Zu Jules Bonnets Zeiten scheinen Streifen total en vogue gewesen zu sein. (Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 4:5)
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Zu Jules Bonnets Zeiten scheinen Streifen total en vogue gewesen zu sein. (Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 4:5)

Der Luzerner, der Stadt-Indianer und Nietzsche fotografierte

8min Lesezeit

Jules Bonnet war Fotograf in einer anderen Zeit. In einer Zeit der grossen Namen und der grossen Kleider. Und sie alle kamen in sein Studio, um ein Bildnis von sich zu bekommen – aufwändig inszeniert und ausstaffiert. Wir haben im Archiv gewühlt.

Heute muss der gemeine Stadtluzerner beim Spaziergang an der Reuss quasi Selfiestick-Limbo tanzen. Vor 100 Jahren hingegen waren «Photographische Apparate» regelrechte Möbelstücke und nicht für spontane Aufnahmen unterwegs geeignet.

So begab man sich für ein Foto in das Studio eines Professionellen, suchte sich einen passenden Hintergrund und Requisiten aus und liess sich darin, hübsch drapiert und in Szene gesetzt, ablichten.

Es braucht nur das eine Bild

Jules Bonnet war Ende des 19. Jahrhunderts einer der zahlreichen Fotografen in Luzern, der Touristen, stolze Militärs und frisch verheiratete Paare im Studio fotografierte. Einer von vielen wäre er auch geblieben, hätte er nicht an einem Nachmittag im Mai 1882 drei der berühmtesten Philosophen gleichzeitig vor die Linse bekommen. Es handelte sich dabei um das Gespann Friedrich Nietzsche, Paul Rée und Lou Andreas–Salomé. Das Bild zeugt vom Humor der drei Philosophen sowie des Fotografen. Denn Andreas-Salomé soll die Männer ziemlich im Griff gehabt haben.

Das berühmte Foto von Lou Andreas-Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche.
Das berühmte Foto von Lou Andreas-Salomé, Paul Rée und Friedrich Nietzsche. (Bild: zvg )

Das berühmte «Peitschenfoto» ist wegen der mutigen Inszenierung für seine Zeit aussergewöhnlich: Eine Frau spannt zwei Herren vor den Karren und schwingt über ihnen die Peitsche.

Das Bild ist jedoch aus heutiger Sicht nicht viel seltsamer als viele andere Szenen, die zu jener Zeit in den Porträt-Studios der Fotografen entstanden.

Inszenierung mit allen Mitteln

Damals nämlich setzten die Porträtisten ihre Kunden auf kleine Bühnen und gebührend in Szene. Es wurden Leinwände mit gemalten Bergkulissen, antiken Tempelanlagen, romantischen Sonnenuntergängen oder Parkanlagen im Hintergrund aufgezogen.

Im Vordergrund standen den Modellen einige Requisiten zur Verfügung: Möbel, Geschirr, Bücher oder Waffen. Und auch der Boden konnte durch verschiedene Teppiche wunschgerecht angepasst werden.

Es lohnt sich daher, nicht nur das Bild der Berühmtheiten genauer anzuschauen. Jules Bonnet hat in seinem Luzerner Studio, vor schicken Leinwänden und in ausstaffierten Kostümen, tausende Menschen vor der Kamera gehabt. Zum Teil in ganz spannenden Outfits, wie auf folgenden Bildern:

 

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 35:6, PS 33, PS 35:7)

Die heute oft als starr und steif interpretierte Haltung der Poträtierten auf Fotos um 1900 ist kein Zufall. Da die Belichtungszeit im vorletzten Jahrhundert noch viel länger war, durfte man sich vor der Kamera einige Sekunden nicht bewegen. Eine spontanes Lächeln und eine natürliche Gestik waren daher schlicht keine Option.

Trouvaillen und Zeitdokumente

Das Museum Bellpark in Kriens widmete dem Fotografen Jules Bonnet vor einigen Jahren die Ausstellung «Ein fotografisches Atelier zwischen Folterkammer und gepinselten Firnen». Doch auch im Luzerner Staatsarchiv finden sich stapelweise Aufnahmen des gebürtigen Franzosen. Hier haben wir ein bisschen geschmökert.

Man stösst dabei auch auf die Fotografien von schicken jungen Damen, welche alle dieselbe, damals scheinbar extrem trendige, Sissi-Frisur trugen.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 4:27, 31, 32)

Doch auch die Herren liessen sich nicht lumpen und zeigten bei der Gelegenheit gleich auch ihren gewonnenen Kranz von der letzten Schwinget.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 1:414)

In ungezählten alten Fotoalben von Luzerner Familien sollen sich Porträts von Bonnet finden. Und dabei finden sich zum Teil auch Mütter mit ihren Kindern, deren Kleidung sie fast wie ernste Zwillinge aussehen lässt.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 20)

Doch nicht nur die Mütter zeigten sich stolz mit ihrem Nachwuchs.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 21:2&3)

 Die Begeisterung stand nicht allen Modellen ins Gesicht geschrieben.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 13:104&106)

 Ganz schlicht und ohne Firlefanz wollten es die einen haben …

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 4)

 ... andere hingegen schöpften aus dem Vollen, was Requisiten anging.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 4)

 Photoshop oldschool: Teilweise wurden Bilder von Hand nachkoloriert.

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung PS 13:110&111)

Und gelegentlich hat Jules Bonnet auch an der frischen Luft fotografiert – wenn es etwas Wichtiges zu dokumentieren gab zum Beispiel:

(Bild: Jules Bonnet ZHB Sondersammlung LSA 19:25:4:3&4)

Der Fotograf

Jules Bonnet – Selbstporträt
Jules Bonnet – Selbstporträt (Bild: zvg Fotodok)
Jules Bonnet wurde 1840 in St. Germain in Frankreich geboren. Er war Sohn eines Buchbinders, der sich in Luzern niederliess. Er wurde Fotograf und eröffnete am 31. Mai 1863 sein eigenes Atelier an der Äusseren Weggisgasse 53. 1872 verlegte er dieses an die heutige Zürichstrasse 4. An bester Lage bot er fotografische Porträts, Stickereien und andere Souvenirs an.

Über seine Person und sein Privatleben ist nichts überliefert. Dass er ein umtriebiger Geschäftsmann war, hingegen schon. Nebst seinem Fotografie-Studio betrieb er eine Holzschnitzwarenhandlung und später auch noch eine Buchbinderei.

Bis 1891 führte er sein Studio, danach vermietete er es und später wurde es verkauft. 1925 wurde er als ältester Bürger der Stadt Luzern aufgeführt. Im Jahr 1928 verstarb Bonnet schliesslich 88-jährig und verarmt im Männerheim Eichhof.

 

Ungefähr nach 40 Sekunden im Trailer des Films über Lou Andreas-Salomé ist das Peitschenfoto Thema.

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