Szene aus «Tanz 26: Hinter Türen» am Luzerner Theater. (Bild: zvg/Gregory Batardon)
Kultur Rezension

Szene aus «Tanz 26: Hinter Türen» am Luzerner Theater. (Bild: zvg/Gregory Batardon)

Echte «Alternative Fakten» vermisst man im Stück

5min Lesezeit

Einen Blick «hinter die Türen» von Luzern verspricht die Uraufführung des gleichnamigen Tanzstücks, choreographiert von Jo Strømgren. Dieser Blick fehlt aber. Stattdessen wird haufenweise mit Klischees über die Schweiz um sich geworfen. Bleibt zu hoffen, dass die allzu zu plakative Ironie ihrerseits ironisch gemeint war.

Eliya Livas

Das neue Tanzstück «Tanz 26: Hinter Türen» feierte am Samstag Premiere im Luzerner Theater. Die Premiere hätte aber auch in Zürich stattfinden können. Oder in Bern. Oder in einer anderen x-beliebigen Ortschaft in der Schweiz.

Wer auf Insider hofft oder gar auf eine Auseinandersetzung mit dem Untergrund Luzerns, wird enttäuscht. Präsentiert wird stattdessen eine sorgfältige Auswahl an allgemeingültigen Schweizer Klischees, die dem Publikum an den Kopf geworfen werden.

Quoten-Luzerner an Bord geholt?

Damit der Luzerner Bezug nicht vollends willkürlich bleibt, wird Solocellist Gerhard Pawlica mit an Bord geholt. Der ja schliesslich Luzerner ist. Aber eigentlich aus München stammt. Letzteres wird wohl der Grund für seine Offenheit sein. Denn seine Bereitschaft, interdisziplinär zu arbeiten und auch auf der Bühne szenisch mitzuwirken, ist ihm tatsächlich hoch anzurechnen.

Einen choreographischen Blick durchs Schlüsselloch versprach das Stück von Jo Strømgren.
Einen choreographischen Blick durchs Schlüsselloch versprach das Stück von Jo Strømgren. (Bild: zvg/Gregory Batardon)
 

Etwas irritierender ist da schon die Stückauswahl, die am Abend zum Besten gegeben wurde. Camille Saint-Saёns' «Schwan» mag, kombiniert mit weissen Tennis-Outfits, noch als witzig angehen. Dass Pawlica Stücke spielt, die für sein respektables Können schlicht zu anspruchsvoll sind, kann im Kontext der Handlung noch nicht einmal als ironischer Kraftakt interpretiert werden. Schiefe Töne hätten nämlich durch freiere Behandlung des Notentextes umgangen werden können. Pawlica wäre dazu durchaus in der Lage gewesen, wie sein freieres Spiel in einer Anlehnung an arabische Musik bewies.

Und für Bachs berühmte Cellosuite Nr. 1 in G, die gegen Ende erklang, bleibt nur zu hoffen, dass auch dies eine ironische Bezugnahme darstellte. Gleiches gilt für die typisch hautfarbenen Kostüme, in denen die Tänzer des «Tanz Luzerner Theater» zu Bachs Musik performten.

Keine echte Alternative geboten

So wird einem Klischee um Klischee um die Ohren geschlagen, alles unter dem zur Zeit inflationär gebrauchten Stichwort der «Alternativen Fakten». Eine echte Alternative wird im Stück jedoch nicht geboten. Stattdessen beschränkt sich die Handlung darauf, Schweizer Klischees als Strategie von Schweizer Bürgern zu demaskieren.

Diese versuchten, hinter altbekannten Klischees ihre wahren Probleme zu verbergen. Verschwiegenheit als Tugend. Neutralität. Frauenfeindlichkeit. Angst vor dem Fremden. Doch was kommt dahinter? Die Antwort gibt uns das grosse Fragezeichen, das auf dem überdimensionierten Schlüsselloch auf dem Vorhang prangt.

Diese einseitige Betrachtung unterbietet das Potenzial des Stoffes. An echten «Alternativen Fakten» mangelt es. Ansatzweise sind diese im ästhetisch ansprechendsten Tanzstück zu finden, das die Angst vor dem Fremden thematisieren soll.

In Burkas gekleidete Tänzer

Die in Burkas gekleideten Tänzer erschaffen eine mystisch geheimnisvolle Atmosphäre, die Assoziationen an geheime Ordenspraktiken wachruft. An Menschlichkeit gemahnt dabei der Off-Kommentar. Dieser weist auf die Prämisse hin, dass Hände und Augen wohl die ausdrucksstärksten Kommunikationsmittel sind.

Dies wurde in einer wunderschönen, in Burkas getanzten, Choreographie zum Ausdruck gebracht. Zusätzlich wurde dabei der Gegensatz zum zeitgenössischen Tanz aufgemacht, wo die Tänzer nur sehr wenig Kleidung tragen, Augen und Hände dafür verstummen.

«Helvetia-Domina» ist zu viel des Guten

Doch auch diese Szenerie leidet an der zu humoristisch-plakativen Darstellung des Klischees und seiner alternativen Fakten. Auf die Spitze getrieben wird dies, als in einer nächsten Kellerszene eine in roten Lack gewandete Helvetia-Domina die Treppe herunterstolziert und sich von sämtlichen Beamten die Stiefel lecken lässt. Als Provokation zu plump, als Satire zu platt, können sich einige der Zuschauer trotz allem vor Lachen kaum halten. Andere verdrehen gelangweilt die Augen.

An sich enthält die Choreographie selbst einige gelungene und ästhetisch ansprechende Bewegungsabläufe. Teilweise fehlt es etwas an Ausformung, wobei schwer zu sagen ist, ob dies an der Choreographie oder den Tänzern liegt. Letztere haben aber insgesamt eine mehrheitlich gute Leistung gezeigt.

Umso mehr werden weiterführende Gedanken vermisst. Ist dieses Stück nun die Demaskierung einer Strategie? Wenn ja, was machen wir mit dieser Erkenntnis? Versuchen dahinterzublicken? Als sokratisches Nicht-Wissen akzeptieren? Neue Strategien entwickeln? Neue Schlösser anbringen? Oder Luzerner Türen öffnen? Fragen über Fragen, die unbeantwortet bleiben.

Bis 4. Februar 2018, Luzerner Theater

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