Harun «Shark» Dogan ist heute in Zürich und Istanbul aktiv. (Bild: zvg)
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Harun «Shark» Dogan ist heute in Zürich und Istanbul aktiv. (Bild: zvg)

Harun «Shark» Dogan – ein Leben wie ein Flipperkasten

9min Lesezeit

Der gebürtige Eschenbacher Harun «Shark» Dogan gehört zu den Pionieren der europäischen Hip-Hop- und Street-Art-Szene. Am Wochenende kehrt der 45-Jährige für das Neusicht-Festival zurück an seine «Homebase» – wo alles mit VHS-Kassetten und Haarsprays begann.

Pascal Gut

«Schöne Sachen machen», das sei immer das Wichtigste für ihn gewesen, erzählt Harun Dogan in einem Café in Zürich, nicht weit von seinem Arbeitsplatz, dem Rawcut Studio Zürich, entfernt. Der 45-jährige Designer und Künstler strahlt trotz seines geschäftigen Alltags eine grosse Ruhe aus, bestellt einen Tee und einen Espresso.

Nach 2002 ist Harun Dogan von Luzern nach Zürich gezogen. Damals sei ihm einfach alles zu viel geworden, mit dem kleinen Luzerner Hip-Hop-Imperium, das er sich mit seinen Kollegen zusammen aufgebaut hatte. «Wir betrieben ein Mode- und ein Musiklabel, unterhielten ein Studio, absolvierten Tourneen und andere Veranstaltungen», erzählt Dogan. Er machte einen Schnitt und fing in Zürich wieder von Null an.

Heute betreibt er eine Design Agentur mit Sitz in Zürich und Istanbul und ist Kurator und Mitbegründer der grössten Schweizer Werkschau für Grafik Design, die im Oktober zum sechsten Mal stattfand.

Weltoffenes Schlüsselkind

Angefangen hat alles in Luzern, wo Harun Dogan 1972 als Sohn türkischer Migranten zur Welt gekommen ist. Die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte er bei einer Tante in der Türkei, in Eskişehir, dem Heimatort seiner Eltern.

«Ich pflege mit allem einen sehr pragmatischen Umgang und habe keine Berührungsängste.»

An seine ersten Jahre in der Schweiz kann er sich nur noch bruchstückhaft erinnern. Er wuchs in Eschenbach auf. Sein Vater arbeitete als Feinmechaniker und seine Mutter in einer Näherei. «So wirst du automatisch zum Schlüsselkind, das jeweils zwischen 16 und 17 Uhr nach Hause kommt und ein wenig mit dem Fernseher aufwächst. Wahrscheinlich stammt daher meine Liebe zu Filmen und zur deutschen Hochsprache», erzählt Dogan.

Harun Dogan in einem Zürcher Café.
Harun Dogan in einem Zürcher Café. (Bild: Pascal Gut)

Zehn Jahre nach ihm kam seine Schwester Aylin zur Welt, die heute als Deutschlehrerin in Eskişehir arbeitet. In seiner Kindheit verbrachte die Familie jeden Sommer vier bis fünf Wochen in der Türkei. «Meine Eltern haben immer ihre ganzen Ferien dafür zusammengespart», erinnert er sich. Als Sohn türkischer Einwanderer hat Dogan kaum negative Erfahrungen gemacht. «In Eschenbach wurde das einem nicht dauernd vorgehalten», sagt er. «Ich glaube, durch das Aufwachsen in den beiden Kulturen wurde ich weltoffener. Ich pflege mit allem einen sehr pragmatischen Umgang und habe keine Berührungsängste.»

Mit elf Jahren, erzählt Dogan, habe er sein erstes eigenes Geld mit Ferienjobs und Bastelarbeiten verdient. So bastelte er etwa aus alten Cola- und Fantadosen Ohrringe, die er für sieben Franken pro Stück an die Mädchen in der Schule verkauft habe. «Bald bin ich mit dem Produzieren kaum noch nachgekommen», erinnert er sich. Das Rüstzeug für solche handwerklichen Tätigkeiten bekam er von seinem Vater mit auf den Weg, der zuhause eine gut ausgerüstete Werkstatt hatte.

Das Breakdance-Fieber infiziert Eschenbach

Es waren die Züge mit Graffiti an den Wagonwänden, die in den amerikanischen Filmen im Hintergrund durchs Bild fuhren, und die Freaks, die in diesen Streifen Breakdance tanzten, welche damals das Interesse der jungen Eschenbacher für Hip-Hop weckte. So etwas wie: «Yeah, das ist geil, das will ich auch machen», habe er sich gedacht. Der Film «Beat Street» von 1984 hat dann die erste grosse Hip-Hop-Welle in Europa ausgelöst. Er und seine Kumpels lernten ihre Breakdance-Bewegungen damals direkt aus den Filmszenen, die sie sich auf den VHS-Kassetten immer wieder ansahen.

Als der Turnverein Eschenbach sein 50-Jahr-Jubiläum in einem grossen Zirkuszelt feierte, wurde die Crew angefragt, ob sie nicht etwas aufführen wollte. Zusammen mit «Muck», einem Kunstturner, der gerade von den Staaten zurückgekehrt war, wo er mit richtigen Breakdance-Profis trainiert hatte, übten sie eine Show ein. Doch damit nicht genug: «Ich fand, dass wir für eine richtige Aufführung auch einen Graffiti-Hintergrund brauchen», erzählt Dogan. Aus Dachlatten bauten sich die Kumpels eine Rückwand zusammen und nagelten Karton drauf, auf den sie ihre Graffitis sprayten. «Unser Sportleiter brachte uns die ersten Dosen – alles Haarsprays!», erzählt er lachend. «Das war mein erster Dosenkontakt.»

