Erwin Koch nahm sich nach der Lesung Zeit für ein Gespräch mit einer Besucherin. (Bild: Nils Huber)
Kultur Literatur Rezension

Erwin Koch nahm sich nach der Lesung Zeit für ein Gespräch mit einer Besucherin. (Bild: Nils Huber)

Von der Liebe und anderen Zumutungen des Lebens

6min Lesezeit

«Wie geht es deinem zarten Brüstchen?», schreibt der verliebte Alois seinem Annely 1950. Der Autor Erwin Koch las in der Bibliothek Emmen aus dem Band «Was das Leben mit der Liebe macht» eine Geschichte mit Lokalbezug vor. Was seine Geschichten eindringlich zeigen: Auch Liebesbeziehungen sind ein Stück Zeitgeschichte.

Marlis Huber

Alois und Annely, er Laufbursche bei der Weber AG Emmenbrücke, sie Köchin in der Villa Toscana an der Obergrundstrasse, lernen sich im Gotthardloch kennen. Das Annely sei übrigens, erzählte der Journalist und Autor Erwin Koch den rund 70 Zuhörern zu Beginn, inzwischen 83 Jahre und lebe noch immer zu Hause an der Schützenmattstrasse.

Das Forum Gersag und die Gemeindebibliothek Emmen luden zur Sonntags-Matinée ein. Koch las aus seinem Band «Was das Leben mit der Liebe macht».

Der Funke sprang im Gotthardloch

Im Gotthardloch, diesem Lokal beim Luzerner Bahnhof, das mit seinem Namen auch 1950 noch an das Wunder des ersten Gottharddurchstichs im Jahre 1882 erinnert, offeriert also Alois seiner Zukünftigen einen Kaffee. Es ist eine Zeit, in der eine junge Liebe nach geordneten Regeln abläuft: Verlobung im Kreise der Familie, nach bestandenem Ehevorbereitungskurs in Reussbühl, am Tage der zivilen Trauung, steht der ernste und wortkarge Brautvater mit einem toten Kaninchen und einer Torte am Bahnhof Emmenbrücke. Er mahnt das Brautpaar nach dem Essen zu weiterer Enthaltsamkeit.

Erwin Koch während der Lesung in der Bibliothek Emmen.
Erwin Koch während der Lesung in der Bibliothek Emmen. (Bild: mhu)

Erst nach der Trauung vor Gott schlafen die beiden in der gemeinsamen Wohnung. Alois und Annely gründen eine Familie, arbeiten fleissig, leben bescheiden, sind ein glückliches Paar. Die Teilhabe am Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit ermöglicht aber bald eine Reise mit dem Adriaexpress ans ersehnte Meer, dann den Kauf eines Fernsehers. 1975 geht es zum ersten Mal per Flugzeug nach Gran Canaria, Ferienanlage Las Vegas.

Die Geschichte der beiden illustriert, wie auch Liebesgeschichten abhängig sind von kulturellen und wirtschaftlichen Lebenswelten, die je nachdem zu Glück oder Leid das Ihre beitragen. Als Alois im Alter an Knochenmarkkrebs erkrankt und nun Wörter wie «U-Elektrophorese» und «Farbdoppelechokardiografie» auftauchen, schwingt auch viel Zeitgeist mit. 

Die Geschichte von Alois und Annely ist zweifellos eine der glücklicheren Liebesgeschichten aus dem Band.

Unglaubliche Geschichten, wenn sie nicht wahr wären

Wie politische Zustände Biografien prägen, zeigt die verwirrende, für den europäisch verwöhnten Vernunftmenschen fast etwas lächerliche Geschichte aus Guatemala: Nachdem seine Geliebte auf offener Strasse erschossen wurde, inszeniert der Jurist Rodrigo Rosenberg Marzana seine suizidale Absicht als Attentat und hinterlässt ein Video, um politische Unruhen gegen den amtierenden Präsidenten Alvara Colom anzustiften.

Dafür, dass ein seelischer Schmerz ins Unerträgliche wachsen kann, steht die Geschichte von Witali Kalojew: Der Mann aus Nordossetien verliert 2002 beim Flugzeugabsturz in Überlingen am Bodensee seine Frau und die beiden Kinder und verübt zwei Jahre später – in einer halb bewusstlosen Verzweiflungstat – am Fluglotsen von Skyguide einen Mord.

Erwin Koch und Katrin Saturnino, Co-Präsidentin des Forum Gersag. Sie stellte den Autor den Zuhörern vor.
Erwin Koch und Katrin Saturnino, Co-Präsidentin des Forum Gersag. Sie stellte den Autor den Zuhörern vor. (Bild: mhu)

Wie schwierig das Leben und eine Beziehung in Albanien sein können, wenn auf dem Ehemann der Kanun – das Recht auf Blutrache – lastet, zeigt die Geschichte von Irena und Sokol: Er, seit 27 Jahren in Angst, baut um sein Haus eine Mauer und verlässt seine Burg kaum mehr.

Leichter ist da die Geschichte von Josef K. und Doris aus dem Luzerner Hinterland: Zwei in der Welt verlorene, aber zutiefst liebenswürdige Seelen finden sich: Er liebt sie auch mit ihren 150 kg Gewicht, sie ihn, obwohl er mit dem Gesetz in Konflikt kam. Ihm, dem leidenschaftlichen Bähnler, wurde aus Spargründen gekündigt.

Aus dieser Kränkung heraus hat er in Menznau einen Sachschaden an Güterbahnwagen arrangiert. Das war 2007 und Doris meint später dazu: «Hätte er das nicht getan, wäre er jetzt krank.»

Reduzierte Sprache mit viel Feingefühl

Der Band «Was das Leben mit der Liebe macht» vereint neun verdichtete und stark geraffte Geschichten. Zusammen mit der dokumentarischen Sprache stellt Koch eine Distanz zum Geschehen her. Diese Vorgehensweise ermöglicht einen zeitlich und räumlich umfassenden Blick in die Lebenswelten seiner Figuren.

Trotz seines sachlichen, nüchternen Stils schreibt auch immer viel Feingefühl und Empathie mit. Auch dann, wenn seine Protagonisten zu Mördern und Kleinkriminellen werden. «Alle Geschichten sind wahr, da habe ich nichts dazu erfunden», sagte Koch nach der Lesung im Gespräch mit den Besuchern. Umso eindringlicher, zuweilen verwirrend, verstörend oder erschütternd sind sie. Davon zeugte auch der angeregte Dialog zwischen dem Autor und den interessierten Zuhörerinnen am Schluss der Lesung.

Zur Person

Der Journalist und Autor Erwin Koch (1956) lebt in Hitzkirch. Er arbeitete als Redaktor bei verschiedenen Zeitungen, unter anderen bei der NZZ, «Zeit» und «Spiegel». Er erhielt für seine Reportagen und Geschichten verschiedene Preise, darunter zweimal den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis. Seit 2007 arbeitet Koch als freischaffender Autor. Der Band «Was das Leben mit der Liebe macht» erschien 2011 im Corso Verlag und hat 129 Seiten. Zurzeit werden sechs «Zentralschweizer Reportagen» von Erwin Koch unter dem Titel «Die schwarze Null» am Luzerner Theater aufgeführt (zentralplus berichtete).
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