Daniela Tweesmann und Irene Straub geben Gas. (Bild: Marcel Habegger)
Kultur Rezension

Daniela Tweesmann und Irene Straub geben Gas. (Bild: Marcel Habegger)

Auf der (erschwerten) Suche nach Liebe und Glück

7min Lesezeit

Moon Walk, Barbie Girl und Nirvana: Im «Le Théâtre» fand am Samstag eine zweifache Premiere statt. Es war die Uraufführung des neuen Stücks «95 – Ninety-Five» und zugleich die Einweihung des neuen Musical-Hauses in Emmen. Das Stück macht Spass, auch wenn es ein paar Unannehmlichkeiten zu überstehen gibt.

Nicole Aeschlimann

Breite Bühne, angenehme Saalgrösse und ein knallpinkes Treppenhaus: Die neuen Räumlichkeiten im ehemalige Kongresszentrum Gersag geben dem Le Théâtre den Rahmen, den es verdient und braucht.

Der neu renovierte Saal ist gelungen und kein Vergleich zum Haus in Kriens. Einzig die Zugluft, die während der ganzen Aufführung deutlich spürbar war, erwies sich als lästig.

Lange Politiker-Reden – kurze Unruhe

Dass sich der Umzug gelohnt hat, merkte man an den diversen Reaktionen lokaler Politiker. Bevor die Schauspieler starten konnten, ergriffen mehrere Redner das Wort - darunter Rolf Born, Gemeinderat von Emmen und Damian Müller, Ständerat des Kantons Luzern. Diese betonten den immensen Mehrwert, den der Kulturbetrieb für Emmen bringen solle. Leider zog sich das unerwartete Vorprogramm in die Länge, so dass beim Publikum Unruhe aufkam.

Der Beziehungsknatsch beginnt: Mutter Laura, Tochter Leonie, Vater Julian, Tochter Sara und Grossmutter Susanne beim Brunch.
Der Beziehungsknatsch beginnt: Mutter Laura, Tochter Leonie, Vater Julian, Tochter Sara und Grossmutter Susanne beim Brunch. (Bild: Marcel Habegger)

Doch dann ging es endlich los: Die Premiere startete mit einer Hochzeit. Der Einstieg in die Geschichte war etwas holprig. Es fiel einem zuerst schwer, die einzelnen Figuren einzuordnen. Erst nach und nach ergab sich die Struktur, wie die Charaktere zueinanderstehen. Beim Familienbrunch waren die wichtigsten Figuren aber klar, und der Knatsch nahm seinen Lauf.

Die Story in Kurzform

Laura (Maren Kern) und Julian (Christian Sollberger) haben 1995 geheiratet. In den folgenden Jahren haben sie sich zusammen eine Tanzschule aufgebaut. 2017 zählen zwei Töchter im Teenageralter (Jessica Lapp und Noé Kilchenmann), diverse Beziehungsprobleme und eine verlustschreibende Tanzschule zum Alltag des Ehepaares. Die nörgelnde Grossmutter (Daniela Tweesmann) hat den Schwiegersohn nie recht akzeptiert und schiebt ihm die Schuld an den roten Zahlen in die (Tanz-)Schuhe.

Zu allem Übel taucht da plötzlich Lauras Ex-Freund Frank (Alexander Ruttig) auf, der mit einem zu guten Angebot aushelfen will. So nimmt das Unglück seinen Lauf. Darin verpackt sind die Nöte der Töchter, die beide unglücklich verliebt sind. Wie sich das Ganze doch noch zum Guten wendet, sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Adriano Piccione alias schwuler Nicola (rechts) küsst den gar nicht schwulen Maximilian (Jan Grossfeld, links).
Adriano Piccione alias schwuler Nicola (rechts) küsst den gar nicht schwulen Maximilian (Jan Grossfeld, links). (Bild: Marcel Habegger)

Ein spielfreudiges Ensemble auf hohem Niveau

Die Story hatte ein paar Längen, wartete jedoch mit einigen amüsanten Szenen auf. Beispielsweise als Julian den Hit «Lemon Tree» von Fools Garden zum Besten gab. Der Liedtext wurde von vier Tänzern und passenden Requisiten in überdrehter Weise ergänzt. Fragezeichen, ein blaues Plakat und ein Zitronenbaum wurden an passender Stelle ins Bild gesetzt. Eine überaus gelungene Szene, die beim bunt gemischten Publikum hörbar gut ankam.

