Dzehva Sabanovic ist eine der fünf Hauptprotagonistinnen, welche durch die Ausstellung «Anders.Wo.» leiten. Sie hat dafür einen Teil ihrer beeindruckenden Geschichte preisgegeben. (Bild: wia)
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Dzehva Sabanovic ist eine der fünf Hauptprotagonistinnen, welche durch die Ausstellung «Anders.Wo.» leiten. Sie hat dafür einen Teil ihrer beeindruckenden Geschichte preisgegeben. (Bild: wia)

Eine Ausstellung, die auch schmerzhafte Erinnerungen zutage bringt

9min Lesezeit

Eine Sonderausstellung im Museum Burg Zug bringt Geschichten von Wandernden zusammen. Von Menschen, die in Zug ankommen und von hier weggehen. Und das aus mannigfaltigen Gründen. Auch die Bosnierin Dzehva Sabanovic hat bei «Anders.Wo. Zuger Aus- und Einwanderungsgeschichten» mitgewirkt. Und dafür auch schmerzhafte Erinnerungen hervorgeholt.

«Ich bin ein sehr offener Mensch und rede auch ohne grosse Probleme über meine eigene Geschichte », sagt Dzehva Sabanovic. «Diese aber hier auszustellen, das ist etwas anders. Das geht mir sehr nah.»

Wohin und woher?

Die Sonderausstellung «Anders.Wo. Zuger Aus- und Einwanderungsgeschichten» beginnt am 24. November und dauert bis am 8. Juli 2018. Die Ausstellung wirft einen Blick auf globale Wanderungsbewegungen am Beispiel des Kantons Zug. Insgesamt 100 Aus- und Einwanderer erzählen im Rahmen der Ausstellung ihre persönliche Geschichte. Am Sonntag, 21. Januar 2018 um 11 Uhr gibt Dzehva Sabanovic selber eine Führung durch die Ausstellung. Im Anschluss daran findet eine bosnische Kaffeezeremonie statt.

Wir stehen im Museum Burg Zug, wo die Vorbereitungen für die Sonderausstellung «Anders.Wo. Zuger Aus- und Einwanderungsgeschichten» in vollem Gange sind. Hier werden bald Geschichten erzählt. Sehr persönliche Geschichten. Über Wegzug und Ankunft. Darüber, Heimat hinter sich zu lassen und zu finden. Und auch Dzehva Sabanovic wird ein wichtiger Teil dieser Ausstellung sein. Mit einer Geschichte, die unter die Haut geht.

Gerade noch rechtzeitig geflüchtet

Am 5. April 1992 brach die Bosnierin Hals über Kopf in die Schweiz auf. Eigentlich hatte sie nur geplant, eine Nacht bei ihren Eltern zu verbringen, die ebenfalls in Bosnien lebten.  «Die Atmosphäre im Land war damals höchst angespannt. Niemand glaubte jedoch daran, dass tatsächlich Krieg ausbrechen könnte.» Sabanovics Mann, der damals bereits als Saisonier in der Schweiz lebte, rief sie an und legte ihr ans Herz, sofort in die Schweiz abzureisen.

Auch ihre Eltern baten sie innig, zu gehen. «Als hätten sie eine Vorahnung gehabt. Völlig unerwartet, nur mit einer kleinen Stofftasche und einem kranken Baby im Arm nahm ich also den Bus zur Grenze. Diese überquerte ich einen Tag, bevor sie geschlossen wurde. Bevor das Militär Sarajevo belagerte und der Krieg offiziell begann.»

Länger in der Schweiz als in Bosnien

Heute lebt Sabanovic bereits länger in der Schweiz als in Bosnien. Fühlt sich hier zuhause. Beheimatet. Doch bis sich dieses Gefühl eingestellt hat, habe es einige Jahre gedauert.

«Für mich, die immer aktiv auf Leute zugeht, war es ungewöhnlich, auf Menschen zu treffen, die eher zurückhaltend sind.»

Dzehva Sabanovic, Zugerin

Sie erklärt: «Plötzlich mussten wir wieder von Null anfangen. Mein Mann plante ursprünglich, saisonweise hier zu arbeiten, um genügend Geld für das frisch gebaute Haus in Bosnien zu verdienen.» Dieses fiel jedoch dem Krieg zum Opfer. Nichts blieb übrig. «Und so lebten wir in Zug anfangs mit unseren zwei kleinen Kindern in einer Einzimmerwohnung. Mein Mann und ich arbeiteten beide Vollzeit, um über die Runden zu kommen. Ausserdem mussten wir die Schulden fürs nicht mehr existierende Haus abzahlen», sagt Sabanovic. In dieser Zeit sei es für sie schwierig gewesen, mit Schweizern in Kontakt zu treten. «Für mich, die immer aktiv auf Leute zugeht, war es ungewöhnlich, auf Menschen zu treffen, die eher zurückhaltend sind.»

Für die Ausstellung «Anders.wo.» hat sie Teile ihrer Einwanderungs-Geschichte wieder aufgerollt. Stellt Dinge aus, die sehr persönlich und sehr wertvoll sind. Etwa der Strampelanzug, den ihr Baby bei der Flucht trug.

Info-Blätter über fünf persönliche Geschichten verhelfen den Besuchern dazu, sich besser in der Ausstellung orientieren zu können. (Bild: wia)

Die Erinnerung macht die Gegenstände wertvoll

«Die meisten Dinge, die hier zu sehen, zu hören und auch zu riechen sind, haben an und für sich keinen grossen Wert», erklärt Christoph Tschanz, der für das Gesamtkonzept der Ausstellung verantwortlich ist. «Erst mit ihren Geschichten zusammen werden die Gegenstände interessant.»

