulande war Walter Haettenschweiler bekannt, entwarf unter anderem an die 20 eidgenössische Briefmarken. Davon finden sich noch diverse Vorlagen im Archiv, die wir uns zeigen lassen. Trotzdem, betont Hiltbrunner, habe der Zuger nicht die Bedeutung oder den Platz gehabt, den er verdient hätte.

Bescheidener Mann, exzentrischer Schaffer

Möglicherweise suchte Walter Haettenschweiler diesen aber auch nicht. Er war niemand, der wetteiferte oder sich übermässig mit anderen verglich, erzählt Tochter Sasha. «Er war ein Macher, ein Anpacker.» Als Person sehr bescheiden – in seinem Schaffen aber oft das Gegenteil. «Wenn es um die Arbeit ging, konnte er sehr exzentrisch, wählerisch, eitel und genau sein.»

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