Theatralischer Auftritt: Theaterclub-Präsident Philipp Zingg überbrachte aus dem Sarg eine frohe Botschaft. (Bild: Ingo Hoehn)
Kultur Politik

Theatralischer Auftritt: Theaterclub-Präsident Philipp Zingg überbrachte aus dem Sarg eine frohe Botschaft. (Bild: Ingo Hoehn)

Ausbruch aus dem Spardiktat: Wenn der Präsident aus dem Sarg steigt

9min Lesezeit

Wie kann die Luzerner Kultur aus dem Spardiktat ausbrechen? Der Theaterclub lud zur Debatte und erhoffte sich neue Lösungen. Es gab zwar keine kontroverse Diskussion, aber doch interessante Voten. Und einen bösen Vorschlag an die Politiker.

Die darbende Luzerner Kulturförderung war an diesem Abend omnipräsent. Der Theaterclub Luzern lud zur jährlichen Versammlung. Und ein Sarg mit Grabkranz, aus dem Präsident Philipp Zingg unter Blitzgewitter stieg, passte bestens zur Szenerie (siehe Box).

Es stand eine kulturpolitische Standortbestimmung auf dem Programm und Zingg erklärte, warum die verantwortlichen Regierungsräte nicht anwesend waren. Finanzdirektor Marcel Schwerzmann und der Kulturchef Reto Wyss hätten sich entschuldigt wegen einer Klausur. «Die verklausulieren sich», so Zingg. Man war unter sich an diesem Abend in der Box des Luzerner Theaters, und man hätte sich einen Vertreter ausserhalb der Kultur gewünscht, an die all die Appelle gerichtet waren – doch dazu später.

Blockade überwinden

Wiederum lancierte der Theaterclub ein Podium mit einem Thema, das nah am kulturpolitischen Geschehen Luzerns ist. Letztes Jahr war es die neue Theaterinfrastruktur (zentralplus berichtete), nun wurde in der Runde die Frage diskutiert, wie die Luzerner Kulturszene auf das Spardiktat reagieren kann – und wie ein «Ausbruch aus der Blockade» aussehen könnte.

Das könnte natürlich suggerieren, dass die Kulturszene untätig ist. Das Gegenteil ist der Fall, wie die Aktionen unter dem Motto «Sichtbarmachung» oder die Landsgemeinde in den vergangenen Monaten zeigten (zentralplus berichtete).

Blick aus Zürich

Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt Zürich, sorgte für einen spannenden Blick von aussen – aus einem Kanton, wo es für die Kultur rosiger aussieht. Und er sagte, dass er über das Geschehen im Tiefsteuerkanton Luzern staune. «Es geht nicht auf, und das hat eine Ursache.» Welche, das war allen klar.

Sie redeten über Lösungen für die Kulturschaffenden (von links): Edwin Beeler, Peter Haerle, Moderator Christof Bühler, Sophie Stierle und Catherine Huth.
Sie redeten über Lösungen für die Kulturschaffenden (von links): Edwin Beeler, Peter Haerle, Moderator Christof Bühler, Sophie Stierle und Catherine Huth. (Bild: Ingo Hoehn)

Theaterregisseur Christof Bühler hat die Runde moderiert. Neben dem Gast aus Zürich waren das die Kultur-Projektleiterin und unermüdliche Lobbyistin Catherine Huth, Regisseurin Sophie Stierle und der Filmemacher Edwin Beeler, Träger des Innerschweizer Kulturpreises.

Sophie Stierle erzählte aus dem langwierigen, bürokratischen und oft brotlosen Leben einer freien Theaterschaffenden. Und berichtete davon, wie nach dem Rückzug des Kantons aus der Kulturförderung nur dank eines aussergewöhnlichen Zustupfs der Stadt eine ihrer Produktionen gerettet werden konnte.

«Ich habe laufend Existenzängste.»

Edwin Beeler, Träger des Innerschweizer Kulturpreises

Edwin Beeler sagte: «Ich habe laufend Existenzängste.» Bei der Filmförderung sei die Zentralschweiz schweizweit Schlusslicht, Besserung ist nicht in Sicht. «Wir wollen hier unsere Sachen machen und nicht nach Zürich abwandern, für mich ist das Ganze sehr makaber.»

Und Catherine Huth sagte, es beelende sie, dass die Kultur von der öffentlichen Hand im Kanton nicht wertgeschätzt werde. «Kulturschaffende sind kleine KMUs, aber es ist verrückt, dass man diese Arbeit den Leuten immer noch klar machen muss.» Ein Politiker habe ihr im Gespräch gesagt: «Kunst kommt aus dem Herzen, nicht aus dem Portemonnaie.»

Knallharte Arbeit

Man hat es nicht dabei belassen, die Schwierigkeiten aufzuzählen. Bühler fragte, wie Lösungen – der Aufbruch – aussehen könnten.

Geldgeschenke fürs Theater

Obwohl es an der 79. GV des Theaterclubs um fehlendes Geld ging, wurden an dem Abend auch Geschenke verteilt. Dank eines erfolgreichen Crowdfundings kamen fast 16’000 Franken zusammen. Das Geld geht an die experimentelle Produktion «Flow My Tears – Das letzte Fest», das im zum Globe umgebauten Luzerner Theater ab März 2018 über die Bühne geht. In einer theatralischen Inszenierung wurde das Geschenk Benedikt von Peter übergeben.

