Digitale virtuelle Realität trifft auf die historischen Figuren aus dem Bourbaki-Panorama. (Bild: jwy)
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Digitale virtuelle Realität trifft auf die historischen Figuren aus dem Bourbaki-Panorama. (Bild: jwy)

Die gemalte «Virtual Reality» trifft auf die digitale

7min Lesezeit

Das Bourbaki-Panorama zeigt, dass es «Virtual Reality» schon im 19. Jahrhundert gab. Es lässt in einer neuen Ausstellung nun analoge Welten auf die digitalen prallen. Das alte Rundbild wird um moderne 360-Grad-Filme ergänzt. Da kann einem mulmig werden.

Die optische Täuschung ist perfekt, der Blick gleitet scheinbar endlos in die Tiefe, die Figuren im Vordergrund sind zum Greifen nah. Geräusche unterstützen die Wirkung. Man wähnt sich mitten im Geschehen, egal, in welche Richtung man sich dreht. «Virtual Reality» in Perfektion.

Die Rede ist nicht von einer digitalen Welt, sondern von Öl auf Leinwand: Das 112 auf zehn Meter grosse Rundbild im obersten Stock des Bourbaki-Panoramas beeindruckt immer wieder von neuem. Wie Maler Édouard Castres hier 1881 eine lebensechte 360-Grad-Welt schuf, war damals das modernste Medium. Das Licht, das von draussen je nach Witterungslage anders auf das Gemälde scheint, verstärkt den Reality-Effekt.

Virtual Reality, damals und heute

Das modernste Medium der heutigen Zeit kann man momentan einen Stock tiefer erleben: Mit Virtual-Reality-Brillen taucht der Besucher im Rahmen der Sonderausstellung «Panorama digital» in verschiedene Filme ein. Die Ausstellung ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Museum und der Forschungsgruppe «Visual Narrative» der Hochschule Luzern.

Das ergibt Sinn: Das alte Rundbild, das französische Soldaten im Val-de-Travers auf der Flucht in die Schweiz zeigt, machte damals schon Geschichte erlebbar. «Das Panorama kann als Vorläufer des 360°-Films betrachtet werden», sagt denn auch Museumsleiterin Irène Cramm. Das historische Panorama-Bild wie auch die Filme geben dem Betrachter das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen.

Comic wird dreidimensional

Wir machen die Probe aufs Exempel und steigen vom Kriegselend runter in die virtuelle Welt, wo uns sogleich Vögel um die Ohren fliegen. Der Film «Flow» von Patrick Portmann zeigt eine ähnlich winterliche Naturlandschaft, durch die auch die gemalten Soldaten stapfen. Der Film wird durch mehrere Beamer auf die gekrümmte Wand projiziert, die Wirkung ist gemeinsam mit der Geräuschkulisse wiederum einnehmend. Die Vögel werden immer zahlreicher, es wird laut und nervös – wir gehen eine Station weiter.

Einen Stock unter dem alten Rundbild gibt es neu ein digitales Rundbild.
Einen Stock unter dem alten Rundbild gibt es neu ein digitales Rundbild. (Bild: jwy)

Nun schotten wir uns endgültig von der Aussenwelt ab und tauchen in die Pixel ein. Etwa in der Animationswelt, die sinnigerweise «Mittendrin» heisst. Kaum haben wir die Brille auf, bewegen wir uns durch eine beeindruckende dreidimensionale Comic-Grossstadt. Wir staunen und zugleich kann es einem mulmig werden, wenn man vor einem Abgrund steht.

Sensoren messen die Körperbewegung und übertragen das auf die Brille. Netterweise erscheint ein blaues Gitter, wenn man sich zu weit entfernt. Zoe Röllin ermöglicht, dass man das zweidimensionale Medium Comic nicht mehr nur liest, sondern durchschreitet. «Das ergibt ganz andere Möglichkeiten im Storytelling», sagt Yasemen Büyükberber, Kuratorin der Ausstellung von der Hochschule Luzern.