Es ist eine aufwändige Sonderausstellung, welche das Museum Burg Zug gerade aus der Taufe hebt. Mit Carole Kambli und Edith Werffeli wurden externe Kuratorinnen zugezogen. Und diese haben sich im vergangenen Jahr auf die Suche gemacht nach Menschen aus Zug mit einer Ein- oder Auswanderungs-Geschichte. Dazu haben sie mit vier verschiedenen Kulturvereinen zusammengearbeitet. In Workshops wurden relevante Themen und Objekte mit Eingewanderten erarbeitet.

«Durch die Mitarbeit an ‹Anders.Wo.› habe ich vieles aufarbeiten können, was ich lange Zeit verdrängt hatte.»

Dzehva Sabanovic, Zugerin

Erinnerungsstücke von hundert Menschen konnten so zusammengetragen werden. Von Menschen, die Zug während ihres Lebens entweder verlassen oder gefunden haben. Fünf von ihnen, darunter Sabanovic, fungieren als Schlüsselpersonen, als Protagonisten, welche mit ihren Geschichten durch die Ausstellung leiten.

Aufregung vor der Vernissage

Sabanovic ist sehr nervös wegen der bevorstehenden Vernissage. Nicht zuletzt deshalb, weil sie bei der Ausstellung sehr viel Persönliches und viele schmerzhafte Erinnerungen preisgibt. Die Vorbereitungen zur Ausstellung hätten ihr einiges abverlangt. «Durch die Mitarbeit an Anders.Wo. habe ich vieles aufarbeiten können, was ich lange Zeit verdrängt hatte», sagt die Frau, die sich heute voll und ganz als Zugerin fühlt.

Obwohl im Untergeschoss der Burg Zug aktuell noch viel Tumult herrscht und unzählige Leute herumwuseln, gelangen wir beim Durchwandern der Ausstellung bereits an spannende Objekte aus früherer und heutiger Zeit. Tagebücher eines Handwerkers, der anfangs des 19. Jahrhunderts auf Wanderschaft ging, Fotos einer Wahlamerikanerin in Arizona, Zuger Aufenthaltbewilligungen aus den 60ern. Und natürlich immer wieder an Exponate von Sabanovic.

Verschiedenste Artefakte sind im Museum Burg ausgestellt. Auch solche älteren Datums. (Bild: wia)

Immer eine Tasse zu viel

Eines davon ist eine bosnische Kaffeekanne, daneben mehrere Tassen. «Wenn wir gemeinsam Kaffee trinken, nehmen wir immer ein paar Tassen zu viel mit. Es könnte ja sein, dass spontan noch jemand dazustösst. Das ist sehr stark in meiner bosnischen Kultur verankert», sagt sie.

Und dann hängt da auch noch ein Karateanzug und ein abgewetzter schwarzer Gurt. Auch diese Gegenstände gehören Dzehva Sabanovic. «Als meine Kinder klein waren, haben sie Karate gemacht. Irgendwann habe auch ich angefangen.» Seit 15 Jahren trainiert sie mehrmals wöchentlich. 2016 erhielt sie den schwarzen Gurt. «Das Training ist nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken. Karate ist zu einem sehr wichtigen Teil von mir geworden», sagt Sabanovic. «Selbst wenn ich nicht im Dojo stehe.»

«Viele Erinnerungen verbinden wir mit auditiven und olfaktorischen Wahrnehmungen.»

Carole Kambli, Kuratorin

An einer Station der Ausstellung bekommt der Besucher Geräusche und Gerüche vorgesetzt. «Denn viele Erinnerungen verbinden wir mit auditiven und olfaktorischen Wahrnehmungen», erklärt die Kuratorin Carole Kambli. Und Sabanovic sagt: «Das wichtigste Geräusch meiner Kindheit etwa ist das Schlagen eines Hammers. Mein Vater war Schmied und der rhythmische Ton seiner Arbeit war der  Herzschlag unseres kleinen Dorfs.» Sabanovic nimmt den entsprechenden Kopfhörer und setzt ihn auf. Sofort ist sie sichtlich in Gedanken versunken.

Dzehva Sabanovic ist einer der fünf Hauptprotagonistinnen, welche durch die Ausstellung Anders.Wo. leiten. Sie hat dafür einen Teil ihrer beeindruckenden Geschichte preisgegeben.

Wenn alles läuft, wie geplant, entsteht aus der Ausstellung ein Folgeprojekt. «Mit einem Kamerateam möchte ich nach Bosnien reisen und den Geschichten von Dzehva nachgehen», erklärt Edith Werffeli. So sei eine Webdoku geplant, welche mitunter die Geheimnisse der bosnischen Kaffeekultur aufspüre.

Wandern kann auch schön sein

Bei weitem nicht alle Geschichten, die an der Sonderausstellung gezeigt werden, sind dramatischer Natur. Es gibt auch schöne. Wanderungen aus Liebe. Aus Neugierde. Aus der Hoffnung heraus, woanders – oder eben in Zug – ein besseres Leben zu finden.

Das Spannende an Anders.Wo: Immer wieder wird die Ausstellung persönlich. Plötzlich wird man durch einen Geruch, ein Geräusch an die eigene Heimat, die Kindheit erinnert. Und plötzlich wird man selber gefragt, wo man denn hingehen würde, wenn man weg müsste. Wohin würden Sie auswandern?

Als Vorbereitung auf die bevorstehende Ausstellung führten Carole Kambli und Edith Werffeli Workshops, etwa mit eingewanderten Bosnierinnen, durch.
Als Vorbereitung auf die bevorstehende Ausstellung führten Carole Kambli und Edith Werffeli Workshops, etwa mit eingewanderten Bosnierinnen, durch. (Bild: zVg)

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