«Vor allem die jüngeren Darsteller gaben auf der Bühne Vollgas.»

Bei den SchauspielerInnen war die Spielfreude spürbar. Vor allem die jüngeren Darstellerinnen und Darsteller gaben auf der Bühne Vollgas. Die meisten Charaktere waren schön ausgereift. Besonders zu nennen ist Daniela Tweesmann, die als Susanne die Grossmutter der beiden Teenager mimte. Ihre überspielte direkte Art sorgte für einige Lacher im Publikum.

Adriano Piccione belebte mit seiner wunderbaren Darstellung des schwulen Nicola die Szenen. Noé Kilchenmann, die die jüngere Tochter Leonie spielte, war der heimliche Star des Abends. Mit ihrer Interpretation von Barbie Girl hatte sie das Publikum im Nu für sich eingenommen. Generell war das Sing- und Tanzniveau hoch – von falschen Tönen keine Spur.

Tänzerinnen und Tänzer der Tanzschule bei einer «Aufführung» für das Dorffest.
Tänzerinnen und Tänzer der Tanzschule bei einer «Aufführung» für das Dorffest. (Bild: Marcel Habegger)

Der Text muss passen

«What is Love», fragte Haddaway 1993. Diese Frage trifft auch auf die Handlung von «95 – Ninety-Five» zu. Die Charaktere sind auf der Suche nach der Liebe und dem Glück. Nur wird diese Frage nicht in tiefgründiger Philosophie abgehandelt, sondern in einer leichten Komödie mit vielen Songs aus den 90ern. Die Songspanne geht von Lou Begas «Mambo No 5» über «You Raise Me Up» von Westlife zu Ricky Martins «Livin’ la Vida Loca» als Finale. Zudem hat Arno Renggli, musikalischer Leiter und Keyboarder, eigens für dieses Musical den kitschigen Ohrwurm «Here in 95» komponiert.

«Möglicherweise ist dies der Grund, weswegen nicht allzu viele rasante Songs ausgesucht wurden.»

Die Songs sind gut gewählt. Der jeweilige Liedtext unterstützt die Handlung. Möglicherweise ist dies der Grund, weswegen nicht allzu viele rasante Songs ausgesucht wurden – weil der Text passen musste. Das war etwas schade, da das Publikum vor allem bei den schnellen Tempi kräftig mitklatschte.

Zu leise?

Für eine Premiere lief die Show zumindest vordergründig äusserst rund. Es gab keine grösseren Schnitzer. Es ist grundsätzlich zu begrüssen, dass die Lautstärke nicht überdreht war. Es könnte der Stimmung im Saal und dem Drive der Story aber guttun, sie ein klein wenig anzuheben.

Das neue Musical des Le Théâtres will die Kunst nicht neu erfinden, doch es bietet eine Story, in die man eintauchen kann. Es gräbt vergessene Songs wieder aus und setzt sie mit amüsanten Charakteren in Szene. Und schlussendlich macht ein solches Musical vor allem eins – Spass und gute Laune!

Weitere Vorstellungen ab sofort bis 6. Januar, jeweils Mittwoch – Samstag um 19.30 Uhr und Sonntag um 15.00 Uhr. Tickets sind für die meisten Vorstellungen noch vorhanden. Wer jedoch vorgängig im angegliederten Restaurant Prélude dinieren möchte, der muss sich unter Umständen beeilen.

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