«Ich will heute etwas machen, das toll ist und morgen etwas machen, das toll ist.»

Beim Breakdance blieb es nicht. Dogan wurde Mitglied einer Eschenbacher Skaterclique, mit der er in der Nähe eines Schiessstands im Wald eine eigene Halfpipe baute. Mit Kollegen gründete er zudem die Snowboardgruppe «Big Monster Cracker». Erst kürzlich habe er erfahren, dass es diesen Snowboard-Verein noch heute gibt.

«Shark» und «Wrecked Industries»

In den Jahren darauf lernten die jungen Eschenbacher Hip-Hop-Fans in Luzern immer mehr Gleichgesinnte kennen. Dogan machte sich als jugendlicher Breakdancer und Graffiti-Künstler unter dem Pseudonym «Shark» einen Namen. Mit 16 Jahren organisierte er die bis dahin grösste Hip-Hop-Party in Luzern, und ab 1991 publizierte er mit «Make't Better» das erste Graffiti-Magazin der Welt in Farbe. 

Harun «Shark» Dogan vor einem Wallpainting.
Harun «Shark» Dogan vor einem Wallpainting. (Bild: zvg)

Nach seiner Lehre arbeitete Dogan, der sich seit seiner Jugend für Computer begeisterte, in Luzern in einem Computerfachgeschäft. Mit zwanzig Jahren verliess er das Geschäft und machte sich bald darauf selbstständig und gründete die Firma «Wrecked Industries». In den Jahren darauf arbeitete er als Graffiti-Künstler, kreierte eine eigene Modekollektion und wurde Mitbegründer der Schweizer Hip-Hop-Band «Wrecked Mob». «Eins folgte aufs Andere und irgendwie wurde alles immer grösser», rekapituliert er jene Jahre. «Ich nahm mir eigentlich dauernd vor, einen festen Job zu suchen, aber dann zog wieder eine Woche vorbei. Es entstand ein immer grösseres Netzwerk und dann gründeten wir unser eigenes Business mit eigenem Tonstudio, Laden sowie Event- und Bookingagentur.»

Zwischen Management und Kunst

«Ich bin kein Nostalgiker», betont Dogan, denn man müsse auch lernen, loszulassen. Die Zeit mit «Wrecked Industries» war nicht nur einfach. «Es ging immer rauf und runter», sagt er. Damals habe er gelernt, mit Geld umzugehen und Budgetpläne zu erstellen. «Mieten, Löhne, Lagerkosten und so weiter: Das war alles extrem komplex.»

«Das Konsumrad in Istanbul dreht sich gefühlt 25 Mal schneller als in der Schweiz.»

Im Jahr 2002 wurde es ihm schliesslich zu viel und er entschloss sich, einen Schnitt machen. «Es hat sich alles nur noch um das Hip-Hop-Ding gedreht, die Szene war mir zu dogmatisch geworden. Ich wollte mich im Visuellen weiterentwickeln und mich wieder stärker auf Grafik und Kunst konzentrieren.»

Langweilig ist sein Leben auch in Zürich nicht geworden. Sein Alltag heute sei ein wenig wie ein Flipperkasten. Und das sei wahrscheinlich nicht für jeden etwas, sagt er. «Aber ich habe mich mit meinem Multitasking-Hirn daran gewöhnt», so Dogan.

Das Konsumrad in Istanbul

2003 gründete er seine Agentur «Icon Lab» für Graffiti und Grafikdesign, aus der 2009 das «Rawcut Design Studio» hervorging. Er und seine zwölf Mitarbeiter beraten vor allem Mode-, Lifestyle- und kunstaffine Marken in der künstlerischen Umsetzung ihrer Brandings. Zur Arbeit gehört aber auch «viel Gebrauchsgrafik wie etwa Logos und Key Visuals», erzählt er.

2013 gründete er eine zweite Filiale in Istanbul. Jeden Monat fliegt Dogan ein bis zwei Mal in die türkische Metropole. «Wie sich diese Stadt in den letzten 15 Jahren verändert hat, ist unglaublich», so Dogan «Heute dreht sich das Konsumrad in Istanbul gefühlt 25 Mal schneller als in der Schweiz.» Die derzeitige Krise in der Türkei mit ihren politischen Spannungen spürt auch er deutlich: «Es ist alles etwas ernster und businessmässiger geworden. Ich glaube aber fest daran, dass der Groove wieder zurückkommen wird.»

Zurück an der «Homebase»

Der Erfolg des Rawcut Design Studios habe dazu geführt, dass seine künstlerischen Tätigkeiten in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen sind und der Management-Anteil Überhand genommen hat.

Umso mehr freut sich «Shark» darauf, am Neusicht-Festival vom 7. bis 10. Dezember in Luzern ausstellen zu können, wo er eine Auswahl seiner Siebdruck-Prints zeigen wird. «Ich bin immer wieder gerne in meiner Homebase und freue mich darauf, altbekannte Gesichter wiederzusehen.»

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