Und dann verliert man fast ein Bein

Mulmig wird’s dem Besucher auch im 360-Grad-Film «Täglicher Kampf um Menschenleben», den HSLU-Absolvent Christoph Merkle zusammen mit dem SRF gedreht hat. Der Film zeigt, wie nach einem Unfall mit einem Gabelstapler ein Mann fast sein Bein verliert – und wie sich ein Notfallteam im Unispital Zürich dran macht, das Bein zu retten. Man ist beruhigt, wenn man die Brille wieder abstreifen kann und sich ans Bein greift: alles noch dran.

Still aus «SRF: Täglicher Kampf um Menschenleben – 360°-Film aus dem Schockraum» von Christoph Merkle.
Still aus «SRF: Täglicher Kampf um Menschenleben – 360°-Film aus dem Schockraum» von Christoph Merkle. (Bild: zvg)

Die insgesamt sechs Filme zeigen die technischen Möglichkeiten von virtuellen Realitäten auf – von Virtual-Reality-Brillen über Augmented Reality auf dem Smartphone bis zur Gross-Projektion auf der Leinwand. Der Film «Mother’s Ghost» etwa ist über ein «Oculus Rift»-Headset erlebbar: Über ein Mikrofon hört man seinen eigenen Herzschlag und taucht gleichzeitig in die Haut einer hochschwangeren Frau. Gerade als Mann eine spezielle Erfahrung.

Zauberwort Immersion

Es gibt mehr Gemeinsamkeiten zwischen dem historischen Rundbild und den digitalen Filmen als man meint. Das Stichwort heisst «Immersion» – Eintauchen. Es ist das Zauberwort der digitalen Medienbranche, das man früher zwar so nicht nannte, aber trotzdem schon umsetzte: «Viele Menschen empfinden das immersive Potential dieser Technologie als völlig neuartig», sagt Büyükberber. «Dabei greifen sie oft nur auf alte Ideen zurück und erweitern diese mit digitalen Mitteln.»

Der Autor taucht in die virtuelle Welt ein, hier in jene einer schwangeren Frau.
Der Autor taucht in die virtuelle Welt ein, hier in jene einer schwangeren Frau. (Bild: jwy)

Auch für Édouard Castres war es die grosse Herausforderung, ein enges, langes Tal als rundes Panorama darzustellen. Eine Herausforderung, vor der auch Filmemacher stehen: Wo positioniert man den Betrachter in der Rundum-Welt?

Bourbaki buhlt um junge Kunden

Die Ausstellung könnte für einige, gerade jüngere Menschen, eine Motivation sein, das Bourbaki-Panorama wieder mal zu besuchen, das sie vielleicht als Schüler letztmals gesehen haben. Denn auch wenn das historische Rundbild ein europäisches Kulturdenkmal ist: Das Museum muss als fixe Dauerausstellung erfinderisch bleiben, um die Neugier der Kundschaft zu wecken.

Yasemen Büyükberber (Kuratorin, HSLU), Christoph Merkle (HSLU) und Irène Cramm (Museumsleiterin Bourbaki) vor dem historischen Rundbild.
Yasemen Büyükberber (Kuratorin, HSLU), Christoph Merkle (HSLU) und Irène Cramm (Museumsleiterin Bourbaki) vor dem historischen Rundbild. (Bild: jwy)

Das Bourbaki-Panorama bemüht sich um neue Vermittlungsformen: 2015 gab's eine inzwischen preisgekrönte App (zentralplus berichtete), diesen Frühling bereits eine Virtual-Reality-Ausstellung des australischen Künstlers Stuart Campbell alias «Sutu» am Comix-Festivals Fumetto – und nun also die neue virtuelle Ausstellung.

Eine letzte Station in der neuen Ausstellung ist ein Film von Médecins Sans Frontières, in dem man via Brille mitten in ein Krisengebiet an der syrischen Grenze katapultiert wird. Und hier ist dann sogar der inhaltliche Bezug zum Panorama-Bild gegeben. Dieses glorifiziert den Krieg nicht, sondern stellt das menschliche Leid in den Mittelpunkt.

Ausstellung «Panorama Digital – Von der Malerei zur virtuellen Realität»: 18. November bis 3. Dezember 2017, Bourbaki Panorama Luzern. Öffentliche Führungen: Mittwoch, 22. November, 18 Uhr und Sonntag, 3. Dezember, 11 Uhr.

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