Zudem gehen 7’000 Franken des inzwischen aufgelösten Jugendtheaterclubs an das Luzerner Theaterkollektiv FetterVetter. Dieses leidet wie andere aus der freien Szene unter den aktuellen Kürzungen des Kantons Luzern und kann den Zustupf für eine Produktion 2019 im Kleintheater brauchen.

Peter Haerle nahm die Kulturschaffenden in die Pflicht und erinnerte daran, dass es allein die Politik ist, die darüber bestimmt, wohin das Geld fliesst. «Wir sind uns einig, dass es schlimm ist, aber es ist unsere Aufgabe, das zu beeinflussen. Und das ist knallharte, pragmatische und politische Arbeit.»

Der grösste Teil seiner Arbeit sei, der Politik zu erklären, wie Kultur funktioniere. «Aber genauso muss man vielen Kulturschaffenden erklären, dass das Geld nicht von alleine kommt.» Dafür brauche es Leute, die Brücken zwischen Kultur, Gesellschaft und Politik bauen. Und lobbyieren. «Das müssen auch Künstler noch lernen», so Haerle.

Edwin Beeler sagte wiederum makaber: «Wir müssen die Scheu überwinden und auf Politiker zugehen. Aber das ist eine so langwierige Büez, bis das durchsickert, da bin ich längst im Sarg.» Und Catherine Huth brachte das Dilemma auf den Punkt: «Irgendwann muss man seine Kunst auch noch machen, man kann nicht immer nur erklären.»

Sophie Stierle war einverstanden, dass Politik und Kultur sich gegenseitig besser verstehen müssen. Und sagte über ihre eigenen Gespräche mit Politikern selbstkritisch: «Auch ich habe nicht gewusst, was die den ganzen Tag machen.»

Philipp Zingg (links) übergab an Luzerner-Theater-Intendant Benedikt von Peter ein Geschenk: Fast 16'000 Franken aus einem Crowdfunding.
Philipp Zingg (links) übergab an Luzerner-Theater-Intendant Benedikt von Peter ein Geschenk: Fast 16'000 Franken aus einem Crowdfunding. (Bild: Ingo Hoehn)

Was können Private tun?

Über das bessere Verständnis war man sich einig. Aber was kann man jetzt tun, wenn in den nächsten beiden Jahren je 800’000 Franken für die Kultur fehlen? Könnten private Geldgeber die Lösung sein, die in Luzern in die Bresche springen wollen mit dem neuen «Verein zur Förderung der freien Kulturszene Luzern» (zentralplus berichtete)?

Das Engagement sei zwar zu begrüssen, aber Catherine Huth warnte: «Es ist ein blöder Zeitpunkt. Es ist nicht die Lösung, wenn Private die öffentliche Förderung ersetzen.» Auch Edwin Beeler fand, es sei Aufgabe des Staates, für die Kultur da zu sein.

Das Publikum in der Box lauschte der Debatte.
Das Publikum in der Box lauschte der Debatte. (Bild: Ingo Hoehn)

Es gebe überall die Tendenz, die Kultur aus der Staatsaufgabe zu befreien, sagte Peter Haerle. Etwa, indem man auf Lotteriegelder zurückgreife. «Ich finde das völlig falsch, das muss man bekämpfen.» Für Sophie Stierle geht es ums Prinzip, dass sich die öffentliche Hand Kulturschaffende leiste, die nicht wirtschaftlich denken müssen. «Das geht nur mit nicht privaten Geldern, sonst sind wir nicht mehr frei.»

Haerle verglich Kultur schliesslich mit Grundlagenforschung in der Wissenschaft. «Es ist für die Gesellschaft notwendig, dass man forschen kann, ohne daran zu denken, was für ein Produkt es gibt.» Diese Neugier und das spielerische Ausprobieren seien nicht privat zu finanzieren. «Niemand würde behaupten, es brauche keine Grundlagenforschung, und auch Kunst ist Grundlagenforschung.»

Politiker im Sonnenbergbunker

Die Debatte brachte gute Ideen und Statements – und immer wieder Applaus. Aber es fehlte der Kontrapart. Wo waren die Adressaten aus der Politik?

Schliesslich brach Edwin Beeler mit einer provokativen Sparidee an die Adresse des Kantons das Thema etwas auf. Man könnte den Ritterschen Palast – das kantonale Regierungsgebäude – an einen finanzkräftigen Investor abtreten. Und die Kantonsratssitzungen dafür im Sonnenbergbunker abhalten. «So könnten die Politiker mit gutem Beispiel vorangehen», sagte Beeler.

«2019 haben wir die Chance, wegzukommen von den fünf Herren, die kein Verständnis haben von Kultur.»

Catherine Huth, unermüdliche Lobbyistin

Catherine Huth hoffte schliesslich mit einem Blick in die Zukunft: «2019 haben wir die Chance, eine Wahl zu treffen, um wegzukommen von den fünf Herren, die kein Verständnis haben von Kultur.»

Fazit des Abends: Man muss mehr miteinander reden. Aber jene, die es nötig hätten, waren an diesem Abend nicht da.

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